{"id":5669,"date":"2015-01-21T20:29:47","date_gmt":"2015-01-21T18:29:47","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=5669"},"modified":"2015-10-20T15:18:36","modified_gmt":"2015-10-20T13:18:36","slug":"vaporwave-essay-testcard-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=5669","title":{"rendered":"Vaporwave Essay &#8211; testcard #23"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was soll denn eigentlich verschwunden sein? &#8211; Vaporwave und die Leere hinter der Oberfl\u00e4che<\/strong><\/p>\n<p>Vor vielen Jahren sprach Diedrich Diederichsen mal in einer Videolecture \u00fcber ein Ereignis, das seine Wahrnehmung von Musik fundamental ver\u00e4ndert habe. Er habe gerade eine CD geh\u00f6rt \u2013 ich meine es war das Album <a href=\"http:\/\/a-musik.com\/artist\/l-n.html\">L@N<\/a> der gleichnamigen D\u00fcsseldorfer Band \u2013 als ihn ein Freund anrief. Der Freund, der via Telefon Zeuge der Musikaufnahme wurde, habe ihn gefragt, ob er gerade Musik aus dem Internet streame. Diederichsen erkl\u00e4rte sich diese merkw\u00fcrdige Frage damit, dass der Freund den abstrakten, von allen Realwelt-Signifikanten bereinigten, Sound von L@N offenbar mit dem Internet und der spezifischen Internettechnik \u00bbstreamen\u00ab assoziiert habe.<\/p>\n<blockquote><p>\nDiese Lecture, l\u00e4ngst in den Weiten des Internet verloren, kam mir wieder ins Bewusstsein, als ich in einer Bestenliste des Blogs <a href=\"http:\/\/www.tinymixtapes.com\/features\/2012-favorite-50-albums-of-2012\">tinymixtapes.com<\/a> das Album <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=txIFTuI0r-Q\">Vanishing Vision<\/a> von <a href=\"http:\/\/internetclubdotcom.angelfire.com\/\">INTERNET CLUB<\/a> entdeckte.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><br \/>\nBlitzartig wurde ich in die Corporate Identity des Acts eingesaugt: Das im Anime-Stil gestaltete Albumcover zeigt eine weichgezeichnete Miami Vice-Version eines Stra\u00dfenzuges in Shibuya oder Nanjing Lu in Shanghai, eine klassische Metapher des Cyperpunk: die dystopische Megacity als Kritik einer durchkapitalisierten Welt. Billboards und Videoprojektionen sollen \u00fcber das reale Elend, die deprimierende Realit\u00e4t hinwegt\u00e4uschen. Der Albumtitel <strong>Vanishing Vision<\/strong> dr\u00fcckt dasselbe auf textlicher Ebene aus: Eine Vision (also etwas das der Ordnung des Irrealen angeh\u00f6rt) verschwindet \u2013 vanished \u2013 sie geht verloren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/vanishing-vision.jpg\" alt=\"vanishing vision\" width=\"640\" height=\"437\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5671\" srcset=\"https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/vanishing-vision.jpg 640w, https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/vanishing-vision-300x205.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Und INTERNET CLUB produziert den Soundtrack zu diesem Verlust: Eine mit einem Bandpassfilter bearbeitete \u2013 also auf bestimmte Frequenzen reduzierte, geloopte und mit Reverb, Echo und St\u00f6reffekten bearbeitete Version der Musik die f\u00fcr gew\u00f6hnlich in Telefon-Warteschleifen, Imagevideos, Flughafen-Lounges und Zahnarztpraxen vor sich hin dudelt und die irgendwie \u00bbInternet\u00ab ist. Sie klingt abgehoben, transzendent, seltsam k\u00f6rperlos, nach der grenzenlosen Leere die sich hinter einer hochglanzpolierten Oberfl\u00e4che verbirgt. Manche Tracks erinnern an den sich endlos wiederholenden MIDI-Sound eines Computerspiel aus der 8-Bit-\u00c4ra, dem man hilflos ausgeliefert war, wenn man an einer besonders kniffligen Stelle feststeckte.