{"id":5968,"date":"2015-02-22T10:33:08","date_gmt":"2015-02-22T08:33:08","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=5968"},"modified":"2015-03-28T00:27:13","modified_gmt":"2015-03-27T23:27:13","slug":"diary-of-an-unpublished-author-5-kritische-ausgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=5968","title":{"rendered":"Diary of an Unpublished Author 5 (Kritische Ausgabe)"},"content":{"rendered":"<p>Heute nacht hatte ich einen echt dystopischen Traum. Ich wurde mit einer Menge Leute in eine jugendherbergs\u00e4hnliche Einrichtung untergebracht, mit Duschen wie es sie in meiner Kindheit an der Werner-von-Siemens-Schule gab. In meinem Zimmer waren die Betten in zwei Teile geteilt und jeweils zwei von uns mussten sich eine Decke teilen. Ich war ausgerechnet mit ein paar Rockern \u2013 die stark an B\u00f6hse-Onkelz-Fan gemahnten\u00a0\u2013 in einem Zimmer untergebracht und es schien ausgemacht, dass zwischen uns keine Sympathien erbl\u00fchen w\u00fcrden. Trotzdem entschied ich mich f\u00fcrs Erste f\u00fcr Freundlichkeit. <\/p>\n<blockquote><p>Der Sinn der Unterbringung war eine soziale Simulation, etwas das im Traum den penetranten und wenig originellen Namen \u00bb1984\u00ab trug. Jedem von uns wurde eine bestimmte Rolle zugewiesen und unserem Zimmer wurde die Rolle des Polizisten zugeordnet.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><br \/>\nIch erinnere mich noch, das es \u00e4rmliche B\u00fcrger und h\u00f6here T\u00f6chter in Baumwoll-Spitzenunterw\u00e4sche gab. Frauen die aussahen wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mercedes_Bunz\">Mercedes Bunz<\/a> und die pl\u00f6tzlich auf die Strasse springen und mit den B\u00fcrgern verfahren durften wie sie wollten. Manche k\u00fcssten junge M\u00e4nner, die ihnen gefielen, andere beleidigten grundlos \u00e4rmlich aussehende Passanten. Ich als Polizist durfte nicht eingreifen. Unsere Aufgabe war lediglich andere Polizisten zu gr\u00fc\u00dfen. Sie beim Namen zu nennen, wenn wir sie kannten und ansonsten \u00bbGuten Tag, Herr Polizist\u00ab sagen. Die Mi\u00dfachtung dieser Regel, so nahm man allgemein an, wurde unter Strafe gestellt. Ich erinnere mich noch, dass ich ein wenig froh dar\u00fcber war ein Polizist zu sein, weil ich mir davon eine kaseren\u00e4hnliche Kameradschaft mit mir und den Rockern versprach. Trotzdem f\u00fchlte ich mich in der sozialen Simulation \u2013 in der man immer und immer wieder einen Stra\u00dfenzug rauf und runter promenieren musste &#8211; nicht wohl. Es tummelte sich allerlei auf der Stra\u00dfe, aber au\u00dfer das es restriktive Regeln f\u00fcr jede Gruppe gab (die armen B\u00fcrger wichen mir eher aus und schienen Angst vor mir zu haben) erinnere ich mich nicht an viel. Die Willk\u00fcr mit der die h\u00f6heren T\u00f6chter verfuhren gefiel mir nicht, aber ich durfte von Amts wegen nicht eingreifen. Nach einiger Zeit versuchte ich einen Widerstand zu organisieren. <\/p>\n<blockquote><p>(Es soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass ich in der Binnenwelt des Traumes ganz allt\u00e4gliche Probleme wie K\u00f6rperhygiene, Notdurft und die Organisation meines Hab und Guts hatte).