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»Magnetismus des Bösen« in Lettre International 116

Ein tolles Interview von Frank M. Raddatz mit dem Autor und Regisseur Oskar Roehler findet sich in Lettre 116. Dabei attestiert Oskar Roehler der Meinungselite von TV und unseriösen Zeitungen eine Selbstgefälligkeit und Langeweile, die daher komme, dass ihre Vertreter »(…) aus Lehrer-, Pfarrers- und Beamtenfamilien oder aus vergleichbar realitätsfernen Veranstaltungen kommen (…)«

In einer schönen Passage sagt Roehler:

»Die Nachrichtensprecher im Fernsehen produzieren zum Beispiel häufig Versprecher und Wortverdreher, weil sie nicht bei der Sache sind, während sie ihre Sätze und Fragen vom Teleprompter ablesen. Sie denken an etwa anderes, haben vielleicht Medikamente genommen. Diese öffentlich agierenden Figuren haben zwar keinerlei Interessenkonflikt, aber sie stehen da wie Pappkameraden vor einer Kulisse und sind vor allem damit beschäftigt ihre Karriere voranzutreiben oder ihrem Hedonismus frönen zu könne.«

Alles sehr deutlich, sehr streitbar und auf jeden Fall höchst lesenswert. Bei mir hat Oskar Roehler auf jeden Fall Punkte gewonnen, auch wenn er an mancher Stelle noch recht unscharf oder simplifizierend argumentiert.

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Warum ich Krautreporter bleibe …

Ich bleibe

Gestern habe ich mich entschieden meine Mitgliedschaft bei den Krautreportern um ein Jahr zu verlängern. Dabei hatte ich eigentlich keine Lust mehr …
Letztes Jahr habe ich mich für eine Mitgliedschaft entschieden, so gross war die Sehnsucht nach einem alternativen, nach einem besseren Journalismus. Auch wenn es damals kein richtiges Konzept gab. Oder wie Gregor Sedlag es letztens beim Sender-Workshop sinngemäß ausdrückte:

»Wenn euch das SEK nachts um ein Uhr mit vorgehaltener Waffe weckt und fragt wofür ihr steht … Die Antwort sehe ich noch nicht!«

Eben! Und was nach dem Krautreporter-Start kam, hat mich zum Teil sehr verärgert: Da war ein Interview über Shopping-Center auf dem Niveau von DB mobil, Theresa Breuer reiste »unbefangen« nach Gaza und direkt der Hamas-Storytelling-Maschine für europäische Journalisten in die Arme:

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»Die Angst der Deutschen vor dem sozialen Abstieg in der europäischen Krise wird nicht an die Habenden adressiert, sondern umgelenkt an die Nicht-Zahler, gerne auch Hartz-IV-Empfänger und Sozialschmarotzer – und eben auch die Griechen. Das ist ein sehr banaler und alter Mechanismus, aber es ist traurig mit zu erleben, dass er immer noch so gut funktioniert.«

Margarita Tsomou

ZEITmagazin: Stört Sie der Gedanke nicht, dass Ihre Bücher (…) einem größeren, nicht so medieninteressierten Publikum verschlossen bleiben?

Rainald Goetz: Nein, es geht um Wahrheit. Quote ist was für Loser.

via

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Der Autor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – testcard #24

»Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen-Welt als »an sich« in die Dinge hineindichten (…) so treiben wir es (…) wie wir es immer getrieben haben, nämlich mythologisch.«

Friedrich Nietzsche

Im Herbst letzten Jahres hat der britische Science-Fiction-Autor Charles Stross in seinem Blog antipope.org eine Dystopie über die Zukunft der eBooks veröffentlicht. In der Zukunft, so prophezeit er, werden wilde Spambooks unsere eBook-Verzeichnisse durchforsten und aus den dort enthaltenen Büchern tausende von geistlosen und oberflächlichen Romanen destillieren, die eine vage Ähnlichkeit mit unseren Lesepräferenzen haben. Getarnt als Gratisexemplare werden sie sich in unsere eBooks installieren und im Text versteckte Anzeigenfläche an dubiose Offshore-Spamprovider verkaufen.

»Books are going to be like cockroaches, hiding and breeding in dark corners and keeping you awake at night with their chittering. There’s no need for you to go in search of them: rather, the problem will be how to keep them from overwhelming you.«

Dieser leicht überdrehte, technologiepessimistische Text, der sich wie eine Mischung aus William Gibson und Douglas Adams liest, bekam eine neue Facette, als sich im Frühling dieses Jahres die Berichterstattung über den sogenannten Roboterjournalismus überschlug. Plötzlich erzittert die Nachrichtenbranche vor einem Phänomen, dass vorher schon unzählige andere Arbeitsbereiche erschüttert hat: die Automatisierung. Und so wie immer wurde eine kreative und überlegene Elite konstruiert, die sich keine Sorgen zu machen brauche. Der neue Roboterjournalismus sei »rasend schnell, aber unkreativ« und die redaktionelle Assistenz und die Materialbeschaffung werde zwar bald obsolet, aber »Features, Reportagen und Interviews können noch nicht von Maschinen produziert werden«. Und natürlich erst recht keine Literatur.

