{"id":3877,"date":"2010-03-19T20:16:30","date_gmt":"2010-03-19T18:16:30","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=3877"},"modified":"2016-06-15T16:48:59","modified_gmt":"2016-06-15T15:48:59","slug":"shawn-austin-extinguisher-das-erste-kapitel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=3877","title":{"rendered":"Shawn Austin &#8211; Extinguisher &#8211; Das erste Kapitel"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Kapitel: Mark\u2019s Wrestling Bar<\/strong><\/p>\n<p>Felix beobachtete die Spiegelungen im Panoramafenster des U-Bahn-Wagons. Durch seinen verwirrten Kopf schossen lose assoziierte Gedankenfetzen. Warum prallen die Photonen nur von der Scheibe ab, wenn es dahinter dunkel ist? Warum gibt es \u00fcberhaupt Fensterscheiben von so betr\u00e4chtlicher Gr\u00f6\u00dfe in einer U-Bahn, wo es doch die meiste Zeit rein gar nichts zu sehen gab? War Glas etwa billiger als das Blechmaterial aus dem der Rest der Wagons bestand? Oder steckte die Werbeindustrie dahinter, die sicherstellen wollte dass die Plakate an den Haltestellen auch von den Fahrg\u00e4sten wahrgenommen wurden?<\/p>\n<p>Im Fenster spiegelten sich die Gesichter der \u00fcblichen U-Bahn-Klientel. Blass-fahle Neongespenster, den Blick ins Unendliche fokussiert, die Mundwinkel mit verbissenen Lippen leicht nach unten gekr\u00e4uselt. Menschen die wohl an ihr Leben nach der U-Bahnfahrt dachten, ein Leben das sie als gl\u00fccklich antizipierten. Menschen taten dies st\u00e4ndig. W\u00e4hrend sie ein Zw\u00f6lftel ihres Tages in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln verbrachten, \u00fcblicherweise vier Zw\u00f6lftel in ihrer Arbeitsstelle und mindestens drei Zw\u00f6lftel mit schlafen, tr\u00e4umten sie davon was sie mit dem restlichen Drittel des Tages anstellen w\u00fcrden. Freilich ging von diesem Drittel noch die Zeit f\u00fcr das Besorgen und Einnehmen von Nahrung, die K\u00f6rperpflege und die versuchte Anbahnung von Geschlechtsverkehr ab. Blieben im Idealfall noch vier Stunden um die Welt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Sprung in einen k\u00fchlen See nach acht Stunden Arbeit geh\u00f6rt auf jeden Fall auf die Liste der Dinge die die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>hatte Marek gesagt, als sie heute nach der Arbeit mit dem Auto zum See gefahren waren. Tamara aus der schicken Werbeagentur, Marek, ein Literaturwissenschaftler mit Wirtschaftsambitionen, und Felix der notorisch unerfolgreiche Freiberufler. Auf dem Weg zur\u00fcck in die Stadt war das Gespr\u00e4ch der bereits alkoholisierten M\u00e4nner auf das leidige Thema Politik gekommen. Felix vermied normalerweise solche Diskussionen da ihm das Meinungseinerlei der von den einschl\u00e4gigen Infotainment-Sendungen gespeisten Realos geh\u00f6rig auf den Sack ging. Wie hatte das Foucault genannt? Ach ja, Diskurs! Nun, dann war der Diskurs der meisten seiner Freunde und Kollegen die sich \u00fcberhaupt f\u00fcr Politik interessierten klar abgesteckt: Erhaltung der Standortvorteile durch Opfergaben an die Wirtschaft, ein gesundes Misstrauen gegen im Lande arbeitende Ausl\u00e4nder gepaart mit einem dazu umgekehrt proportional hohem Interesse an deren \u201eKultur und Tradition\u201c und die wahnhafte Illusion durch M\u00fclltrennung, atmosfair und Abschaffung der Atomkraft in 25 Jahren so etwas wie ein \u00f6kologisches Bewusstsein zu besitzen.<\/p>\n<p>\n<!--more--><br \/>\nSo hatte Marek auch diesmal tats\u00e4chlich argumentiert, man solle vor rechten und linken Gruppierungen auf der Hut sein, es sei eigentlich immer so, das die Extreme nicht gut f\u00fcr die Menschen seien. \u201eGenau\u201c, hatte Tamara begeistert entgegnet, \u201eder Mittelweg ist eigentlich immer das Beste f\u00fcr alle!