<br \/>\n<center><iframe loading=\"lazy\" width=\"420\" height=\"315\" src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/wVO3E8zy2l0?rel=0&amp;controls=0&amp;showinfo=0\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n<\/center><\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/internetclubdotcom.angelfire.com\/\">Website<\/a> von INTERNET CLUB (mittlerweile leicht umgestaltet) ist eine Imitation content-\u00fcberfrachteter Download-Seiten wie <a href=\"https:\/\/www.mediafire.com\/\">MediaFire<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.sendspace.com\/\">sendspace<\/a> und FileShareHQ. Links oben ist ein Clipart eines Laptops zu sehen, aus dem ein schillerndes Polarlicht entweicht, und die Alben erscheinen als in poppigen Farben und unterschiedlichen Schriftgr\u00f6\u00dfen gesetzte Links &#8211; eine wahnwitzige Appropriation des semi-legalen Nerdlayers des WWW. Und genauso klingt die Musik von INTERNET CLUB. <\/p>\n<p>Das Genre, Subgenre oder Microgenre, unter dem INTERNET CLUB und \u00e4hnliche Acts wie <a href=\"http:\/\/mediafired.tumblr.com\/\">MediaFired<\/a>, <a href=\"http:\/\/newdreamsltd.tumblr.com\/\">\u60c5\u5831\u30c7\u30b9\u30afVIRTUAL<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/lil_icebunny\">James Ferraro<\/a> etc. subsumiert werden, nennt sich \u00bbVaporwave\u00ab. <\/p>\n<p>Der Begriff leitet sich von dem IT-Slangwort \u00bbVaporware\u00ab ab, das \u00bbeine Produktank\u00fcndigung bezeichnet, deren Auslieferungsdatum mehrfach auf unbestimmte Zeit verschoben wurde oder bei der die Auslieferung des Produkts nicht zu Stande kam.\u00ab Das Suffix \u00bb-wave\u00ab ist dabei dem  Genredachbegriff \u00bbNew Wave\u00ab der 1980er-Jahre entlehnt, \u00fcber den Eugene Wiener schrieb, er bezeichne \u00bbeine neue Mode, deren Form und Inhalt austauschbar sind.\u00ab So steht Vaporwave auch in der direkten Nachfolge der Microgenres Chillwave, Ghostwave, Witchwave und Coldwave.<br \/>\nAuf <a href=\"http:\/\/www.tinymixtapes.com\/music-review\/internet-club-vanishing-vision\">tinymixtapes<\/a> beschreibt James Parker Vaporwave als \u00bbglossy corporate mood music, dredged from the nether regions of the internet.\u00ab <\/p>\n<blockquote><p>Vaporwave ist die \u00c4sthetisierung der Leere, die hinter den seltsam zeitlosen Imagefilmen, Corporate Videos und 3D-Animationen lauert, deren Musikspur die Protagonisten des Genres f\u00fcr ihre Musik bearbeiten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Genau wie Vaporware sind diese Imagefilme Relikte eines Produktversprechens, das nie eingel\u00f6st wurde (oder nie eingel\u00f6st werden wird). Der semantische Overhead eines Werbespots (die Signifikanten f\u00fcr Sex, soziale Akzeptanz, Lustbefriedigung, Luxus, Z\u00e4rtlichkeit etc.) verweist immer ins Leere \u2013 die Ersatzbefriedigung ist das Produkt. Dies illustriert z.B. das Doppelvideo zu den Tracks \u00bbFinal Tears\u00ab und \u00bbWeb Fantasy (Real Estate Outside Euclidean Space Mix)\u00ab von INTERNET CLUB:<\/p>\n<p><center><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/Nq3i9YsBt7o?rel=0&amp;controls=0&amp;showinfo=0\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>Der zweite Teil \u00bbWeb Fantasy\u00ab ist das Cut-Up eines Produktpr\u00e4sentationsfilmchens \u00fcber einen an der Kamera vorbeigleitenden Limousinen-Van, in dessen Innenraum sich Zeichen der Dekadenz finden: Mega-Flat-LCD, Minibar, Ledergarnituren, futuristische Konsolen und audiophile Lautsprecher. Dazu schraubt sich eine Bassline stoisch in die H\u00f6he und ein Synthesizer dudelt fr\u00f6hliche Melodien. Menschen sind nur medial vermittelt \u2013 \u00fcber den Flatscreen oder wortw\u00f6rtlich als Schatten \u2013 anwesend. Immer und immer wieder sehen wir dieselben sinnentleerten filmischen Gesten, die nur ein Ziel