Lorenz Matzat von netzpolitik.org sieht allerdings schon eine zweite Phase des Roboterjournalismus am Horizont. Diese könne »dann eintreten, wenn die semantischen Fähigkeiten der Algorithmen so weit gediehen sind, dass sie in brauchbarer Qualität Beiträge für eine Vielzahl von Themenbereichen erzeugen können.« Etwas hilflos führt er am Ende der zweiteiligen Artikelserie über Roboterjournalismus hinzu, dass die kommende Revolution von Gewerkschaften und Politik »beobachtet« und die Qualität von Roboterjournalismus durch den Pressekodex oder klare Regeln wie die drei Robotergesetze von Isaac Asimov gewährleistet werden müsse. Die drei Robotergesetze von Asimov? Oh no he didn’t!?

Offenbar befinden wir uns mitten in einer Diskussion, für die es keine adäquaten Begriffe mehr gibt. Ist Stross’ kleine Dystopie angesichts des Phänomens Roboterjournalismus doch keine überdrehte Science-Fiction, sondern ein realistisches Szenario für die Zukunft? Was ist passiert? Was wird passieren? Und was ist zu tun?
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Aus dem Notizbuch (01/12/2012): Walter Wüllenweber – Die Asozialen

»Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«

Heute musste ich an Walter Wüllenweber denken. Wüllenweber ist so ein Stern-Journalist, der ein Buch geschrieben hat, mit dem Titel »Die Asozialen«. Nicht nur, dass der Titel von plakativster Blödheit ist, nein, auch der Inhalt ist es. Wüllenweber, der momentan von einer Talkshow zur nächsten weitergereicht wird, versteht sich als Anwalt der Bürger, oder der – wie er sie zur Tarnung nennt – Mittelschicht. Seine These: Arm und Reich beuten die Mittelschicht aus. Die Mittelschicht arbeitet brav, die Reichen leben asozial von den Früchten ihrer Erbschaft und die Armen greifen via Wohlfahrtsindustrie und Hartz-IV in die Taschen der Arbeitenden.

Man muss sich das so vorstellen: Ein Walter Wüllenweber macht sich Gedanken über die Welt und zwar so wie das ein Stern-Journalist tut: Kurz hingucken, auf Sensationspotential abklopfen und dann das Hirnstübchen lüften und einen Moment spekulieren.

Dann kommt man auf die Grundthese: Mit mir, dem Bürger, ist doch alles in Ordnung. Ich arbeite brav und lasse mir nichts zuschulden kommen. Warum gibt es dann trotzdem Probleme? Krisen und so? Na klar, da gibt es ja die Reichen, die es schon immer gut gehabt haben und asozial in grenzenloser Dekadenz leben. Und die Armen, für die ich immer spenden soll und soviele Steuern zahle. Das muss man doch sehen. Da schreib ich jetzt ein Buch.
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»Seit Jahren dreht sich die fruchtlose Diskussion um das Urheberrecht in der digitalen Welt um Rechtsdurchsetzung und Strafmaßnahmen statt darum, wie dafür gesorgt werden kann, dass Künstlerinnen und Künstler für ihre Arbeit eine angemessene Vergütung erhalten. Wie wäre es, wenn man versuchen würde, die Diskussion um das Urheberrecht im Digitalzeitalter mit jener über das bedingungslose Grundeinkommen zu verbinden?«

Ilja Braun

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Re: Back to: Intrinsisches Entertainment oder »The Sirenenserver Diaries«

@rumpusQ – 29.03.15 – 00:23 Uhr

Hi!
Ich denke wir nähern uns langsam dem Kern der Angelegenheit. Ein paar deiner Gedanken (»Jede menschliche Kommunikation ist ein Tauschhandel: aufmerksam sein, Aufmerksamkeit erfahren«, »das Internet (ist) ein Kommunikationsnetzwerk (…) in dem (…) Aufmerksamkeit zu einer wichtigen Währung geworden ist«) kamen ja auch bei mir schon implizit vor. Und deine Fragestellung »Kann eine neue Währung auch eine Chance sein? Hat diese Währung die Kraft, das System, in dem sie zirkuliert, neu zu ordnen?« geht genau in die richtige Richtung.

Schön fand ich auch deine Beobachtung, dass »wenn man sein Sein im Netz erst einmal anfängt als ein unternehmerisches zu betrachten: Ja, dann offenbart sich einem plötzlich das ganze Potential des Internets, dann umweht einen dieser Duft des neuen Kontinents, der neuen Welt, der ungeahnten, unendlichen Möglichkeiten.«

Bei mir wurde dieser wohlbekannte Thrill, die euphorische Ich-AGisierung des Netzes, zu dem unangenehmen Gefühl, »dass im Netzwerk keine Menschen zu uns sprechen, sondern Waren auf dem langen Aufstiegsweg zur Star-Ware.«

Bevor wir aber über Lösungsansätze diskutieren, würde ich gerne unsere Abstraktion der hochmotivierten und leistungsbereiten Netz-Unternehmer auf empirische Füße stellen, mit ein paar Kurzbiografien von Menschen die ich persönlich kenne. Die Namen sind abgekürzt und/oder verändert:

The Sirenenserver-Diaries

J. war einer der ersten Menschen mit denen ich das Internet erforscht habe. Damals hießen die Sirenenserver noch sendmoreinfo.com und SaveBySurf (alter Artikel von 1999) und waren plumpe Versuche das Multi-Level-Marketing ins Netz zu bringen.
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