{"id":4837,"date":"2000-09-27T20:12:32","date_gmt":"2000-09-27T18:12:32","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=4837"},"modified":"2014-10-02T20:24:02","modified_gmt":"2014-10-02T18:24:02","slug":"agonie-des-realen-big-brother-die-2-staffel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=4837","title":{"rendered":"Agonie des Realen: Big Brother &#8211; Die 2. Staffel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Selbstverortung:<\/strong><br \/>\nIm Februar diesen Jahres, als die ersten Medienwellen \u00fcber &#8222;Big Brother&#8220; durch den \u00c4ther sp\u00fclten, nahm ich mir sofort vor, diese Sendung nie einzuschalten. Nicht etwa aufgrund alberner Fernsehkonsumkontroll\u00e4ngste \u00e0 la &#8222;Ich habe mal kurz zu Tutti Frutti gezappt&#8220;, vielmehr aus Angst vor der Dreistigkeit, mit der die Produzenten die Schreckensvision des Orwellschen <strong>Big Brothers<\/strong> aush\u00f6hlen, indem sie es zum Symbol einer Fernsehshow machten. Doch nach schleichendem Beginn der Serie erlag ich zunehmend der Faszination eines vollkommen von Kameras kontrollierten (k\u00fcnstlichen) Lebens. Die Frage stellte sich mir, inwieweit die Protagonisten noch ein normales Leben f\u00fchren k\u00f6nnen, und wie das Experiment wohl ohne Kameras aussehen w\u00fcrde. Extreme Fernsehshows dieser Art kannte man ja h\u00f6chstens aus &#8222;Dr.Who&#8220;-Folgen oder bitterb\u00f6ser Medienkritik-Science-Fiction. Und das alles lie\u00dfen Die Teilnehmer f\u00fcr &#8222;nur&#8220; 250.000 DM mit sich geschehen &#8211; ein Viertel des Gewinns einer anderen bekannten Quizshow Nach 2 Wochen entwickelte ich mich zum &#8222;Big Brother&#8220; Kenner, f\u00fchrte meine eigenen Warnungen ad absurdum und diskutierte heftig mit, \u00fcber das Leben von John, Andrea, Zlatko und Co. Zumal mir auch die Kritiker immer weiter auf die Eier gingen, die den Quoten nur in die H\u00e4nde spielen &#8230; Subersive Affimation?<\/p>\n<p><strong>1. Zwischenspiel:<\/strong><br \/>\nGegen Ende der ersten Staffel, als &#8222;Die Bewohner&#8220; mit dem Hit <strong>Gro\u00dfer Bruder<\/strong> in den Charts auftauchten, mit einem Text \u00e4hnlich &#8222;Du bist mein gro\u00dfer Bruder, du bist immer da &#8230; &#8222;, beschlich mich pl\u00f6tzlich die Paranoia, hier ginge es nicht nur um Einschaltquoten, sondern die <strong>Big Brother<\/strong>-Macher wollten quasi schunkelnderweise schon mal Einstimmen auf die Realit\u00e4t totaler \u00dcberwachung. Eben genau durch die Behauptungen der Bewohner, da\u00df alles sei ja gar nicht so schlimm und die Entwertung des Schreckensymbols des <strong>Big Brother<\/strong>. (Zur Erinnerung: Der Orwellsche <strong>Big Brother<\/strong> war das Medium eines totalit\u00e4ren Staates, das seine Bewohner mit Ideologie zusp\u00fclte, und sie gleichzeitig per R\u00fcckkanal \u00fcberwachte.) Doch sei hier erstmal Schlu\u00df mit der Paranoia.<\/p>\n<p><strong>Big Brother- Realit\u00e4t:<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Nach l\u00e4ngerer Zeit entwickelte sich das todgesendete Format zu &#8222;einem minimalem tats\u00e4chlichen Ereignis (in einem) ein maximales Echo erzeugendem Hallraum&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p> Meint hier die Zeitungen, die Sensationsmeldungen und &#8222;geheime&#8220; Fakten ver\u00f6ffentlichten, die Prominentenbesuche im Container, die ausgekoppelte Charthits der Ex-Bewohner und so weiter &#8230; Anscheinend hatten die Caster nicht gen\u00fcgend Konfliktpotential eingebaut, und das Containerleben entwickelte sich recht friedlich und ereignislos.