haben: Ein Produkt zu bewerben, das sich 98% der Menschen nicht leisten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Die \u00bbWeb Fantasy\u00ab \u2013 der Klammerzusatz \u00bbReal Estate Outside Euclidean Space\u00ab deutet es bereits an \u2013 ist ein virtuelles Produkt, der Versuch etwas zu verkaufen, das m\u00f6glicherweise nie hergestellt werden wird. Das Video erzeugt durch simple Repetition und Montage einen Moment der Verwirrung, eine kognitive Dissonanz. Das Luxuskonsumversprechen des Originalvideos wird transzendiert, da die neu arrangierten Signifikanten als absurd und inhaltsleer entlarvt werden.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich arbeitet auch der Portugiese <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/mediafired\">MediaFired<\/a>, der f\u00fcr sein Video zum Track \u00bbPixies\u00ab \u2013 ein Reverb-Loop des Songs \u00bbWuthering Heights\u00ab von Kate Bush \u2013 vier Szenen eines alten Pepsi-Werbespots mit den in den 1990er Jahren weltber\u00fchmten Supermodels Cindy Crawford, Tyra Banks und Bridget Hall zu einem verst\u00f6renden Cut-Up verarbeitet hat. Die z\u00e4rtlich-erotischen Gesten der Verf\u00fchrung (die im Originalvideo einem Neugeborenen gelten) evozieren ein Bild von transzendenter Weiblichkeit, die im selben Augenblick mit der Zuckerbr\u00fche von Pepsi verkn\u00fcpft wird. Durch die permanente Wiederholung der Schwenks und \u00dcberblendungen des f\u00fcnfzehn Jahre alten Spots und die engelhaften Modulationen in Kate Bushs Gesang, wirkt das Video wie aus einer Geisterwelt her\u00fcbergeweht und geradezu l\u00e4cherlich metaphysisch \u00fcberfrachtet. <\/p>\n<p><center><iframe loading=\"lazy\" width=\"420\" height=\"315\" src=\"\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/guZueuki4-Q?rel=0&amp;controls=0&amp;showinfo=0\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>Beide Videos unterziehen ihr Ausgangsmaterial einer strukturalistischen T\u00e4tigkeit, wie sie Roland Barthes beschrieben hat:<\/p>\n<blockquote><p>\n\u00bbDas Ziel jeder strukturalistischen T\u00e4tigkeit, sei sie nun reflexiv oder poetisch, besteht darin, ein \u00bbObjekt\u00ab derart zu rekonstituieren, dass in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine \u00bbFunktionen\u00ab sind).\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Kulturtechnik erinnert auch an die fr\u00fchen Vertreter der Pop Art oder der Appropriation Art wie z.B. <a href=\"https:\/\/www.artsy.net\/artist\/richard-prince\">Richard Prince<\/a>, der Werbemotive so oft reproduzierte, bis etwas in den Bildern sichtbar wurde, was vorher \u00fcbersehen werden konnte. Sein Bild <a href=\"http:\/\/www.richardprince.com\/photographs\/cowboys\/#\/detail\/1\/\">Untitled (Cowboy)<\/a> von 1989 ist eine Kopie (Fotografie) einer Kopie (Werbeanzeige) eines Mythos (Cowboy). Indem er seine Motive erneut fotografierte und ein Repertoire verschiedener Strategien (Unsch\u00e4rfe, K\u00f6rnung, Vergr\u00f6\u00dferung, Beschneidung) auf die Bilder anwandte, machte er eine neue Bedeutungsdimension sichtbar \u2013 er beraubt die Bilder ihrer \u00bbNat\u00fcrlichkeit\u00ab und entlarvt sie als \u00bbhalluzinatorische Fiktionen der Begehren einer Gesellschaft.\u00ab<\/p>\n<p>\n<center><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/5-Untitled-Cowboy-Richard-Prince-2001-02-3.4-million-Leveled-1024x693.jpg\" alt=\"5-Untitled-Cowboy-Richard-Prince-2001-02-3.4-million-Leveled\" width=\"900\" height=\"609\" class=\"aligncenter size-large wp-image-5675\" srcset=\"https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/5-Untitled-Cowboy-Richard-Prince-2001-02-3.4-million-Leveled-1024x693.jpg 1024w, https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/5-Untitled-Cowboy-Richard-Prince-2001-02-3.4-million-Leveled-300x203.jpg 300w, https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/5-Untitled-Cowboy-Richard-Prince-2001-02-3.4-million-Leveled.