{"id":3924,"date":"2012-03-15T21:29:43","date_gmt":"2012-03-15T19:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=3924"},"modified":"2015-05-24T12:09:58","modified_gmt":"2015-05-24T10:09:58","slug":"ars-gratia-artis-part-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=3924","title":{"rendered":"Ars Gratia Artis? &#8211; Part III"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>F\u00fcr einen kreativen Umgang mit Original, Imitation, Copyright und Starsystem<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/realvinylz.net\/?p=3921\">(Fortsetzung von Part II)<\/a><\/strong><\/p>\n<p>\n<strong>Der Kult um den Star<\/strong><\/p>\n<p>Aber diese Punkte beantworten nicht die Frage, warum sich so viele Kulturproduzent_innen \u00fcberhaupt mit dem Status der un(ter)bezahlten Contentproduzent_innen abgeben, wenn sie doch eigentlich davon leben wollen?<br \/>\nDer Sektor der Kulturproduktion ist, wie viele Branchen die von der Selbstausbeutung und Prekarisierung ihrer Produzent_innen leben, ein Starsystem. Dieses Starsystem entwickelte das warenproduzierende System laut Guy Debord aus dem historischen Umstand, dass \u201edie Unzufriedenheit selbst zu einer Ware geworden ist\u201c (1), der arbeitende Mensch somit nach seiner \u201eSelbstverwirklichung\u201c strebt, die gleichsam als Lebensziel an sich erscheint:<\/p>\n<blockquote><p>Die Stars sind da, um unterschiedliche Typen von Lebensstilen und Gesellschaftsauffassungen darzustellen, denen es global zu wirken freisteht. Sie verk\u00f6rpern das unzug\u00e4ngliche Resultat der gesellschaftlichen Arbeit, indem sie Nebenprodukte dieser Arbeit mimen, die als deren Zweck magisch \u00fcber sie erhoben werden: die Macht und die Ferien, die Entscheidung und der Konsum, (\u2026) <\/p><\/blockquote>\n<p>Nur mit der Aussicht auf gr\u00f6\u00dfere Macht, mehr Aufmerksamkeit und einem lebenswerteren Leben mit den Privilegien eines Stars (2), bzw. der erfolgreicheren und einflussreicheren Kulturarbeiter_innen im gleichen Arbeitsfeld, l\u00e4sst sich die Bereitschaft erkl\u00e4ren, tempor\u00e4r unter dem Lohnniveau (oder f\u00fcr kostenlosen Kaffee) zu arbeiten. Gewerkschaften und Tarifvertr\u00e4ge erscheinen unter der Hypnose des Starsystems nat\u00fcrlich als restriktive Relikte einer vergangenen Zeit.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nParadoxerweise hat das Starsystem auch ein Feedback im Verhalten der Kulturkonsument_innen. Die Berechtigung, die sich manch eine(r) f\u00fcr den kostenfreien Download eines bestimmen Kulturguts herbeiphilosophiert, ist, wo sie nicht explizit oder implizit politisch ist, der Neid auf die vermeintlich privilegierten Darsteller_innen eines \u201ewahrhaftigen\u201c Lebens: Die K\u00fcnstler_innen, die Musiker_innen, die  Kulturproduzent_innen: Menschen die dem Ideal des Stars zumindest graduell n\u00e4her stehen als man selbst. \u201eIch nehme denen doch nichts weg\u201c, ist eine oft geh\u00f6rte rhetorische Figur. (3)<br \/>\nDiese Sichtweise blendet den Begriff der Klasse aus. Die Klasse der Kulturproduzent_innen besteht aus Arbeiter_innen, die Ideen, Konzepte und Vorstellungen als immaterielle Ware produzieren m\u00fcssen um ihre Existenz zu sichern. Die Mitbewerber_innen sind keine Feinde, sondern Individuen, die denselben \u00dcberlebenskampf f\u00fchren.<br \/>\nManch einer mag argumentieren, dass die Vertriebe, Content-Provider, Label, G\u00fctesiegel und Marken den Kulturproduzent_innen beim sozialen Aufstieg und dem Kampf um Aufmerksamkeit helfend zur Seite stehen. Dmytri Kleiner verneint dies und wagt einen \u00fcberraschenden Vergleich:<\/p>\n<blockquote><p>In any system of property, musicians collectively can no more retain ownership of the product of their labour than can workers at a textile sweatshop. The purpose of intellectual property (\u2026) is to ensure a propertyless class exists to produce the information profited on by a propertied class. Intellectual property is no friend of the intellectual, or creative, worker.