{"id":3916,"date":"2011-06-16T21:21:26","date_gmt":"2011-06-16T19:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=3916"},"modified":"2016-06-15T12:08:10","modified_gmt":"2016-06-15T11:08:10","slug":"little-brother-von-cory-doctorow-und-saal-6-von-achim-szepanski-romane-fuer-das-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=3916","title":{"rendered":"Romane f\u00fcr das 21. Jahrhundert?"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Little Brother&#8220; von Cory Doctorow und &#8222;Saal 6&#8220; von Achim Szepanski <\/strong><\/p>\n<p>Ich habe in den letzten Tagen Ausz\u00fcge aus den Romanen &#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/3499215500\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=culturejammin-21&#038;linkCode=am2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3499215500\">Little Brother<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=culturejammin-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3499215500\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>&#8220; von <a href=\"http:\/\/craphound.com\/littlebrother\/\">Cory Doctorow<\/a> und &#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/398132272X\/ref=as_li_tf_tl?ie=UTF8&#038;tag=culturejammin-21&#038;linkCode=am2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=398132272X\">Saal 6<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=culturejammin-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=398132272X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>&#8220; von <a href=\"http:\/\/edition-mille-plateaux.de\/\">Achim Szepanski<\/a> gelesen. Obwohl die beiden Romane sprachlich, zeitlich, publikationschronologisch (V\u00d6 Little Brother: 2008) und \u00e4sthetisch weit auseinanderliegen, so haben sie doch eines gemeinsam: Ihr programmatisches Anliegen eine Gegenwartsanalyse oder -beschreibung mit den Mitteln der Prosa oder des epischen Romans zu liefern.<\/p>\n<p>Cory Doctorow, der definitiv der lesbarere der beiden ist, bedient sich in <strong>Little Brother<\/strong> eines (zumindest in der deutschen \u00dcbersetzung) oft peinlich klingenden Tekkie-Sprechs um in die Erlebniswelt eines Hackers oder Digital Natives einzutauchen. <\/p>\n<p>&#8222;Mein SchulBook zu cracken war simpel gewesen. Der Crack war binnen eines Monats nach Einf\u00fchrung der Maschine online zu finden, und es war eine billige Nummer \u2013 blo\u00df ein DVD-Image runterladen, brennen, ins SchulBook stecken und die Kiste hochfahren, w\u00e4hrend man ein paar Tasten gleichzeitig gedr\u00fcckt hielt. Die DVD erledigte den Rest und installierte etliche versteckte Programme auf dem Laptop, die von den t\u00e4glichen Fernpr\u00fcfungs-Routinen der Schulleitung nicht gefunden werden konnten. Man musste blo\u00df hin und wieder ein Update aufspielen, um auch die neuesten Testverfahren der Direktion zu umgehen; aber das war ein bescheidener Preis daf\u00fcr, ein bisschen Kontrolle \u00fcber die Kiste zu bekommen.&#8220;<br \/>\n[Deutsche \u00dcbersetzung <a href=\"http:\/\/cwoehrl.de\/files\/lbdt_v1.pdf\">hier<\/a>]<\/p>\n<p>Von den Gr\u00fcndern des Genres (<strong>William Gibson, Neal Stephenson<\/strong>) ist das meilenweit entfernt. Ich hatte streckenweise das Gef\u00fchl hier w\u00fcrde versucht lahme Erz\u00e4hlprosa durch Jargon und Verweise auf technologische Gimmicks aufzuwerten. (Englisches Original <a href=\"http:\/\/craphound.com\/littlebrother\/download\/\">hier<\/a>)<\/p>\n<p>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Achim Szepanskis rhizomatische Versuche alles in einem Satz zu sagen und die Welt an Hand von hochgradig mit Bedeutung aufgeladenen Begriffen zu erkl\u00e4ren, sind unlesbar.<\/p><\/blockquote>\n<p>In jeder Charakter- und Szenenbeschreibung verstecken sich Signifikanten eines vermeintlich h\u00f6heren politischen Bewu\u00dftseins, welches aber an keiner Stelle auch nur skizzenhaft geschildert wird.