{"id":6391,"date":"2015-03-18T16:09:44","date_gmt":"2015-03-18T15:09:44","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6391"},"modified":"2015-03-19T22:12:11","modified_gmt":"2015-03-19T21:12:11","slug":"re-aw-re-intrinisisches-entertainment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6391","title":{"rendered":"Re: Aw: Re: Intrinsisches Entertainment"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>@rumpusQ<\/strong> &#8211; 18.03.15 &#8211; 14:56 Uhr<\/p><\/blockquote>\n<p>Hi!<br \/>\nIch habe versucht deine Gedanken 38 Stunden lang gut abg\u00e4ren zu lassen und ein paar Kernfragen aus deiner Mail herauszudestillieren \u2026<\/p>\n<p>Warum sind wir alle Narzissten? Warum gieren wir alle nach Aufmerksamkeit? Nun, daf\u00fcr habe ich mehrere Theorien:<\/p>\n<p><strong>Die vulg\u00e4r-soziologische Erkl\u00e4rung:<\/strong><br \/>\nDie Menschen unserer Elterngeneration waren Nachkriegskinder. In meinem Falle Kinder von dysfunktionalen, ver\u00e4ngstigten Menschen, die z.T. in Kriegsgefangenschaft waren und &#8211; wie mein deutscher Opa &#8211; 1947 an irgendeinem Provinzbahnhof aus Ru\u00dfland zur\u00fcckgekehrt sind (wenn sie Gl\u00fcck hatten). Unsere Eltern (grob zwischen 1940 und 1960 geboren) haben eine Zeit des Aufschwungs erlebt. Eine Zeit eines vorher kaum gekannten Wirtschaftswachstums, in der die pers\u00f6nliche Freiheit und Selbstentfaltung zum ersten Mal seit mindestens 45 Jahren wieder ein Thema war. Eine Zeit in der die Popkultur entstand.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Wie sehr der Sommer von 1968 mit der kybernetischen Morgenr\u00f6te in Kalifornien verflochten ist, wei\u00dft du selber: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Whole_Earth_Catalog\">Whole Earth Catalog<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Netz_%282004%29\">Das Netz<\/a>, Steve Jobs, libert\u00e4rer Liberalismus etc. Das Individuum kam zu neuem Recht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und das Individuum ist die Gesch\u00e4ftsgrundlage der <strong>kybernetischen Netzwerke<\/strong> (wie die sozialen Netzwerke bei mir hei\u00dfen). Wir (die Kinder von 1965-1985) sollten keinen Hunger leiden, unser Leben frei gestalten, autonom sein \u2026 eine Wahl haben. Dies ging zusammen mit der \u2026<\/p>\n<p><strong>Die \u00f6konomisch-politische Erkl\u00e4rung:<\/strong><br \/>\n\u2026 Notwendigkeit diese Freiheit auch gewinnbringend zu nutzen. Denn alles hat seinen Preis. Dazu <a href=\"http:\/\/volltext.online-merkur.de\/?m=v&#038;link=\/daten\/www.online-merkur.de\/mr_2014_11_0980-0988.pdf&#038;session=2B5A8BC9090C686329458719C3D1108E\">Patrick Eiden-Offe<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDer Berliner Kreative ist (\u2026) Inbegriff des deleuzeschen \u00bbBegehrensmenschen\u00ab: Das Qu\u00e4ntchen Lust, das er aus seiner grenzenlosen kulturellen Freiheit gewinnen kann, bezahlt er mit einer unm\u00f6glichen und mithin unendlichen Arbeit (\u2026)\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Und nicht nur der Berliner. Wir (also mindestens du und ich) sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es nicht reicht nur \u00bb\u00fcber die Runden zu kommen\u00ab. Das eigene Leben soll als lustvolle Erz\u00e4hlung inszeniert werden. Man will ja nicht sein wie seine Eltern, die in b\u00fcrgerlichen Berufen dahintrotten und als Hobby den \u00bb<a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/\">vorw\u00e4rts<\/a>\u00ab zum Altpapiercontainer bringen.<\/p>\n<p>Guy Debord schreibt schon sehr fr\u00fch (Die Gesellschaft des Spektakels, 1967): <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDas Spektakel ist die andere Seite des Geldes: das abstrakte, allgemeine \u00c4quivalent aller Waren (\u2026) Das Spektakel ist das Geld, das man <em>nur anblickt<\/em>, denn in ihm hat sich schon das Ganze des Gebrauchs gegen das Ganze der abstrakten Vorstellung ausgetauscht.