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.metamute.org\/en\/Copyfarleft-and-Copyjustright\">Dmytri Kleiner<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>\nDiese funktionelle Trennung zwischen Dealer_innen und Produzent_innen von Kulturprodukten wird oft verwischt oder gar geleugnet. Darum erscheinen Kulturtechniken wie Download und Remix f\u00fcr viele auf der einen Seite lebensbedrohlich und verwerflich und auf der anderen Seite subversiv und sexy. Ist doch die F\u00fclle an warenf\u00f6rmigen Kulturg\u00fctern so \u00fcberm\u00e4chtig, dass es geradezu automatisch gerecht und widerst\u00e4ndig erscheint das \u201eSystem\u201c in einen \u00e4sthetischen Krieg zu verwickeln. Diese Strategien, der, vor allem in den Neunzigern entwickelten, gro\u00dffl\u00e4chigen, semiotischen Guerillaaktionen (Adbusting, Culture Jamming, Mashup, Sampling), flankiert von den Kulturtechniken der Raubkopie und des Filesharing, sind meiner Ansicht nach grandios nach hinten losgegangen. Die Verramschung und der Ausverkauf von Kulturprodukten, den wir derzeit erleben, ist leider nur die negative Seite des modernistischen Versprechens K\u00fcnstler_innen k\u00f6nnten l&#8217;art pour l&#8217;art (4) machen, da die wesentlichen \u00f6konomischen Probleme gel\u00f6st worden sind. Die Versprechen der Moderne sind auf \u00e4sthetischer Ebene eingel\u00f6st worden, aber auf der \u00f6konomischen ausgeblieben. Lokale Sabotage- und St\u00f6raktionen helfen bei der L\u00f6sung der \u00f6konomischen Probleme wenig. Sie sind vielmehr in einer simplen pseudo-revolution\u00e4ren Geste verankert, deren catchy Parolen oft an der Realit\u00e4t vorbeigehen:<\/p>\n<blockquote><p>(\u2026) there&#8217;s no problem in loosely aggregating millions of people around a diffuse pro-piracy\/anti-copyright program, because it rhymes with their own interests, is composed of (a) negative thinking and (screw the industry!) (b) small homemade constitutive acts (\u2026), and (c) the absence of heavy ideological baggage (all political shades love it!)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/knowfuture.wordpress.com\/2007\/11\/22\/copyfarleft-an-anarchist-gema\/\">Alan Toner<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>So widerspr\u00fcchlich es klingt: Wir brauchen das Copyright und damit den Begriff des Originals um im existierenden System als Kulturproduzent_innen \u00fcberleben zu k\u00f6nnen und sollten uns doch, im Interesse eines freien Zugangs zur Kultur f\u00fcr alle Menschen, von der Dichotomie zwischen Original und Imitation befreien. Das b\u00fcrgerliche Lager sieht in der Imitation minderwertige, nachgeahmte oder geklaute Kunst und kopflose Anti-Copyright-Aktivist_innen halten jede Kopie und jeden Remix f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Akt. Beides ist in der gegenw\u00e4rtigen Lage nicht hilfreich.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/realvinylz.net\/?p=3927\"><strong>(Fortsetzung in Part III)<\/strong><\/a><\/p>\n<p><strong>Footnotes:<\/strong><\/p>\n<p>(1) Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin: Edition TIAMAT 1996<br \/>\n(2) Der Star ist hier ausdr\u00fccklich nicht ausschlie\u00dflich in seiner Verk\u00f6rperung als Rock- oder Popstar, sondern in seiner vielf\u00e4ltigen Gestalt als beispielsweise Modedesigner_in, Herausgeber_in, Chefredakteur_in, Regisseur_in, Producer_in, Creative Director, Kunstmarktliebling oder Schauspieler_in gemeint.<br \/>\n(3) Ich selber habe oft gegen\u00fcber erbosten Filmfreund_innen rechtfertigen m\u00fcssen warum man meinen Film \u201e<a href=\"http:\/\/www.culture-jamming.de\">Culture Jamming<\/a>\u201c nicht kostenlos auf einem kommerziellen Festival zeigen d\u00fcrfe, er sei doch schlie\u00dflich von ARTE bezahlt worden.<br \/>\n(4) Ironischerweise taucht dieses l\u00f6bliche Motto ausgerechnet im bekannten Intro der Metro-Goldwyn-Mayer, Inc., einem der gr\u00f6\u00dften amerikanischen Medienunternehmen auf. \u00dcber dem L\u00f6wenkopf steht: Ars Gratia Artis<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/sampling+\/1.0\/\">CC-Sampling Plus 1.0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr einen kreativen Umgang mit Original, Imitation, Copyright und Starsystem (Fortsetzung von Part II) Der Kult um den Star Aber diese Punkte beantworten nicht die Frage, warum sich so viele Kulturproduzent_innen \u00fcberhaupt mit dem Status der un(ter)bezahlten Contentproduzent_innen abgeben, wenn sie doch eigentlich davon leben wollen? 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