{"id":6240,"date":"2015-03-07T14:58:57","date_gmt":"2015-03-07T13:58:57","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6240"},"modified":"2015-03-07T17:32:54","modified_gmt":"2015-03-07T16:32:54","slug":"einzelgaenger-in-den-zeiten-der-cholera-ich-meinte-des-netzwerkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6240","title":{"rendered":"Einzelg\u00e4nger in den Zeiten der Cholera. Ich meinte \u2026 des Netzwerkens."},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Dieser Text ist ein Gastbeitrag von <a href=\"https:\/\/ello.co\/silkella\">silkella<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Einzelg\u00e4nger. Ein-Zell-G\u00e4nger. Einzel-gang-er. Es ist schon ein komisches Wort, dieses Wort. Man muss es sich nur ein paar mal vorsprechen und schon kommt es einem seltsam vor. Wie fast alle anderen Worte auch. Es ist also v\u00f6llig irrelevant, welchen Begriff wir daf\u00fcr verwenden, denn es geht hier nicht um Worte, sondern Ph\u00e4nomene. Und ich denke gerade \u00fcber den Einzelg\u00e4nger nach. Als solchen. Und als anderen. Und welche Assoziationen dieses Wort heraufbeschw\u00f6rt \u2026<\/p>\n<p>\nIch glaube, wenn man das Wort Einzelg\u00e4nger h\u00f6rt, denkt man schnell an den Eigenbr\u00f6tler. Den Nerd. Den verschrobenen Menschen mit einem erschreckenden Mangel an sozialen Kompetenzen und daf\u00fcr besonderen Spezialinteressen, die sonst kaum jemand hat oder teilt.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDen scheuen Kauz, der sich nur ungern unter Menschen traut, weil er sich unter ihnen unsicher f\u00fchlt, weil er sich in der Welt seiner Spezialinteressen geborgener und freier gleichzeitig f\u00fchlt als wenn er sich unter anderen Menschen bewegt. <\/p>\n<blockquote><p>Ein unglamour\u00f6ser Hipster mit einer fetten Brille, ungepflegten Haaren und einer gewissen Muffligkeit, der gar nicht wei\u00df, dass er ein Hipster ist. Oder dass ihn irgendjemand daf\u00fcr halten k\u00f6nnte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Weil er sich \u00fcber solche Dinge keine Gedanken macht und ihm das Wort  \u00bbHipster\u00ab nur vage gel\u00e4ufig ist. Und er im Grunde einfach nur froh ist, wenn die meisten Menschen ihn in Ruhe lassen. Falls sie schon nicht trotz seiner Ernsthaftigkeit und trotz einer gewissen sozialen Unbeholfenheit zumindest ein kleines bi\u00dfchen freundlich, nachsichtig und verst\u00e4ndnisvoll ihm gegen\u00fcber sein k\u00f6nnen ohne dabei auf eine merkw\u00fcrdig-entw\u00fcrdigende Art herablassend zu werden oder sich dadurch selbst aufwerten zu wollen. (Das Pendant zu einem &#8222;Ich bremse auch f\u00fcr Tiere&#8220;-Aufkleber auf dem Auto. Als ob das nicht das Selbstverst\u00e4ndlichste \u00fcberhaupt sein sollte.)<\/p>\n<p>Um diese Art von Eigenbr\u00f6tler geht es mir <strong>auch<\/strong>, aber nicht nur. Es geht im Grunde um einen anderen Menschenschlag. Es geht um den kommunikativen, geselligen, am sozialen Leben und an den Menschen selbst interessierten Typ des Einzelg\u00e4ngers. Ein Widerspruch in sich? Nein, nicht wirklich.<\/p>\n<p>Wenn jemand gesellig ist, wenn jemand es liebt, sich auszutauschen mit anderen \u2026 kann jemand dann zugleich Einzelg\u00e4nger sein? Ich behaupte, ja. Es gibt Menschen mit einem hohen Grad an oberfl\u00e4chlicher Anpassungsf\u00e4higkeit, die eloquent sind, humorvoll, gebildet; die zu fast allen anderen Menschen leicht Zugang finden, Schnittmengen finden, bei allen m\u00f6glichen Themen etwas beizutragen haben. Sie meiden den Kontakt mit anderen Menschen nicht, sie suchen ihn. Weil sie die Freundlichkeit anderer Menschen manchmal brauchen wie alle anderen Menschen. Aber sich unter ihnen wirklich zu verorten, sich wirklich als Teil dieser anderen zu f\u00fchlen, sich wirklich identisch zu f\u00fchlen mit anderen, misslingt. Dem Einzelg\u00e4nger ist das bewusst und er leidet nicht wirklich darunter. Es ist einfach ein Seinszustand, der ihm vertraut ist, der ihm eigen ist.<\/p>\n<p>Der Einzelg\u00e4nger ist ein Einzelner unter den Vielen \u2026 er tendiert nicht zur Vereinsmeierei, er biedert sich Gruppen nicht an, er ist ein Faschingsmuffel, er braucht seine R\u00fcckzugsorte und sein gr\u00f6\u00dfter R\u00fcckzugsraum ist er selbst. <\/p>\n<blockquote><p>Seine innere Welt aus Fantasien, Gedanken, Gedankengem\u00e4lden, dieses gigantische Mosaikbild aus allem, was er je in seinem Leben las, aufnahm, sah, erlebte, ist in ihm beliebig neukombinierbar. So gesehen ist er sich selbst eine angenehme Gesellschaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er tendiert zur Selbstgen\u00fcgsamkeit und ist somit relativ autonom und unabh\u00e4ngig. Ob er ein Caf\u00e9 besucht oder nicht, h\u00e4ngt nicht von der Bereitschaft seines Rudels, seiner Clique, seiner Freunde ab, ihn zu begleiten, sondern nur von seinem eigenen Wunsch, etwas zu tun oder eben zu lassen. Vielleicht reicht ihm ein Buch als Begleitung. Kommt er mit jemandem ins Gespr\u00e4ch, sch\u00f6n. Wenn nicht, auch gut. Die \u00c4ngstlichkeit des Eigenbr\u00f6tlers fehlt ihm, daf\u00fcr ist ihm die Tendenz zu eigen, ganz in seinem eigenen Rhythmus leben zu wollen \u2026 manchmal auch ohne R\u00fccksicht auf andere nehmen zu m\u00fcssen. Daf\u00fcr ist er, was er ist.