<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie die Widerstandsbewegung genau zustande kam, wei\u00df ich nicht mehr, jedenfalls mussten wir maximal klandestin operieren, da \u00fcberall Kameras hingen und wir Spitzel vermuteten. Als bewaffneter Polizist kam mir automatisch die Rolle eines Gruppenf\u00fchrers zu. Nach und nach sammelten sich viele Widerst\u00e4ndige zu kleinen Untergruppen und es wurde von Ad hoc-Versammlungen in der ganzen Stadt berichtet. Wir zogen von Stra\u00dfe zu Stra\u00dfe, vorbei an verschlossene, anonymen T\u00fcren (Sevilla und C\u00f3rdoba lassen gr\u00fcssen) und wagten nicht die B\u00fcrger herauszuklingeln. Jemand sagte es w\u00fcrde zu lange dauern sie von unsere Sache zu \u00fcberzeugen. Uns war schnell klar, dass unser Kampf vergeblich sein w\u00fcrde, aber wir wollten dem Regime maximalen Schaden zuf\u00fcgen. Jemand hatte eine Art Einmal-Haubitze aus Schrottteilen errichtet, hinter der es orangerot gl\u00fchte. Ein junger Mann war Gefechtsstandsleiter. Es war klar, dass wir den nicht n\u00e4her beschriebenen Angreifer (einen Roboter?) nur einmal treffen w\u00fcrden und der Gefechtsstand danach sofort zerst\u00f6rt werden w\u00fcrde. Ich rannte hin und her, versuchte Bodentruppen zu organisieren und redete mir ein, dass wir vielleicht doch (das Gl\u00fcck der Tapferen war auf unserer Seite) eine Chance gegen die \u00dcbermacht des Regimes haben w\u00fcrden. Dann wachte ich auf.<\/p>\n<blockquote><p>Ich dachte eine Weile \u00fcber den Traum nach und wenn es eine interessante Botschaft gab, die ich mit ins Wachbewusstein nehmen konnte, dann ist es die: Wir m\u00fcssen die Rollen nicht spielen die uns von den Autorit\u00e4ten zugewiesen werden. Wir tun es aber trotzdem, aus Angst vor Strafe und sei diese nur, dass man von staatlicher Willk\u00fcr anh\u00e4ngig wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Parallele zu meinem Leben: Wer nicht \u00f6konomisch sinnvoll \u2013 im Sinne des Kapitalvermehrung oder wenigstens -bewahrung \u2013 arbeitet, der muss sich der Willk\u00fcr des Arbeitsamts unterwerfen. Eine selbstorganisierte k\u00fcnstlerische oder karitative T\u00e4tigkeit muss auch \u2013 mindestens unterst\u00fctzt durch freiwillige Spender oder staatliche Mittel \u2013 wirtschaftlich sein. Keiner kann sich dieser Maxime entziehen. Ist das sinnvoll? W\u00e4re es denkbar, dass die Menschen kollektiv dagegen angehen und entdecken, dass das Leben mehr f\u00fcr uns bereith\u00e4lt als Dienst nach Vorschrift? W\u00e4re ein Zusammenschluss von mutigen Leuten wie im Traum denkbar? Wogegen k\u00e4mpfen wir?<\/p>\n<p> Die L\u00f6sung im Traum bestand ja eben nicht aus Gewaltma\u00dfnahmen gegen einzelne Vollstrecker, sondern darin, dass die Menschen die Regeln erkennen, nach denen sie belohnt und bestraft werden. Nat\u00fcrlich war das System komplex: Die h\u00f6heren T\u00f6chter h\u00e4tten nichts von einer sozialen Gleichheit, sie w\u00fcrden ihre Privilegien verlieren. Wahrscheinlich waren wir Beamte dazu da sie auf ihren Gehei\u00df hin zu besch\u00fctzen beziehungsweise \u00dcbergriffe gegen sie zu vergelten. Und so spielte ich meine Rolle im Traumsystem, in dem verzweifelten Versuch mein Leben und meine sozialen Beziehungen im \u00bbnormalen Leben\u00ab \u2013 also dem in der Jugendherberge und den Schlafs\u00e4len \u2013 kommod einzurichten.<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbMost of the memorable ones (stories) have humour, pain or joy (sometimes all three). If every story were simply facts stated, one after another, most of us wouldn\u2019t listen or remember any of it.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/thenextweb.com\/entrepreneur\/2014\/03\/19\/common-elements-good-storytelling\/?utm_content=The%20common%20elements%20of%20good%20storytelling\">The common elements of good storytelling<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute nacht hatte ich einen echt dystopischen Traum. 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