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/center><\/p>\n<p><strong>Sind sich die Vaporwave-Produzenten der kunst- und philosophiegeschichtlichen Tradition bewusst, in der sie stehen?<\/strong><\/p>\n<p>\nZumindest der Texaner Will Burnett, der sich hinter den Projekten INTERNET CLUB, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4IWRC3mN8GU\">Ecco Unlimited<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.discogs.com\/artist\/3767416-%E6%96%B0%E3%81%97%E3%81%84%E3%83%87%E3%83%A9%E3%83%83%E3%82%AF%E3%82%B9%E3%83%A9%E3%82%A4%E3%83%95\">\u2591\u2592\u2593\u65b0\u3057\u3044\u30c7\u30e9\u30c3\u30af\u30b9\u30e9\u30a4\u30d5\u2593\u2592<\/a> und <a href=\"http:\/\/datavision.bandcamp.com\/\">Datavision Ltd.<\/a> verbirgt, verr\u00e4t in <a href=\"http:\/\/dummymag.com\/features\/2012\/07\/12\/adam-harper-vaporwave\/\">einem Interview<\/a> mit <a href=\"http:\/\/rougesfoam.blogspot.de\/\">Adam Harper<\/a> die Kenntnis von Guy Debords Hauptwerk \u00bbDie Gesellschaft des Spektakels\u00ab. Guy Debord, der das Leben in den kapitalistischen Gesellschaften als \u00bbabgesonderte Pseudowelt\u00ab beschrieben hatte, in der \u00bballes was unmittelbar erlebt wurde (\u2026) in eine Vorstellung entwichen\u00ab sei, schlug als eine L\u00f6sung des Problems die Technik des D\u00e9tournement vor: eine Zweckentfremdung vorgefundener Filmsequenzen, Fotos, Comicbilder und Texte, die eine neue Bedeutungsebene schaffen soll. <\/p>\n<blockquote><p>Was er mit INTERNET CLUB tun wollte, so Will Burnett, sei \u00bbsomething very Debordian, about how this capitalistic society has generated a dehumanizing hyperreality by focusing on infinite generation of ideals as shown through commodities. I view society as entering a hyperreal state (\u2026)\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit den Techniken des fehlerhaften Loops, des Reverbs und der Audiokompression erreiche er \u00bbthe defamiliarisation of things we\u2019ve become so used to that we don\u2019t notice them any more.\u00ab<\/p>\n<p>Was sich zun\u00e4chst wie verkopfte Avantgardetechnik anh\u00f6rt ist im Ergebnis extrem eing\u00e4ngige und verf\u00fchrerische Popmusik. Man fragt sich, woher die wohlige Melancholie oder Euphorie kommt, die einen \u00fcberf\u00e4llt, wenn man die Tracks von INTERNET CLUB, MediaFired oder \u60c5\u5831\u30c7\u30b9\u30afVIRTUAL h\u00f6rt. Einerseits ist es sicherlich der lustvolle Effekt des Wiederkennens von Standard-Riffs \u2013 eingespielt von namenlosen Studiomusiker_innen \u2013 oder das Am\u00fcsement \u00fcber die \u2013 schon in den Originaltracks vorhandenen \u2013 Klischees von \u00bbMusikalit\u00e4t\u00ab, \u00bbVirtuosit\u00e4t\u00ab und \u00bbImprovisation\u00ab. Die H\u00f6rer_innen nehmen die gleiche ironische Distanz ein, die sie beispielsweise auch gegen\u00fcber dem Genre \u00bbpeinlichste Lieblingslieder\u00ab haben. Andererseits scheint es zweifellos eine \u00c4sthetik des Verschwindens und der Leere zu geben, einen wohligen Schauer, der einen \u00fcberf\u00e4llt, wenn man an das Ende aller Dinge denkt. <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbHinter jedem Bild ist irgend etwas verschwunden \u2013 doch ebendies macht seine Faszination aus. Hinter der virtuellen Realit\u00e4t in all ihren (\u2026) Formen ist das Reale verschwunden \u2013 doch ebendies fasziniert alle Welt.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese These, aus dem letzten Text des franz\u00f6sischen Philosophen Jean Baudrillard, ist die affirmative Version der ern\u00fcchterten Feststellung Debords \u00bbAlles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.