\u201c Sp\u00e4testens hier hatte Felix auch diesmal das Interesse an der Diskussion verloren. Wie konnte es sein, dass \u00fcberdurchschnittlich gebildete Menschen immer zu solchen Kindergarten-Hegelianern mutierten, als h\u00e4tte es Marx, Nietzsche oder den ollen Adorno nie gegeben. Na klar! These und Antithese werden zur Synthese vereint, wobei der geschichtliche Zusammenhang nat\u00fcrlich ber\u00fccksichtigt werden muss. In den Augen dieser Realos konnte man doch tats\u00e4chlich rechte Herrenmenschen- und Volksideologie, Hurra-Patriotismus und dumpfen Pathos aufrechnen gegen die Verbrechen Stalins, die chinesische Kulturrevolution und Pol Pot und heraus kam der demokratische Bundesstaat mit gl\u00fccklichen B\u00fcrgern. F\u00fcr Felix war das linke Denken immer sehr unscharf definiert gewesen. Ein Aufbegehren gegen verh\u00e4rtete und unterdr\u00fcckende Strukturen, eine Abneigung gegen Arbeitsethos und neoliberale Wachstumslogik.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAm Rande jedes gesellschaftlichen Systems existieren Menschen die auf das Ende dieses Systems warten. Es sind autonome Subjekte die ohne die permanente Revolution nicht leben k\u00f6nnen. Ist ein System zerschmettert und wird durch ein neues abgel\u00f6st folgt nach einer kurzen Phase der Euphorie die alte Stagnation.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Felix war ein solches Subjekt. Zumindest dachte er es in den wenigen Stunden des Tages, die er nicht damit zubrachte f\u00fcr TV-Produktionen oder Technologie-Riesen zu arbeiten. Adorno hatte mal sinngem\u00e4\u00df geschrieben das jeder Vater seinen Sohn des M\u00fc\u00dfiggangs verd\u00e4chtige und sich darauf verlie\u00dfe, dass das &#8218;wirkliche Leben&#8216; mit dem Zwang zum Broterwerb ihm solcherlei Flausen austreiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\nIrgendwie schien es geknechteten Menschen eine diebische Freude zu bereiten andere Menschen ihrer Utopien zu berauben. Churchill musste \u00e4hnliches im Sinne gehabt haben als er sein ber\u00fchmtes Bonmot verk\u00fcndete, wer mit Zwanzig kein Sozialist sei habe kein Herz, wer es mit Drei\u00dfig aber immer noch sei habe kein Hirn. Er meinte wohl statt Hirn eher ein Faible f\u00fcr gute Zigarren, eine gro\u00dfe Villa und Verwicklungen in diverse schmierige Gesch\u00e4fte.<\/p>\n<p>Die U-Bahn hielt heulend an der Station an der Felix aussteigen musste. In diese Gegend, ein Vergn\u00fcgungsviertel welches einem zentralen Banken- und Versicherungsghetto vorgelagert war, verkehrte Felix nicht h\u00e4ufig. Heute aber hatte ausgerechnet Felix ausgerechnet von seinem Kreditinstitut einen \u201eactiongelanden Allnighter\u201c in der Aktion \u201eJunges Gesch\u00e4ftskonto\u201c gewonnen. Offenbar schien sich der PR-Berater des Kreditinstitutes weder k\u00f6rperlich noch geistig aus seiner AfterWork- und Caipirinha-Welt fortbewegen zu k\u00f6nnen und hatte in der branchen\u00fcblichen Arroganz beschlossen dass sich jeder junge Mensch auf jeden Fall und ausschlie\u00dflich in diesem Mini-Las-Vegas am\u00fcsieren m\u00fcsste. Auf dem Programm standen ein Wrestling-Adventure, ein All-You-Can-Drink-Ticket f\u00fcr alle Bars einer gro\u00dfen Kette und ein Fast-Food-Men\u00fc. Alles f\u00fcr EINE Person! \u201eDann bringen wir es mal hinter uns\u201c, knurrte Felix und betrat die, nat\u00fcrlich mit sinnloser Apostrophierung versehene, Leuchtstoffr\u00f6hrenh\u00f6lle \u201eMark\u2019s Wrestling Bar\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Kapitel: Mark\u2019s Wrestling Bar Felix beobachtete die Spiegelungen im Panoramafenster des U-Bahn-Wagons. Durch seinen verwirrten Kopf schossen lose assoziierte Gedankenfetzen. 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