{"id":439,"date":"2009-04-10T15:53:51","date_gmt":"2009-04-10T14:53:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.realvinylz.de\/genre\/netlabel-update-2009-kompromiss-mit-zukunft\/"},"modified":"2014-09-12T12:48:52","modified_gmt":"2014-09-12T10:48:52","slug":"netlabel-update-2009-kompromiss-mit-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=439","title":{"rendered":"Netlabel-Update 2009: Kompromiss mit Zukunft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unkommerzielle Netlabel mit kostenlosem Musikangebot oder Digitallabel mit Bezahl-Download? Im Netz entbrennt die ideologische Schlacht. W\u00e4hrenddessen ebnen  Kompromissmodelle den Weg in die Zukunft.<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<strong><em><a href=\"http:\/\/www.wechselwirkungen.wordpress.com\">Bastian Th\u00fcne<\/a> in De:Bug 131<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Bis vor kurzem schien die Technolabel-Welt noch relativ klar aufgeteilt. Auf der einen Seite gab es Vinyl-, auf der anderen Netlabels. Klar gibt es schon l\u00e4nger iTunes f\u00fcr den digitalen Gebrauch der breiten Masse, auch Downloadportale f\u00fcr DJ-orientierte Musik sind nichts Neues und auflegbare MP3s kursieren schon lange im Netz &#8211; ob als zweckentfremdete Promos oder als \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gemachte Sicherheitskopien. Aber das war fast ausschlie\u00dflich Musik, die es auch physisch ohne Internet gegeben h\u00e4tte. Netlabels konnten sich ihrem vermeintlichen Alleinstellungsmerkmal im virtuellen Raum sicher sein. Doch mit dem langsamen Durchbruch der Digitallabels (siehe De:Bug 129) ger\u00e4t die Netlabel-Welt schwer ins Wanken. Gedrosselter Output und\/oder Umstellung auf Bezahl-Downloads &#8230; das war 2008.<\/p>\n<p>Das bekannteste unter ihnen ist sicherlich <a href=\"http:\/\/www.thinner.cc\/pages\/home.php\">Thinner<\/a>. Sebastian Redenz, der Betreiber von Thinner und dem eingestellten Sublabel Autoplate, sorgte im Dezember vergangenen Jahres f\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen innerhalb der Community, als er auf seinem Blog bekanntgab, Thinner demn\u00e4chst als Hybrid-Label mit einer Mischung aus kostenloser &#8211; unter creative commons lizenzierter &#8211; Musik und eben kommerziellen Releases zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das hat nat\u00fcrlich erst einmal gesessen. Manch einer mag am liebsten laut \u201cKommerzialisierung!\u201d schreien, andere sehen schon Dollarzeichen aus ihrem Router blitzen. Doch so bin\u00e4r-prek\u00e4r sieht die Lage bei den Netlabels nicht aus. Genauso unterschiedlich wie die Qualit\u00e4t der Musik im Netz sind auch die Ans\u00e4tze und Ansichten der verschiedenen Macher. Und am Ende wird vielleicht doch wieder alles gut in der Netzwelt. Legten doch Netlabels ein innovatives Modell vor, das inzwischen vom Mainstream gefeiert wird, so Pheek, der das ehemalige Net- und heutige Hybridlabel <a href=\"http:\/\/contemplation.archipel.cc\/\">Archipel<\/a> betreibt: &#8222;Ich musste schon lachen, als jeder jubelte: \u2018Radiohead hat das bahnbrechende Business-Modell erfunden.\u2019 Das ist zwar toll, aber wir machen das schon seit Jahren.&#8220; Zeit also f\u00fcr einen kl\u00e4renden Blick.<\/p>\n<p><center><img src='http:\/\/www.realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/riogrande.jpg' alt='riogrande.jpg' vspace=10 img border=no\/><\/center><\/p>\n<p><strong>Pro vs. Contra<\/strong><br \/>\nNetlabels sind die einfachste und finanziell sicherste Art ein Label zu betreiben. Im Minimalmodus langt ein Account bei einem der Blog-Anbieter: Die Musik kann auf Seiten wie archive.org gespeichert werden und mit der Creative-Commons-Lizenz, die k\u00fcrzlich ihren 6. Geburtstag feierte, ist die rechtliche Unsicherheit beseitigt. Gerade f\u00fcr Leute, die ihre ersten Gehversuche wagen wollen, sind das ideale Bedingungen. <\/p>\n<p>\n&#8222;Ich sehe den riesigen Vorteil von Netlabels gerade darin, dass man innerhalb einer sehr kurzen Zeit sehr viel mehr Leute erreicht als mit Vinyl oder digital. Der Aspekt, dass die Releases kostenlos zu laden sind, spielt eine sehr gro\u00dfe Rolle. Des weiteren ist man mit einem Netlabel sehr unabh\u00e4ngig, was Vertrieb, Promotion, Design etc. angeht. Auch kann man viel schneller neue Musik releasen, da es einfach unkomplizierter ist als auf Vinyl&#8220;, so Markus Masuhr von <a href=\"http:\/\/www.insectorama.de\/\">Insectorama<\/a>. <\/p>\n<p>Als Untergrundbewegung k\u00f6nnen Netlabels auch an den Sounds von morgen basteln und eigene Klang\u00e4sthetiken verfolgen, ohne Abh\u00e4ngigkeit von Markt und K\u00e4ufer. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Doch gibt es kein Yang ohne ein Ying. Martin Donath von <a href=\"http:\/\/www.stadtgruenlabel.net\/\">Stadtgruen<\/a> zeigt die negativen Aspekte auf: \u201cJeder, der drei, vier Leute kennt, die Musik machen, kann bei Blogspot einen Blog einrichten, haut die Musik raus und nennt sich Netlabel. Dadurch gibt es viel Schrott.&#8220; Den gab es zwar schon in den 90ern, aber damals gab es Plattenl\u00e4den und Vertriebe als zentrale Instanzen, die filterten. Auch \u00fcberlegten es sich Labelmacher zweimal, ob die jeweilige Musik es wert war, Geld in eine Pressung zu investieren.<\/p>\n<p>Zu den generellen Problemen kommen durch andere Akteure neue hinzu, so Martin. &#8222;Immer mehr Digitallabels etablieren sich. F\u00fcr die K\u00fcnstler ist das attraktiv, weil hier kein finanzielles Risiko im Spiel ist, gleichzeitig das Netzwerk gut organisiert ist und die Musiker davon ausgehen k\u00f6nnen, dass sich ihre Tracks schnell verbreiten. Denen geht es vielleicht auch nicht ums Geldverdienen, aber sie wollen geh\u00f6rt werden.&#8220; <\/p>\n<p>\nGeld spielt nat\u00fcrlich doch eine Rolle, die ernsthafte Bedrohung entsteht durch die GEMA. Einmal Mitglied in der Verwertungsgesellschaft, darf kein St\u00fcck mehr unter Creative Commons zur Verf\u00fcgung gestellt werden, d.h. das Netlabel m\u00fcsste pro Download eines GEMA-K\u00fcnstlers knapp 20 Cent pro Song abf\u00fchren und w\u00e4re durch fehlende Einnahmen gezwungen, seine H\u00f6rer zu subventionieren. Das gilt sogar f\u00fcr Musik, die vor der Mitgliedschaft entstanden ist.<\/p>\n<p><strong>Neusortierung<\/strong><br \/>\nDas Hybridlabel mit einer Mischung aus freien und kommerziellen Ver\u00f6ffentlichungen ist eine m\u00f6gliche L\u00f6sung f\u00fcr dieses Dilemma. Archipel waren die ersten, die dieses Prinzip einf\u00fchrten, erz\u00e4hlt Pheek: &#8222;Im September 2006 stiegen wir auf Bezahl-Downloads um. Anfangs verkauften wir einen Release und verschenkten ihn gleichzeitig mit einer niedrigen Bitrate. Das funktionierte aber nicht so gut, also ver\u00f6ffentlichten wir ihn zuerst als Bezahl-Download, um ihn dann nach zwei, drei Monaten kostenlos herzugeben. Diejenigen, die Musik bei Beatport kaufen, sind normalerweise DJs, die neue Musik wollen und auch bereit sind, daf\u00fcr zu zahlen. Viele derjenigen, die darauf warten, dass die V\u00d6s kostenlos werden, sind Liebhaber, die hier und da runterladen, aber denen es nicht so wichtig ist, ob die Musik neu ist oder nicht.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr Thinner, die als Netlabel alles erreicht haben, was m\u00f6glich ist, ist es vor allem auch die Neugier &#8222;ob wir von 200 Downloads sprechen oder 2000 oder von 20. Es z\u00e4hlt, dass wir neue, interessante Ziele haben und wir aus der \u2019Mottenkiste\u2019 Netlabel, die sie vor allem in der Au\u00dfenwirkung ist, rauskommen. Durch diese Entscheidung hat sich f\u00fcr uns viel ge\u00e4ndert.&#8220; Einfach war die Entscheidung f\u00fcr Sebastian nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Wir haben uns nur schwer mit den Bezahl-Downloads angefreundet und sind uns auch v\u00f6llig klar, woher wir kommen, worauf der Mythos Thinner beruht. N\u00e4mlich nicht auf den K\u00fcnstlern, sondern auf dem Konzept, der Marke Thinner. Von daher werden wir viele Leute vor den Kopf sto\u00dfen. Andererseits gab es aber auch oft Leute oder K\u00fcnstler von uns, die fragten, wann eine Platte kommt. Gerade f\u00fcr K\u00fcnstler wie Marko F\u00fcrstenberg, der auf den angesagtesten Labels Platten rausbringen kann, macht das keinen Sinn, seine Musik weiter zu verschenken. Es ist schade f\u00fcr uns, wenn wir jahrelang K\u00fcnstler wie ihn aufbauen, er uns cool findet, ihm aber die Business-Grundlage fehlt. Diese K\u00fcnstler m\u00f6chten wir nicht verlieren. Deswegen waren wir auch aus dieser Perspektive gezwungen zu handeln.&#8220;<\/p>\n<p>Matthias Schubert von Statik Entertainment startete seinerzeit das Netlabel <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/instabilstatikentertainment\">Instabil<\/a>, um &#8222;Tracks zu ver\u00f6ffentlichen, die es auch auf Vinyl geschafft h\u00e4tten, aber aufgrund der Masse bei Statik erst sp\u00e4t h\u00e4tten ber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nnen.