{"id":5745,"date":"2015-01-28T14:37:13","date_gmt":"2015-01-28T12:37:13","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=5745"},"modified":"2015-01-29T23:56:43","modified_gmt":"2015-01-29T21:56:43","slug":"wahre-worte-ii-der-niedergang-des-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=5745","title":{"rendered":"Wahre Worte (II) &#8211; Der Niedergang des Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>In der aktuellen Ausgabe der <a href=\"https:\/\/www.lettre.de\/magazin\/li-107\">Lettre International<\/a> findet sich ein fulminanter und dringend n\u00f6tiger Abgesang auf den zeitgen\u00f6ssischen Journalismus:<br \/> <a href=\"https:\/\/www.lettre.de\/beitrag\/reiser-wolf_freiwild\">Freiwild<\/a> geschrieben vom Journalisten, Essayisten und Drehbuchautoren <a href=\"http:\/\/www.wolf-reiser.de\/\">Wolf Reiser<\/a> ist ein scharfz\u00fcngiges, analytisches und nat\u00fcrlich rasend polemisches Essay \u00fcber alle, die sich heute Herausgeber, Redakteure und Journalisten schimpfen. Reiser erz\u00e4hlt:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIn jenen Jahren gelebter Berufung habe ich viel gesehen und viele Menschen getroffen: Boxweltmeister, Nobelpreistr\u00e4ger, Songwriter, Aidsforscher, Mafiakiller, Priester, Minister, Spione, Krankenpfleger, Vietnamveteranen, Bettler, M\u00f6rder, Kunstf\u00e4lscher, Modemacher, Dynamitfischer, Putzfrauen. Ich habe f\u00fcr fast alle namhaften deutschsprachigen Magazine geschrieben.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch dann kam der Bruch:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bb\u2026 eine langsam erkaltende Liebe zwischen Verlag und Freelancern, Redakteuren und Autoren, Verlag und Redakteuren \u2013 eine schleichende Entfremdung, die Irritation, wachsendes Unbehagen im Tun, die Best\u00fcrzung und in Folge tapsige Versuche, die Bruchkante zu kitten.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich habe den Artikel abwechselnd mit Schrecken, Schadenfreude und Kampfgeist gelesen. Denn auch wenn Reiser die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Niedergang des grantig-eigensinnigen aber aufrichtigen Print- und TV-Personals der 1980er und 90er-Jahre nur anrei\u00dft, so l\u00e4sst sich f\u00fcr uns &#8211; die j\u00fcngere Generation &#8211; doch eine m\u00f6gliche Widerstandslinie erkennen. Denn das Ganze hatte durchaus \u00f6konomische Gr\u00fcnde:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDie Dotcomdekade machte den Neoliberalismus dann auf allen Ebenen salonf\u00e4hig. Focus-Money machte deutschen Spie\u00dfern Telekom-&#038;-Infineon-Aktien schmackhaft oder listete die f\u00fcnfzig besten Zahn\u00e4rzte Bayerns auf. Das Ranking zog ein im deutschen Bl\u00e4tterhaus und PR-Agenturen diktierten nach und nach die Inhalte.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Also werden wir besser alle Online-Journalisten, digitale Laptop-Rebellen?<br \/>\nSascha Lobo &#8211; der stellvertretend f\u00fcr alle \u00bbKapuzenjournalisten\u00ab ab und zu die Zukunft des Journalismus simulieren darf &#8211; kriegt gleich zweimal sein Fett weg. Und wenn ich meinen twitter-Feed und die Filmfestivals des letzten Jahres mal Revue passieren lasse, dann kriege ich auch langsam das Kotzen vor Anbiederei an Selbstoptimierung, Egobranding, Social-Media-Webinars und heftig.co-artiger Contentspammerei von einst gesch\u00e4tzten Medien. <\/p>\n<p>\nIch pers\u00f6nlich trete ja schon seit circa acht Jahren den Beweis an, dass man regelm\u00e4\u00dfig unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit interessantes und musikalisches bloggen kann, ohne auch nur mal einen Kommentar zu bekommen. Ist es meine Schuld? Zu wenig SEO, Networking und Retargeting? Schlechte Landingpage, schlechter Schreibstil?