\u00ab<\/p>\n<p>Doch was ist das eigentlich, das \u00bbReale\u00ab, das verschwunden ist? Was haben wir denn je unmittelbar erlebt? Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass unsere Sinne uns mit der Realit\u00e4t verbinden. Je mehr Sinne in die Wahrnehmung der Realit\u00e4t involviert sind, desto realistischer erscheint sie uns, desto mehr tauchen wir in sie ein. Nun ist gerade das Genre des Cyberpunk, auf das Vaporwave in seiner Ikonografie immer wieder verweist, permanent mit dem Gedanken einer vollen Immersion besch\u00e4ftigt, also einer subjektiven Ununterscheidbarkeit von Realit\u00e4t und Simulakrum durch virtuelle Stimuli. Die Stimulation mit digital generierten Bildern und Kl\u00e4ngen findet l\u00e4ngst statt, und das nicht nur in audiovisuellen Medien. Auch die wachsende Verbreitung von Shopping Malls, beliebte Inspirationsquelle von Vaporwave, ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie der \u00f6ffentliche Raum durch eine pseudoauthentische Kommerzkultur verdr\u00e4ngt wird. <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbEinkaufszentren sind ausgekl\u00fcgelte Kommunikationsmedien, dazu geschaffen, Elemente der Kultur in kommerziell simulierten Formen zu reproduzieren.\u00ab<br \/>\n<em>Jeremy Rifkin &#8211; Access<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Bild- und Soundwelten von Vaporwave zeigen uns durch ihre Verfremdungstechniken noch einmal f\u00fcr einen kurzen Moment wie schnell wir bereit waren, uns auf k\u00fcnstliche Bildwelten einzulassen. Wie lange werden wir diese innere Distanz noch einnehmen k\u00f6nnen? Wann wird eine Augmented oder Virtual Reality f\u00fcr uns transparent und kann nicht mehr als solche  wahrgenommen werden? W\u00e4chst eine Generation der \u00bbVirtual Natives\u00ab heran, f\u00fcr die eine solche innere Distanz nicht mehr vorstellbar sein wird? Und wird diese Generation nicht sogar im Recht sein? <\/p>\n<p>Der Philosoph Thomas Metzinger betont in seinem Buch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Der-Ego-Tunnel-Philosophie-Hirnforschung-Bewusstseinsethik\/dp\/3827006309\">Der Ego-Tunnel<\/a> immer wieder, dass wir einer Illusion auferliegen, wenn wir glauben, dass wir im direkten Kontakt mit der Realit\u00e4t sind. Die Philosophie nennt das \u00bbnaiver Realismus\u00ab. Unser Gehirn, so Metzinger, ist bereits ein Holodeck, gespeist von Daten unserer Sinnesorgane, die allem Anschein nach \u00fcberhaupt nicht verl\u00e4sslich sind:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbUnser bewusstes Wirklichkeitsmodell ist eine niedrigdimensionale Projektion der unvorstellbar reicheren und gehaltvolleren physikalischen Wirklichkeit, die uns umgibt (\u2026)\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Erfahrungen und Erlebnisse, darauf deuten aktuelle neurowissenschaftliche Experimente hin, sind innere Eigenschaften des Gehirns und lassen sich k\u00fcnstlich induzieren. <\/p>\n<blockquote><p>\n\u00bbWenn man das minimale neuronale Korrelat eines gegebenen, bewussten Erlebnisses aktiviert, dann erh\u00e4lt man das bewusste Erlebnis selbst.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Was aber ist nun Realit\u00e4t, wenn es nur auf den Grad der Immersion ankommt? <\/strong><\/p>\n<p>\nVaporwave erzeugt das wohlige Gruseln, dass uns \u00fcberf\u00e4llt, wenn uns klar wird, dass wir nicht wissen was \u00bbda drau\u00dfen\u00ab, jenseits der Grenzen unseres Ego-Tunnels, wirklich ist und dass die Bilder des Spektakels nur eine weitere Ebene in der Ordnung der Simulakren sind. Vaporwave spielt mit dem Gef\u00fchl der Euphorie, die aufkommt, wenn man feststellt, dass ein Signifikant kein Signifikat hat und der semantische Vektor ins Leere l\u00e4uft. <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIt\u2019s an extra-geographical, overly-rich slipstream of signs, omens, and synchronicities that point to nothing other than themselves, a kaleidoscopic information overload that sprawls out into a post-human event horizon.