<\/p>\n<p>So gesehen kann der Einzelg\u00e4nger ein sehr guter Unterhalter sein, er kann charmant sein und sogar bezaubernd und dennoch bleibt ein Teil von ihm unnahbar. Etwas in ihm bleibt unter allen anderen Menschen allein. Unter allen Schichten oberfl\u00e4chlicher Geselligkeit bleibt doch ein Kern, der sich widersetzt, wenn es darum geht, sich anderen Menschen wirklich nahe zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Er wird demzufolge nicht allzu schnell Menschen seine Freunde nennen, nicht jeder, mit dem er zehn S\u00e4tze gewechselt hat, ist deshalb auch schon sein bester Freund. Es ist generell nicht leicht, sich mit dem Einzelg\u00e4nger zu befreunden. Weil er Einzelg\u00e4nger ist.<\/p>\n<blockquote><p>Man k\u00f6nnte diesen Menschentypus nun als herablassendes Wesen betrachten, das sich nicht schnell mit anderen identifiziert oder anfreundet, weil ihm niemand gut genug daf\u00fcr ist. Weil er selbstverliebt ist. Weil er nichts mehr sch\u00e4tzt als sich selbst und er alle anderen f\u00fcr ihre Abh\u00e4ngigkeiten verachtet. Und dabei doch am wahren Leben vorbeilebt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch dem ist oft nicht so. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen auch Arroganz und Selbstverliebtheit bei Verachtung all dessen, was sich von einem selbst unterscheidet, eine Rolle spielen, wenn jemand <strong>unfreiwillig<\/strong> in die Rolle des Einzelg\u00e4ngers ger\u00e4t. <strong>Unfreiwillige<\/strong> Einzelg\u00e4nger sind aber keine Einzelg\u00e4nger, sie leiden darunter, nicht Teil eines gr\u00f6\u00dferen oder kleineren sozialen Ganzen zu sein. Sie m\u00fcssen sich ihren Wert st\u00e4ndig beweisen, indem sie Teil eines Rudels, einer Gemeinschaft sind und todungl\u00fccklich, wenn ihnen das nicht gelingt.<\/p>\n<p>Der echte Einzelg\u00e4nger ist da etwas anders gestrickt. Er leidet nicht. Er kennt es nicht mehr anders. Und er will es vielleicht auch nicht anders, er hat ein katzenhafteres Temperament als der Mensch, der anstatt aus Wahl &#8211; aufgrund seiner eigenen Entscheidung &#8211; aus Not Einzelg\u00e4nger wurde. Aber sich eigentlich nach der Anerkennung einer Gemeinschaft sehnt und viel daf\u00fcr tun w\u00fcrde, zu einer solchen Gemeinschaft zu geh\u00f6ren. Der echte Einzelg\u00e4nger wei\u00df dagegen vielleicht nicht, wohin er wirklich geh\u00f6rt, aber er wei\u00df immer, wohin er nicht geh\u00f6rt. Wozu er nicht geh\u00f6rt. Und zu wem.<\/p>\n<p>Ich finde, im Einzelg\u00e4ngertum kann auch eine Form von Erhabenheit liegen \u2026 eine Form, wirklich eigen, wirklich man selbst zu sein, unabh\u00e4ngig von anderen. Und dennoch bleibt eine gewisse Grundeinsamkeit in dieser Existenzform bestehen, doch sie geh\u00f6rt zum eigenen Wesen. Man hat vielleicht in j\u00fcngeren Jahren lange Zeit nach seinen Menschen, den Seelenverwandten, den Gef\u00e4hrten, gesucht und fand diese nicht. Weil man Einzelg\u00e4nger ist und ein Teil von einem das auch immer war.<\/p>\n<blockquote><p>Es kann nicht jeder Einzelg\u00e4nger ein Steppenwolf sein wie in Hermann Hesses Roman, doch die Figur des Harry Haller umschreibt diesen Spagat zwischen dem Ich und den Anderen noch immer mehr als gut. Dieses Wissen um den Mangel an Zugeh\u00f6rigkeit, dieses Wissen um die eigene Eigenartigkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Frage ist doch \u2026 kann man in der heutigen Zeit denn \u00fcberhaupt noch Einzelg\u00e4nger sein? In einer Zeit, in der jederzeit jeder mit jedem vernetzt ist? In der Menschen keine Minute ohne ihren sozialen Kontakte ertragen? In der alle anderen st\u00e4ndig in der einen oder anderen Form pr\u00e4sent sind? Ich behaupte: heute besser denn je \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text ist ein Gastbeitrag von silkella. Einzelg\u00e4nger. Ein-Zell-G\u00e4nger. Einzel-gang-er. Es ist schon ein komisches Wort, dieses Wort. Man muss es sich nur ein paar mal vorsprechen und schon kommt es einem seltsam vor. Wie fast alle anderen Worte auch. 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