{"id":3895,"date":"2010-09-05T20:59:27","date_gmt":"2010-09-05T18:59:27","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=3895"},"modified":"2015-05-09T14:50:06","modified_gmt":"2015-05-09T12:50:06","slug":"madrid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=3895","title":{"rendered":"Madrid"},"content":{"rendered":"<p><strong>2. September<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal schreibt das Leben filmreife Szenen oder sie kommen dem unachtsamen Bewusstsein nur deshalb filmreif vor, weil das Kino zuweilen auch nichts anderes tut als erlebte Situationen wiederzugeben, wenn auch vorwiegend die mit der gr\u00f6\u00dften Informationsdichte vulgo dem h\u00f6chsten Unterhaltungswert, Dinge die uns gerne im Ged\u00e4chtnis bleiben und deshalb ihren Weg ins Langzeitged\u00e4chtnis finden und dort von begnadeten Regisseuren wiederentdeckt werden.<br \/>\n<center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/DSC01374.jpg\" width=450 alt=\"Madrid Graffiti\" \/><\/center><\/p>\n<p>Einer der Gr\u00fcnde warum ich nach Spanien im Allgemeinen und Madrid im Besonderen gereist bin war der Film &#8218;Limits Of Control&#8216; von Jim Jarmusch. Dort steht der Held, ein wortkarger Agent oder Killer, w\u00e4hrend seines Aufenthaltes in Madrid in einem Museum und ist in die intensive Betrachtung eines Gem\u00e4ldes vertieft. Solcherma\u00dfen filmisch angefeuert von echter oder zur Schau gestellter Versenkung in die Kunst, vertiefte ich mich im Museo del Prado in die Gem\u00e4lde von Goya. <\/p>\n<p>Ein Bild das meine Aufmerksamkeit besonders fesselte war &#8218;The Cudle Fight&#8216;, auf dem zwei in den Sand eingegrabene und mit St\u00f6cken aufeinander einpr\u00fcgelnde Landarbeiter zu sehen sind. Die Landschaft ist mit 35mm-Panoramabrennweite dargestellt, w\u00e4hrend die K\u00e4mpfenden in einer engen Halbtotalen kadriert sind. Ich las interessiert in meinem Gallery Guide und dachte an wenig anderes als das Gem\u00e4lde. <\/p>\n<blockquote><p>Als ich mich umdrehte und das n\u00e4chste versenkungsw\u00fcrdige Gem\u00e4lde suchte, sah ich eine junge mutma\u00dfliche Kunststudentin, die mit einem Zeichenblock Teile von Goyas Gem\u00e4lde reproduzierte.<\/p><\/blockquote>\n<p> Als mein Blick sie streifte schaute sie mich an und l\u00e4chelte vielsagend. Sie musste mich schon eine kurze Weile angesehen haben, statt Goyas Kunst zu studieren. Ich l\u00e4chelte sch\u00fcchtern zur\u00fcck und wandte mich einem anderen Gem\u00e4lde zu. Eine Standardsituation: Junge, s\u00fc\u00dfe, naive Kunststudentin hat ein Faible f\u00fcr Goya und wird im Museum von einem anderen Kunstliebhaber aufgegabelt. Es w\u00e4re zu einfach gewesen: &#8218;Hi, nice drawings. Are you an art student, by chance?&#8216; Mein intellektuelles Standverm\u00f6gen h\u00e4tte mir erlaubt eine Handvoll gutklingender Mutma\u00dfungen \u00fcber Goyas Kunst anzustellen und in ihren Augen w\u00e4re ich zu einer respektablen Kapazit\u00e4t mutiert. Trotz ihrer sch\u00f6nen Beine und der wilden roten Haare lie\u00df ich sie zeichnen. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/DSC01365.jpg\" width=450 alt=\"Madrid Street I\" \/><\/center><\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im &#8218;Parque del Buen Retiro&#8216; am &#8218;Estanque&#8216;. Der Park wird seinem wenig subtilen Namen auf jeden Fall gerecht, hier spazieren Junge und Alte, P\u00e4rchen und Gruppen von madrilenos und ein munteres Ruderboottreiben, das stellenweise an Autoscooter fahren erinnert, m\u00e4andert \u00fcber den See. Ich \u00fcberlege ob ich in der Tradition des Helden aus &#8218;Limits Of Control&#8216; auf mein Zimmer gehen und Tai Chi machen soll um ein tieferes, spirituelles  Verst\u00e4ndnis von Madrid zu initiieren. <\/p>\n<blockquote><p>Ich hatte mir Madrid ja immer als Betonw\u00fcste mit Pools inmitten von gl\u00fchendhei\u00dfer spanischer Pampa vorgestellt, dabei rei\u00dft es gegen\u00fcber anderen spanische Pilgerorten wie Ibiza, Mallorca, Barcelona und Alicante das Ruder t\u00fcchtig herum in Richtung Hochkultur.