<\/p>\n<p>Wolf Reiser &#8211; verdienter Autor &#8211; berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbWenn ich im Jahre 2014 (\u2026) Redaktionen ein profund recherchiertes Thema, in dem bereits einige Vorarbeit enthalten ist, einreiche, folgt zumeist ein Warten ohne Ende. Denn auf 90 Prozent solcher Angebote folgt keine Antwort, keine Eingangsbest\u00e4tigung, kein Dank, keinerlei Resonanz. Ich spreche hierbei von Themen, die ma\u00dfgeschneidert sind f\u00fcr das jeweilige Medium und an Kollegen gerichtet, zu denen ein pers\u00f6nlicher Kontakt besteht. Ich spreche von Redaktionen, die einen guten Ruf haben und von denen Stil und Niveau erwartet werden kann: Zeit, FAZ, Welt, Stern, Spiegel, Capital, Feinschmecker, GQ, Wirtschaftswoche, NZ, DU, SZ, Geo, Merian.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Die sind derweil mit ganz anderen Strategien besch\u00e4ftigt:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIm Zuge der karnevalisierten Selbstzerst\u00f6rung pr\u00e4sentieren die Leitmedien ihre im Minutentakt aktualisierten Netzprodukte wie einen Kessel Buntes: schlampig recherchierte, vorschnell auf den Weg verschickte und albern tendenzi\u00f6se Politnews mit Bild-affinen Appetizer-Aufmachern wechseln sich mit Lottozahlen, Di\u00e4ttips, Fu\u00dfballgossip, Modelsex, B\u00f6rsenlatein, Wetterkapriolen und Wallfahrtsreisen in die Mitte des Ichs ab.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Und die junge Generation der Online-Journalisten, der Online-Petitionisten, die digitale Boh\u00e8me, die Revolution des Journalismus 3.0?<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbNichts ist da zu sehen von digitalen Revoluzzern, zeitgeistigen Bastillest\u00fcrmern oder mit allen Wassern gewaschenen Guerilla-Piraten. Es sind lediglich \u00fcber elektronische Schreberg\u00e4rten geb\u00fcckte Spie\u00dfb\u00fcrger, \u00fcber deren existentielle Unsichtbarkeit und Realit\u00e4tsferne sich inzwischen schon konservative Hochschulprofessoren beschweren.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Es lohnt sich den Artikel von Wolf Rieser zu lesen und sein eigenes Tun daraufhin zu reflektieren. Es w\u00e4re zu leicht ihn als aus der Mode gekommenen Anti-Imperialisten oder frustrierten Freelancer abzutun. Nat\u00fcrlich dr\u00e4ngt sich ab und zu der Eindruck auf, hier erz\u00e4hle einer von der \u00bbguten alten Zeit\u00ab, aber viele der Vorw\u00fcrfe Reisers lassen sich nicht von der Hand weisen. <\/p>\n<p>Was Rieser beschreibt ist ein objektiver Tatbestand und kollektives Schicksal zweier (oder dreier) Generationen von AutorInnen und wer glaubt diesem durch rasches avancieren zum Starjournalisten oder zumindest in die Festanstellung zu entgehen, der ist der kalifornischen Ideologie schon hoffnungslos verfallen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lettre.de\/magazin\/li-107\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/LI107-218x300.png\" alt=\"LI107\" width=\"218\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5764\" srcset=\"https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/LI107-218x300.png 218w, https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/LI107.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Auch zum Thema: <\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/realvinylz.net\/?p=4879\">Die Geburt der Webdoc aus dem Geiste der Kybernetik<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/realvinylz.net\/?p=5088\">Von Jaron Lanier lernen, heisst Netzwerken lernen \u2026<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.ventil-verlag.de\/titel\/1613\/testcard-24-bug-report-digital-war-besser\">Der Autor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der aktuellen Ausgabe der Lettre International findet sich ein fulminanter und dringend n\u00f6tiger Abgesang auf den zeitgen\u00f6ssischen Journalismus: Freiwild geschrieben vom Journalisten, Essayisten und Drehbuchautoren Wolf Reiser ist ein scharfz\u00fcngiges, analytisches und nat\u00fcrlich rasend polemisches Essay \u00fcber alle, die sich heute Herausgeber, Redakteure und Journalisten schimpfen. 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