&#8220; F\u00fcr ihn war es ein schwerer Schritt, sich von Creative Commons zu verabschieden und zum reinen Digitallabel \u00fcberzugehen. &#8222;Aber es ist letztendlich eine faire Geschichte f\u00fcr den Artist, der nun f\u00fcr seine M\u00fchen und geistige Urheberschaft einen Profit generieren kann.&#8220;<\/p>\n<p><center><img src='http:\/\/www.realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/festplatte2.jpg' alt='festplatte2.jpg' vspace=10 img border=no \/><\/center><\/p>\n<p>Bei Insectorama sieht man der Zukunft gelassen entgegen und forciert auch weiterhin die freie und durch Creative Commons gest\u00fctzte Musikkultur. &#8222;Es ist die Philosophie meines Labels, die Tracks zum kostenlosen Download anzubieten. Somit kann es jedem, der Zugang zum Internet hat, erm\u00f6glicht werden, sich sehr hochwertige, gute Musik anzuh\u00f6ren.&#8220; Das Tempo der Ver\u00f6ffentlichungen ging auch bei Stadtgruen herunter, das liegt jedoch mehr an Zeit- als an Motivationsproblemen. <\/p>\n<p>\n&#8222;Ich studiere, arbeite, mache selber noch Musik. Da muss das Label, das man quasi als Open Source nebenbei macht, als erstes zur\u00fcckstehen. Wir machen das hobbym\u00e4\u00dfig weiter, auch weil wir uns in der Szene einen relativ guten Namen gemacht haben. Es w\u00e4re schade, das Ganze versauern zu lassen. Und wenn wir K\u00fcnstler finden, die sich mit uns identifizieren k\u00f6nnen und ihre Musik kostenlos zur Verf\u00fcgung stellen, dann machen wir das.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Paradoxe Produzenten, gute Aussichten<\/strong><br \/>\nWarum jedoch Vinyl heute noch so einen extrem hohen Stellenwert hat, ist nicht immer ganz klar, f\u00fcgt Matthias hinzu. &#8222;Das Paradoxe ist: Es kauft kaum noch jemand Schallplatten, aber dem K\u00fcnstler ist es trotzdem wichtig Vinyl zu ver\u00f6ffentlichen. Das ist als Qualit\u00e4tsma\u00dfstab immer noch das Nonplusultra.&#8220; Sebastian differenziert das und zeigt, dass Netlabels auch in der Zukunft eine Sache sein werden, die nicht einfach ersetzbar ist.<\/p>\n<p>&#8222;Eine EP von uns l\u00e4dt sich im Schnitt 15.000 Mal innerhalb der ersten drei Monate runter. Selbst wenn sich das nur jeder dritte komplett anh\u00f6rt, sind das immer noch 5000. Eigentlich ist jeder Release von uns ein Hit. F\u00fcr viele K\u00fcnstler der gr\u00f6\u00dfte \u00fcberhaupt. Nur kommt davon nicht die Butter aufs Brot (lacht). Das ist absurd. K\u00fcnstler denken da oft zu kurzfristig. Gerade f\u00fcr eine langfristige K\u00fcnstlerstrategie sind Netlabel ein absolut zentrales Tool, weil diese Releases Bestand haben. Wenn es auf einem guten Netlabel herauskommt, wird das h\u00e4ufig heruntergeladen und es zementiert sich im Netz. Aber viele K\u00fcnstler schlie\u00dfen das aus. F\u00fcr die macht es mehr Sinn, eine 300er- oder 500er-Auflage Vinyl herauszubringen, als mehrere zehntausend Mal heruntergeladen zu werden. Da wird noch ein bisschen kurzfristig gedacht. Schau dir mal an, wer momentan die interessantesten Artists sind. Johnny D, Sascha Dive, bei Ornaments Marko F\u00fcrstenberg und Sven Tasnadi, Daniel Stefanik. Das sind alles junge K\u00fcnstler einer neuen Generation, die ihre ersten Gehversuche im Netz gemacht und begriffen hat, dass man das auch gut f\u00fcr sich nutzen kann.&#8220;<\/p>\n<p>Links:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.insectorama.de\">Insectorama<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.stadtgruenlabel.net\">Stadtgruen<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.thinner.cc\">Thinner<\/a>; <a href=\"http:\/\/www.thinnerism.cc\">Thinnerism<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/contemplation.archipel.cc\">Archipel<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/instabilstatikentertainment\">Instabil<\/a><\/p>\n<p>Fotos under cc by <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/bildpark\/2346276620\/\">MarcoSZ<\/a>; <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/alphasix\/158902839\/\">Alpha Six<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unkommerzielle Netlabel mit kostenlosem Musikangebot oder Digitallabel mit Bezahl-Download? Im Netz entbrennt die ideologische Schlacht. 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