<\/p>\n<p>&#8222;Sam Kimberlay fordert Dr. Dr. Hanselmann mehrmals eindringlich auf, doch bitte zumindest mit einer grob skizzierten Taktik politischer Interventionsm\u00f6glichkeit an den Start zu gehen, was er auf der f\u00fcr 18:00 Uhr im Konferenzraum 29\/4 im 29. Stock kurzfristig anberaumten Pressekonferenz ja auch zum Besten geben k\u00f6nne, welche aber mehr hergeben m\u00fcsse, als die Nacherz\u00e4hlung des (De)konstruktionspapiers des in Frankfurt-Eschborn ans\u00e4ssigen Marktforschungsinstituts DM, wonach haupts\u00e4chlich in Bankerkreisen, aber inzwischen auf alle Berufs- und Bev\u00f6lkerungsschichten \u00fcbergreifend, ein h\u00f6chst bedenkliches, notorisches oder infekti\u00f6ses, aber bisher durch keinen Verbreitungsalgorithmus oder etwa durch Reaktionsdiffusionsgleichungen identifizierbares Mikro-Herdenverhalten haupts\u00e4chlich in urbanen Ballungszentren zu beobachten sei, das am effektivsten au\u00dfer Kraft gesetzt werden k\u00f6nne, wenn man es den Medien zum Ausverkauf anbiete, indem man beispielsweise an der eventtechnisch, akklamativen Aufbl\u00e4hung arbeite, um das Event in hyperkomplexe Kontexte zu transferieren, zu transkommunizieren, wenn nicht gar zu transzendieren, bis man einen Tipping Point erreiche, an dem das Event eine massenpsychologische Popularit\u00e4t bzw. Anziehungskraft gew\u00e4nne, dass die Veranstaltung sich f\u00fcr einen gro\u00dfen Kinofilm z.B. des deutschen Regisseurs Eichendorf bestens eigne bzw. sich als eigenst\u00e4ndiges Genre in der auf Unterhaltung bedachten TV- und Internetwelt wiederf\u00e4nde, was das in seiner Komik kaum zu \u00fcberbietende Herdenverhalten endg\u00fcltig abk\u00fchlen k\u00f6nnte, um stattdessen mit Hilfe der Medienindustrie die kulturelle Leitfigur des gl\u00fccklich neuronalen Menschen als reizbares kybernetisches Maschinenwunder mit Affirmationskraft zu propagieren, dessen weltdurstigen Sinne als die Obertonreihen komplexer psychopolitischer und k\u00f6rperlicher Funktionen in komplexe Schaltpl\u00e4ne, Zeitreihen und Gleichungen eingeh\u00e4ngt seien, am besten nat\u00fcrlich in der EB.&#8220;<br \/>\n[via <a href=\"http:\/\/de-bug.de\/mag\/8091.html\">de:bug<\/a>]<\/p>\n<blockquote><p>Und das ist EIN Satz! Banale Fakten, Manager-Klischees (&#8222;w\u00e4hrend das M\u00e4dchen ihn mit pathologischen Double-bind-artigen Gesten \u2013 sie trug einen paillettenbesetzten Disco-Romper, so nennt man Overalls in Hot-Pants-L\u00e4nge \u2013 eindeckte und -dickte und in American English auf ihn einredete&#8220;) und Casino-Kapitalismuskritik kleiden sich in einen sperrigen postrukturalistischen Philosophiejargon.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gesetzt den Fall es g\u00e4be hier tats\u00e4chlich etwas noch Unbekanntes zu entdecken, br\u00e4uchte es ein Hauptseminar um das Buch auf seinen immanenten Gehalt hin aufzudr\u00f6seln. <\/p>\n<p>\nAuch Szepanski hat ein ber\u00fchmtes Vorbild: <strong>David Foster Wallace<\/strong>, der wiederrum ein (von ihm bestrittenes) Vorbild in Thomas Pynchon hat. An die literarische Gr\u00f6\u00dfe ihrer Vorbilder kommen beide Autoren nicht heran, wohl aber k\u00f6nnen beide Romane als Experimente auf den jeweils abgesteckten Feldern gelten. <\/p>\n<p>\nDer Vorbehalt, ich verst\u00fcnde es einfach nicht was der Autor mir sagen will, gilt nat\u00fcrlich auch hier, zumindest bei Szepanski. Zwar ist eine Autorenintention vormoderne Erwartungshaltung des Rezipienten, aber die pflege ich im Gro\u00dfen und Ganzen auch einzufordern und meine sie bei Pynchon, Gibson und Wallace auch erahnen zu k\u00f6nnen. Und das Szepanski mir gar nichts sagen will, kann mir auch keiner erz\u00e4hlen. Dann l\u00e4sst man keine Wohlstandsverlierer in einer Systemgastronomie auftreten.<\/p>\n<p>Schlimmer als die Romane von Szepanski sind allerdings die haarstr\u00e4ubenden Interviews, die er z.B. <a href=\"http:\/\/de-bug.de\/mag\/8087.html\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/34\/34584\/1.html\">hier<\/a> gegeben hat. Theoriefragmente die wild um die gestellten Fragen herumm\u00e4andern und in denen diese Fragen wie Treibholzsplitter in einem Tsunami wirken, die ab und zu an unerwartbaren Stellen aus dem Redefluss auftauchen um die Illusion eines Dialogs zu erzeugen. Das ist entweder hochabstrakte postmoderne Kunst oder Zuschauerbeschimpfung auf Deleuzianisch. <\/p>\n<p>\nTo be continued&#8230;<\/p>\n<p>\n<a href=\"http:\/\/flattr.com\/thing\/312630\/Little-Brother-von-Cory-Doctorow-und-Saal-6-von-Achim-Szepanski-Romane-fur-das-21-Jahrhundert\" target=\"_blank\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/api.flattr.com\/button\/flattr-badge-large.png\" alt=\"Flattr this\" title=\"Flattr this\" border=\"0\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Little Brother&#8220; von Cory Doctorow und &#8222;Saal 6&#8220; von Achim Szepanski Ich habe in den letzten Tagen Ausz\u00fcge aus den Romanen &#8222;Little Brother&#8220; von Cory Doctorow und &#8222;Saal 6&#8220; von Achim Szepanski gelesen. 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