<br \/>\n(Zynisch wie Percy Hoven zugab, Zlatko sei als &#8222;ey, alter wasn los&#8220;-Baustein ausgesucht worden, und h\u00e4tte sich dann als Star entpuppt) Schnell war dann auch das Ende der Serie erreicht, und es begann die \u00fcbliche mediale Resteverwertung &#8230; Dienst nach Vorschrift.<\/p>\n<p><strong>Die zweite Staffel:<\/strong><br \/>\nMan hatte dazugelernt. Eine gro\u00dfe Show veranstaltet, Stars auftreten lassen, Fans sind nach H\u00fcrth eingeladen worden &#8230; quasi die kapitalistische Variante von &#8222;der Masse eine Begriff von sich selber geben&#8220;. Auch die Bewohner sind jetzt 12 an der Zahl und aus s\u00e4mtlichen verf\u00fcgbaren Klischees rausgemorpht worden. Das simulierte Leben kann weitergehen. Und: Die ersten Sch\u00e4den die die <strong>Big Brother<\/strong>-Welle ausl\u00f6sen wird, sind zu sp\u00fcren &#8230; Die Bewohner verhalten sich nicht nur in erster Ordnung k\u00fcnstlich wie im ersten Teil (&#8222;Blo\u00df bei allen beliebt sein, damit man nicht nominiert wird&#8220;), sondern beziehen die zweite Ordnung, d.h. die Zuschauer mit in ihre Kalkulation ein. So wird beispielsweise Karim vorgeworfen, er wolle bei den Zuschauer als &#8222;der Liebe&#8220; ankommen, nur weil er die v\u00f6llig fertige Marion tr\u00f6stet. <\/p>\n<blockquote><p>Dieses Mi\u00dftrauen seinen engsten Umgebenden gegen\u00fcber, zugunsten eines antizipierten Zuschauers, ist wohl schon fast eine Psychose, die den gegeben Realit\u00e4ten ein herrschendes \u00dcber-Ich entgegenstellt: Den allm\u00e4chtigen Zuschauer<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Der Zuschauer:<\/strong><br \/>\nSelber kann der Zuschauer (dank der Cleverness von <strong>rtl2<\/strong>) jetzt mitbestimmen, wer nominiert wird (faktisch hat die Stimme aber eher symbolischen Charakter). Er hat Einflu\u00df auf das Handeln der Protagonisten und vergi\u00dft damit netterweise die gegebenen Realit\u00e4ten. Sein Feedback ist folgenderma\u00dfen zubewerten:<\/p>\n<p><strong>2.Zwischenspiel:<\/strong><br \/>\n&#8222;In der Sph\u00e4re der Medien (der der Zuschauer ausgesetzt ist) wird zwar gesprochen, aber so, da\u00df nirgends darauf geantwortet werden kann. Unn\u00f6tig sich das Fernsehen als Periskop vorzustellen, mit dem das Regime im Privatleben eines jeden herumspioniert, denn es ist vielmehr als das, das Fernsehen ist, da\u00df die Leute nicht mehr miteinander reden, dass sie angesichts einer Rede ohne Antwort endg\u00fcltig isoliert sind.&#8220; Paranoia also nicht nur in zuk\u00fcnftigen Schreckensvisionen \u00e0 la Orwell, sondern eher in der Alltagswelt.<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><br \/>\nH\u00f6rt auf, euch \u00fcber diesen Quatsch zu unterhalten, &#8222;Big Brother&#8220; dient nur drei Zwecken<\/p>\n<p>&#8211; der Quotenmaximierung bei geringsten Produktionskosten, um Werbung zu lancieren<br \/>\n&#8211; der Verschleierung der steigenden \u00dcberwachung \u00f6ffentlicher Pl\u00e4tze, Automaten, Bahnh\u00f6fen, Superm\u00e4rkten bzw. die Verharmlosung dessen<br \/>\n&#8211; der Eliminierung sozialer Kontakte die \u00fcber Medienreflektion hinausgehen<\/p>\n<p>\u00dcber die popkulturellen Implikationen der Serie, die ihre Faszination ausmachen, hier ein andermal.<\/p>\n<p>(Alle in Anf\u00fchrungszeichen gestellte Zitate enstammen Jean Baudrillard &#8222;Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen&#8220; )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstverortung: Im Februar diesen Jahres, als die ersten Medienwellen \u00fcber &#8222;Big Brother&#8220; durch den \u00c4ther sp\u00fclten, nahm ich mir sofort vor, diese Sendung nie einzuschalten. 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