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><br \/>\nInmitten von herrlichem Klima durch ein unfassbar reiches Museum zu schlendern und \u00fcppig bl\u00fchende G\u00e4rten neben historischen Pal\u00e4sten zu sehen raubt mir schier den Atem. Auch das entspannte und weitgehend von Betrugsversuchen freie Stadtleben hat was f\u00fcr sich. Ich hatte mich ja schon an das st\u00e4ndige Lauern und Be\u00e4ugen in Middle East gew\u00f6hnt. <\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/DSC01378.jpg\" width=360 alt=\"Madrid Street II\" \/><\/center><\/p>\n<p>Ein weiteres Bild von Goya, das mich zum Schwelgen bringt, ist &#8218;Asmodea&#8216;. Im Katalogtext hei\u00dft es die g\u00e4ngige Interpretationsmaschine sei weitestgehend ratlos und trotzdem strahle das Bild eine ungeheure Faszination aus. Als ob das Eine das Andere bedingen w\u00fcrde. Zwei unterschiedliche Zeichensysteme, von denen das Eine (die Sprache) aufgrund seines ungeheuren Abstraktionsgrades glaubt das Andere beschreiben zu k\u00f6nnen, repr\u00e4sentieren aneinander vorbei. Als ob das Bild auf der visuellen Ebene noch irgendwelche Fragen offen lassen w\u00fcrde. F\u00fcr mich reiht sich das Bild nahtlos in die filmischen Visionen von Christopher Doyle und Jim Jarmusch ein und ich glaube ich befinde mich schon jetzt auf einem Pfad den Michelangelo Antonioni und Jarmusch f\u00fcr uns suchende Schattenk\u00fcnstler skizziert haben.<br \/>\n<center><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/negra14.jpg\" width=550 alt=\"Goya\" \/><\/center><\/p>\n<p>Hier in Madrid beginnt eine magische Linie, die nicht durch Zufall mit einem kurzen Epilog in Paris eingeleitet werden musste. &#8218;Hermetisch&#8216; sei das Bild, schreibt der Kunsthistoriker Valeriano Bozal \u00fcber &#8218;Asmodea&#8216;, als k\u00f6nne es ein der Sprache gegen\u00fcber unhermetisches Gem\u00e4lde geben. Und doch wissen wir intuitiv was gemeint ist: <\/p>\n<blockquote><p>Andere Gem\u00e4lde koppeln sich m\u00fchelose an sprachliche Isomorphe, wenn zum Beispiel bei Hieronymus Bosch der Dreisatz Eden-Erbs\u00fcnde-H\u00f6lle aufgemacht wird und feiste Menschenwesen sich in Fleischeslust suhlen.<\/p><\/blockquote>\n<p> Doch wo in &#8218;Asmodea&#8216; das Vorsprachliche aufscheint, da ist es gerade die gro\u00dfe, r\u00e4tselhafte Kunst, die mich im Inneren ber\u00fchrt. Was f\u00fcr einen Traum Goya wohl gehabt hat als ihm diese Bilder erschienen sind? Welche Drogen muss ich auf meiner Fahrt nach Sevilla nehmen um eine \u00e4hnliche Vision zu haben?<\/p>\n<p><strong>3. September<\/strong><\/p>\n<p>\nHei\u00dft es eigentlich &#8218;un&#8216; oder &#8218;una&#8216; cerveza? Vielleicht sollte ich das m\u00f6ppelnde P\u00e4rchen am Nebentisch fragen, die gerade einen Streit \u00fcber Geld und Zeit haben, die sie in die Beziehung &#8218;investieren&#8216;. Damit w\u00e4re mal wieder hinreichend gekl\u00e4rt, warum ich lieber alleine reise. Die Herrschaften kommen wohl aus Bayern, sch\u00e4tzungsweise Gro\u00dfraum M\u00fcnchen. Sie ist nicht unattraktiv, ein schlanker Blondschopf mit wundersch\u00f6nen rotlackierten F\u00fc\u00dfen. Die W\u00e4hrung mit der der Mann f\u00fcr ihre Anwesenheit zahlt ist in diesem Falle