{"id":6074,"date":"2015-02-28T10:12:20","date_gmt":"2015-02-28T09:12:20","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6074"},"modified":"2015-02-28T21:11:47","modified_gmt":"2015-02-28T20:11:47","slug":"6074","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6074","title":{"rendered":"Diary of an Unpublished Author (Nachwort von Dr. Christhardt B. Etzenkirchen)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Prolegomena zu einem k\u00fcnftigen Tagebuchband, der als Literatur wird auftreten k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Als mich Herr Schwertgen gebeten hat das Nachwort zur Kritischen Ausgabe des ersten Bandes \u00bbDiary of an Unpublished Author\u00ab zu schreiben war ich zun\u00e4chst geneigt abzulehnen. Mir waren die stark biografisch gepr\u00e4gten literarischen Versuche von Herrn Schwertgen noch aus meinem Seminar \u00bbErz\u00e4hlprosa in abgehacktem Nominalstil\u00ab in Erinnerung.<br \/>\nNun ist es aber an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste gute Tradition, dass die Meister ihre Sch\u00fcler noch einige Zeit bei ihrem beruflichen Werdegang kritisch begleiten.<\/p>\n<blockquote><p>Mir ist bewusst, dass die ersten Schritte von jungen AutorInnen in dem dichten Gespinst aus L\u00fcgen, Filz, Feuilleton, schlechter Ern\u00e4hrung, diabolischer LektorInnen und publikationsunwilliger Verlage schwer genug sind.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Deswegen m\u00f6chte ich die folgenden Einlassungen als destruktives Lektorat verstanden wissen, aus deren verbrannter Erde Neues und Gutes erwachsen m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Herr Schwertgen ver\u00e4rgerte mich schon auf der Universit\u00e4t mit seiner unkritischen Verehrung der Autoren <strong>Rainald Goetz<\/strong> und <strong>Joachim Lottman<\/strong>, die das sogenannte <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/3518464248\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3518464248&#038;linkCode=am2&#038;tag=realvinylz-21&#038;linkId=N2XVB3YOFFJSL3KK\">Loslabern<\/a> in die deutsche Gegenwartsliteratur einf\u00fchrten. In falscher Affirmation des <strong>stream of consciousness<\/strong> eines <strong>James Joyce<\/strong> oder der \u00fcberbordenden Charaktercluster eines <strong>David Foster Wallace<\/strong> wird hier versucht die eigenen Befindlichkeit zum literarischen Kosmos zu erkl\u00e4ren. Zuerst stirbt dabei freilich das Interesse am Kant&#8217;schen \u00bbAnderen\u00ab und danach &#8211; so paradox das klingen mag &#8211; der literarische Realismus.<\/p>\n<p>Nehmen wir beispielsweise das St\u00fcckfragment \u00bbDie Ma\u00dfnahme\u00ab in dem der Autor sich geografisch nur wenige Kilometer und gedanklich gar nicht aus seinem Milieu herausbewegt. Was folgt ist ein angenehm formuliertes Transkript einer beliebigen Nachmittags-Talkshow. Das Bestehende wird hier in kritischer Absicht gleichsam verdoppelt und zur Tautologie geschmiedet.<\/p>\n<blockquote><p>Bewegt sich der Autor in ein anderes Genre &#8211; beispielsweise in seinen Bemerkungen zu den Manuskripten \u00bbQuantum Suicide\u00ab oder \u00bbDas Turing Continuum\u00ab &#8211; so wird die gedankliche Einkerkerung ins postmodern-zersplitterte Ich sowohl inhaltlich als strukturell sichtbar.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der menschliche Geist ist von Anfang an nicht mehr als ein Automat, der durch physikalische Manipulationen beherrschbar wird. Eine Dialektik zwischen Geist und Natur &#8211; in der der Geist immer auf eine Leerstelle im wissenschaftlich-technischen Weltbild verweist &#8211; ist dem Autor unbekannt. Er macht sich somit zum Schergen eines Denksystems, das er zu bek\u00e4mpfen vorgibt.<\/p>\n<p>Besonders traurig macht mich die Prosa des Autors dort, wo rasch angelesene Fachartikel zu Literatur gedrechselt werden. Nie ist ein Schriftsteller weiter von sich entfernt als dort wo er seine Sprache dem Diktat der Technokratie unterwirft. Literatur als notwendiger &#8211; wenn auch unverl\u00e4sslicher Kompass durch die Weltl\u00e4ufte &#8211; macht sich hier sekund\u00e4r, ja ephemer.<\/p>\n<p>Hoffnung &#8211; um die Sprache auf den potentiellen Keim des k\u00fcnftigen Werkes zu bringen &#8211; l\u00e4sst sich allein in dem kafkaesken Fragment \u00bbDer Dorfimbi\u00df\u00ab finden. Die originelle Chiffre des Imbiss als Ort der niedrigsten Bed\u00fcrfnisse des Fleisches ist ein bestechender Versuch die Kernfrage der gro\u00dfen Weltreligionen zur\u00fcck auf die literarische B\u00fchne zu bringen. Der Autor selbst:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbNach und nach scheint es, als sei die Imbi\u00dfbude das Zentrum des Universums. Der Platz an dem alle Belange des Dorfes (und hat es je etwas anderes gegeben als das Dorf?) zusammenlaufen.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>N\u00e4her ist Herr Schwertgen dem gro\u00dfen deutschen Gegenwartsroman nie gewesen. Wenn der Autor diese Tendenzen verfolgt und konzentriert ausarbeitet so blicke ich freudig-wohlwollend hin auf ein Nachwort im zweiten Band von \u00bbDiary of an Unpublished Author\u00ab.<\/p>\n<p>K\u00f6ln im Februar 2015<br \/>\nDr. Christhardt Balthasar Etzenkirchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolegomena zu einem k\u00fcnftigen Tagebuchband, der als Literatur wird auftreten k\u00f6nnen Als mich Herr Schwertgen gebeten hat das Nachwort zur Kritischen Ausgabe des ersten Bandes \u00bbDiary of an Unpublished Author\u00ab zu schreiben war ich zun\u00e4chst geneigt abzulehnen. 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