\u00ab<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.tinymixtapes.com\/music-review\/bebetune-inhale-c-4 \">Jonathan Dean<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Das Genre Vaporwave hat aufgeh\u00f6rt zu existieren bevor es \u00fcberhaupt an die Oberfl\u00e4che kommen konnte. INTERNET CLUB hat bereits mit dem Album <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DgDpFMXmavU\">Final Tears<\/a> das letzte Kapitel angek\u00fcndigt und reagiert nicht mehr auf Interviewanfragen zu dem Thema. \u60c5\u5831\u30c7\u30b9\u30afVIRTUAL ist in eine andere Lebensform \u00bbtransmigriert\u00ab. Die Produzenten und Theoretiker des Genres sind weitergezogen und arbeiten an neuen Projekten und Soundentw\u00fcrfen. Bis auf ein paar im Netz verstreute ZIP-Files hat Vaporwave keine Spuren hinterlassen, \u00bbwill have yielded hardly any physical releases and will barely ever have been heard \u201clive\u201d.\u00ab <\/p>\n<p>Vielleicht ist Vaporwave auch gar keine origin\u00e4res Genre gewesen, sondern nur ein Computerfehler, der gescramblete Muzak wiedergegeben hat: eine kollektive Halluzination eines musikalischen Genres. Vaporwave war gleichzeitig Kritik und Affirmation einer Musik, die nie etwas anderes wollte, als den globalen Warenverkehr zu schmieren. Vaporwave hat uns erm\u00f6glicht die Oberfl\u00e4chen f\u00fcr einen Moment zu transzendieren und zu sehen, was dahinter ist: nichts. Oder um es mit Jean Baudrillard zu sagen: Das Simulakrum dritter Ordnung maskiert die Abwesenheit einer tieferliegenden Realit\u00e4t (es \u00bbgeh\u00f6rt zur Ordnung der Zauberei\u00ab), w\u00e4hrend das Simulakrum vierter Ordnung auf keine Realit\u00e4t mehr verweist: es ist sein eigenes Simulakrum.<\/p>\n<p>Und so hat vielleicht auch die Eingangs erw\u00e4hnte Videolecture von Diedrich Diederichsen nie existiert &#8211; es sei denn, jemand entdeckt sie zuf\u00e4llig auf seinem Harddrive.<\/p>\n<p>(Zuerst erschienen in <a href=\"http:\/\/www.ventil-verlag.de\/titel\/1455\/testcard-23-transzendenz-ausweg-fluchtweg-holzweg\">testcard #23 &#8211; Transzendenz<\/a>.)<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/tc23b-202x300.jpg\" alt=\"tc23b\" width=\"202\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4314\" srcset=\"https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/tc23b-202x300.jpg 202w, https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/tc23b.jpg 472w\" sizes=\"auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was soll denn eigentlich verschwunden sein? &#8211; Vaporwave und die Leere hinter der Oberfl\u00e4che Vor vielen Jahren sprach Diedrich Diederichsen mal in einer Videolecture \u00fcber ein Ereignis, das seine Wahrnehmung von Musik fundamental ver\u00e4ndert habe. Er habe gerade eine CD geh\u00f6rt \u2013 ich meine es war das Album L@N der gleichnamigen D\u00fcsseldorfer Band \u2013 als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1940],"tags":[1780,1679],"class_list":["post-5669","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","tag-testcard","tag-vaporwave"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5669"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5669\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7290,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5669\/revisions\/7290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}