die Spielball ihrer Affekte zu sein. <\/p>\n<p>Der Star des &#8218;Centro de Arte Reina Sofia&#8216;, in dem ich heute den halben Tag verbracht habe, ist Picassos &#8218;Guernica&#8216; und mir ist aufgefallen, dass in der Mitte des Bildes eine Gl\u00fchbirne abgebildet ist, die die grausame Szenerie erhellt. Man kann das wohl als Picassos Kommentar zur Aufkl\u00e4rung verstehen und das erinnert mich an Dietmar Daths Gedanken zu diesem Thema. Die Frage die jetzt im Raum steht ist die: <\/p>\n<blockquote><p>Wie kann es sein, dass in Zeiten der Aufkl\u00e4rung, des Triumphs des Menschen \u00fcber die chaotischen M\u00e4chte der Natur, die Maschinerie der Vernunft eine so blutige Spur hinterl\u00e4sst?<\/p><\/blockquote>\n<p> Oder anders formuliert: Warum kann der Humanismus nicht mit der instrumentellen Vernunft Schritt halten? Jede gro\u00dfe wissenschaftliche Entdeckung hat unser Selbstbild und unser Denken beeinflusst, aber wo es der Verstand schafft aus den Gesetzen der Thermodynamik eine m\u00e4chtige Industrie zu bauen und die Elektrizit\u00e4t zu domestizieren, da erhellt keine Idee den Geist des Menschen, ganz im Gegenteil, barbarische Auslegungen des Darwinismus zerst\u00f6ren Millionen Menschenleben. Sind die Geisteswissenschaften deswegen einem st\u00e4ndigen Argwohn ausgesetzt, weil sie im Gegensatz zu den Naturwissenschaften keine reproduzierbaren Ergebnisse generieren k\u00f6nnen? Es ist ein Kategorienfehler zu behaupten, im Namen der Aufkl\u00e4rung seien die gr\u00f6\u00dften Verbrechen begangen worden. Gerade da wo sie bis zum \u00c4u\u00dfersten verleugnet worden ist, zeigten Auschwitz, der Archipel Gulag und Hiroshima ihr h\u00e4ssliches Antlitz. <\/p>\n<p>Anstatt zu fordern die Errungenschaften der Natur auf ein &#8217;naturw\u00fcchsiges Ma\u00df&#8216; (was auch immer das auch sein mag) zur\u00fcck zu stutzen, sollte doch endlich der b\u00fcrgerliche Zwangscharakter unter die Lupe genommen werden&#8230; Dann kann auch das \u00fcber Geld und Eigentum streitende Liebespaar am Tisch neben mir endlich den herrliche Sonnenuntergang genie\u00dfen. Morgen geht es weiter nach Sevilla&#8230;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Diese madrile\u00f1a habe ich mir als Stadtf\u00fchrerin und Tapas-Expertin gew\u00e4hlt und wir haben eine aufregende Bartour in Madrid gemacht&#8230;<\/p>\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/DSC01384.jpg\" width=360 alt=\"Madrilena\" \/><\/center><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. September Manchmal schreibt das Leben filmreife Szenen oder sie kommen dem unachtsamen Bewusstsein nur deshalb filmreif vor, weil das Kino zuweilen auch nichts anderes tut als erlebte Situationen wiederzugeben, wenn auch vorwiegend die mit der gr\u00f6\u00dften Informationsdichte vulgo dem h\u00f6chsten Unterhaltungswert, Dinge die uns gerne im Ged\u00e4chtnis bleiben und deshalb ihren Weg ins Langzeitged\u00e4chtnis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1778,1815],"class_list":["post-3895","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-travel","tag-madrid","tag-spain"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3895","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3895"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3895\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6841,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3895\/revisions\/6841"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3895"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3895"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3895"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}