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Outtakes: Welt 3 – Bonus Dialog

Dialog aus Kapitel 23 der es wohl nicht ins Buch bzw. den Podcast schaffen wird … Es sei denn als David-Foster-Wallace’sche Fußnote 😉

»Ich glaube die Menschen sind einfach noch nicht bereit für eine nicht-humane Intelligenz.«
»Echt nicht? Und das wo wir schon seit über vierzig Jahren mit Ihnen zusammenleben?«
»Wie meinst du das?«
»Na, kennst du diesen Oldie ‚Can’t get you out of my head‘?«
»Du meinst dieses ‚La, la, la, la, la, la, la, la‘?«
»Ja, so ungefähr. Es gibt Musikkritiker die behaupten das mit diesem Track das 21. Jahrhundert eingeläutet wurde.«
»Mit so einem dämlichen Popsong?«

»Sie argumentieren, dass der Track nur auf der ersten Ebene als oberflächlicher Pop erscheint. Quasi ein glattes, gefälliges User-Interface. Auf eine tieferen Ebene ist der Track ein cleveres Verweisspiel. Nimm zum Beispiel den Titel. Der Inhalt nimmt die Form vorweg oder besser die Form exekutiert den Inhalt: Du kriegst den Song einfach nicht mehr aus dem Kopf, wenn du ihn ein paarmal gehört hast.«

»Ja, mag sein, aber was hat das mit künstlicher Intelligenz zu tun?«
»Ich finde der Track illustriert ganz schön, wie leicht sich Menschen täuschen lassen. Wenn man zum Beispiel das Cover sieht, dann räkelt sich da eine
attraktive Frau Anfang dreißig in Body und High Heels, bondagemäßig von einem Mikrofonkabel umschlungen …«

Er ruft das Bild auf seinem Slate auf.

»Sieht fast so aus als würde sie von dem Ding gewürgt.«
»Oh wie cool, das ist mir noch gar nicht aufgefallen … Egal, worauf ich hinauswollte ist, dass Kylie in diesem Song ja auch nur als User-Interface fungiert. Sie mag ihre Stimme geliehen haben, aber die ist ja nur eins von vielen Elementen, ein Klang, gleichberechtigt mit den Drumpatterns und Synthlines. Die Lyrics wurden ja auch erst Sophie Ellis-Bextor und anderen angeboten. Und in erster Linien spult da nur ein Sequenzer seine Overdubs ab … Aber natürlich brauchte die Menschen vor vierzig Jahren irgendein Gesicht, das vor der Kamera rumturnt, damit es natürlich wirkt. Das sollte ja keine radikale Maschinenmusik sein, sondern Mainstream-Pop.«
»Lass uns mal das Video anschauen.«

Er ruft das Video auf seinem Slate auf und sie betrachten es eine Weile gemeinsam.

»Also mir läuft es da kalt den Rücken runter. Schaumal wie artifiziell das schon ist.«

Tatsächlich wirkte das Video auf seltsame Weise hypnotisch. Es schien als sei Kylie mitsamt ihrem Lächeln und ihrem Song auf Videoband magnetisiert, anschließend digitalisiert und elektronisch meilenweit in den Weltraum projiziert worden. Dort hatte der Spiegel eines Satelliten sie reflektiert und zurück zu einem zentralen Relaissystem geschickt, wo sie verstärkt, synthetisiert und re-digitalisiert wurde, um zu peripheren Relaisstationen, weiter durch lokalen Switches verteilt zu werden, um schließlich re-magnetisiert durch primitives Kupferkabel gepresst in Häusern auf der ganzen Welt zu landen.

»Verstehst du jetzt was ich meine?«
»Ich glaube schon. Du willst sagen, dass wenn die Menschen dieses abstrakte Kunstprodukt als ‚Lied‘ einer ‚Sängerin‘ akzeptieren, dass sie dann nichts davon abhält einer künstlichen Intelligenz zu vertrauen, solange diese ein nettes Gesicht und eine sympathische Stimme hat?«
»Ich fürchte genau so ist es …«

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Paul Morley – Words And Music

„… es scheint als sei sie (Kylie Minogue) mitsamt ihrem Lächeln und ihrem Song auf Videoband magnetisiert, anschließend digitalisiert und elektronisch meilenweit in den Weltraum projiziert worden, dort hat das Antlitz eines Satelliten sie reflektiert und zurück zu einem zentralen Relaissystem geschickt, wo sie verstärkt, synthetisiert und re-digitalisiert wurde, um zu peripheren Relaisstationen, weiter durch lokalen Switches verteilt zu werden, um schließlich re-magnetisiert durch primitives Kupferkabel gepresst in Häusern auf der ganzen Welt zu landen.“
Paul Morley (Übersetzung: Sub_Kid)

Dieser Satz, den ich mir erlaubt habe aus dem – bisher nur in Englisch bei bloomsbury publishing erschienenen – Meisterwerk Words and Music: A History of Pop in the Shape of a City von Paul Morley zu übersetzen, umreißt brilliant die ästhetische Theorie der Popmusik die Morley in seinem Buch entwickelt.

Words and Music Cover

Paul Morley, Ex-NME-Schreiber und Mitgründer des Plattenlabels ZTT Records und der Band Art of Noise, ist einer der ‚Schöpfer‘ eines postmodernen Schreibstils über Musik und passionierter Popfan.

Anhand der dichotomen Pole ‚Can’t Get You Out Of My Head‘ von Kylie Minogue und ‚I Am Sitting In A Room‘ von Alvin Lucier hebt Morley zu einer mitreißenden Prosa über die Liebe zur Musik, ihrer gleichzeitigen Immaterialität und Körperlichkeit, ihrer biografischen Relevanz und ihrem verführerischen Glanz an und ermutigt seine Leser noch mehr und noch besser zuzuhören.

Kein Satz, der nicht mit verblüffenden Anschauungen operiert, keine eingeschobene Randbemerkung bei der man nicht wild kopfnickend zustimmen will, ein großes Buch, das hoffentlich auch bald einen Übersetzer finden wird.

Kylie Minogue und ihren unentrinnbaren Ohrwurm wird jeder kennen, aber Luciers Stück wohl eher nicht so viele. Das Stück ‚I Am Sitting in a Room‘ hat der Avantgarde-Komponist Alvin Lucier 1969 eingespielt. Eine von ihm gesprochene Ton-Aufnahme wird in einem normalgroßen Raum abgespielt und gleichzeitig eine Aufnahme davon gemacht. Diese wird wiederum in denselben Raum gespielt und gleichzeitig aufgenommen. Dieser Vorgang wird so oft wiederholt bis die Stimme der Aufnahme nicht mehr zu verstehen ist, sondern nur noch die vielfach multiplizierte Raum-Akustik hörbar ist.

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Alvin Lucier – I Am Sitting In A Room [Original Recording]
[via ubu.com]

Sowohl Alvin Lucier als auch Paul Morley haben Strictly Kev von DJ Food zu seinem großen MashUp-Pastiche-Mix Raiding the 20th Century inspiriert. Später mehr dazu …