\u00ab\n<\/p><\/blockquote>\n<p>und<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDer als Star in Szene gesetzte Agent des Spektakels ist das Gegenteil, der Feind des Individuums (\u2026) Wenn er auch nach au\u00dfen hin die Darstellung verschiedener Pers\u00f6nlichkeitstypen ist, zeigt der Konsumstar jeden dieser Typen, als ob er gleichm\u00e4\u00dfig zur Gesamtheit des Konsums gelangen (\u2026) k\u00f6nne.\u00ab\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Was labert der Typ da? Nun: Damit in einer Zeit in der keine Warenknappheit mehr herrscht der auf Knappheit beruhende Kapitalismus weiterknirscht, m\u00fcssen Waren aus dem Nichts erschaffen werden. Diese abstrakten Waren (die bis vor kurzem auf physischen Tr\u00e4gern klebten) erm\u00f6glichen unseren Hedonismus: Musik, Coca-Cola, rebel chic, Instagram, Mode, Gauloises, Designerwasser, Jack Wolfskin, Star-Berufe &#8211; die M\u00f6glichkeiten sein <strong>Selbst<\/strong> zu inszenieren h\u00f6ren nie auf. Der <strong>Star<\/strong> ist das letzte echte Individuum und nur wer zum <strong>Star<\/strong> wird kann sich \u00fcber die gesellschaftlichen Zust\u00e4nde erheben. \u00bbJede bestimmte Ware k\u00e4mpft f\u00fcr sich selbst, kann die anderen nicht anerkennen, will sich \u00fcberall durchsetzen, als ob sie die einzige w\u00e4re.\u00ab (GDS, 66)<\/p>\n<p>Kommt einem bekannt vor, oder? &#8211; Das Alles ist nichts Neues, aber in den 00er Jahren hat sich noch was ge\u00e4ndert:<\/p>\n<p><strong>Die kybernetische Erkl\u00e4rung:<\/strong><br \/>\nDie meisten Kulturwaren haben sich von ihrem materiellen Tr\u00e4ger abgekoppelt und damit hat sich ihre <strong>Verknappung<\/strong> erledigt. Die verzweifelten Versuche Software, Musik, Filme und neuerdings eBooks k\u00fcnstlich zu verknappen sind auch bald Geschichte.<br \/>\nDer Kapitalismus tut sich schwer mit Waren umzugehen, die im \u00dcberflu\u00df vorhanden sind. Also musste eine Ware geschaffen werden die es nicht im \u00dcberflu\u00df gibt und deren Preis man (im besten Falle) nicht sehen kann. Und das sind die kybernetischen Netzwerke und Sirenenserver. Die Ware die sie handeln ist Aufmerksamkeit. Eine abstrakte Ware die im Idealfall gegen Geld getauscht werden kann, aber nicht muss.<\/p>\n<p><strong>Feedbackeffekt:<\/strong> Wir sp\u00fcren das. Wir sind gekr\u00e4nkt. Wir f\u00fchlen uns ungerecht behandelt. Aber Narzissten kennen nur eine L\u00f6sung: Sich noch mehr in Szene setzen, lauter schreien, Freunde und Follower akkumulieren, optimieren, die Performance steigern.<br \/>\nDie Silicon Valley Firmen wissen das vielleicht nicht bewusst, aber die Theorie der Kybernetik hilft ihnen mit den komplexen Regelkreisen umzugehen. Was dabei zum zweiten Mal stirbt, ist das Individuum.<\/p>\n<p>[soundcloud url=&#8220;https:\/\/api.soundcloud.com\/tracks\/59659956&#8243; params=&#8220;color=00cc11&#038;auto_play=false&#038;hide_related=false&#038;show_comments=true&#038;show_user=true&#038;show_reposts=false&#8220; width=&#8220;100%&#8220; height=&#8220;166&#8243; iframe=&#8220;true&#8220; \/]<\/p>\n<p>Ich denke, dass beantwortet auch die Frage, warum alle (arte, sueddeutsche, Spiegel, FAZ) mitmachen. Sie haben gar keinen Begriff mehr davon, was das <strong>Andere<\/strong>, <strong>Nicht-Spektakul\u00e4re<\/strong> sein k\u00f6nnte. Ein Leben jenseits der GfK-Zahlen und Auflagenh\u00f6he? Sinnlos. Allenfalls noch mit Grimme-Preisen ertr\u00e4glich. Ab und zu h\u00f6rt man allerdings noch den tapferen Satz: \u00bbIch mache das Magazin (die Musik, den Film) das\/die\/den ich selber gerne lesen\/h\u00f6ren\/sehen w\u00fcrde.\u00ab<\/p>\n<p>Und warum kein echtes Feedback? Vielleicht weil wir sp\u00fcren, dass im Netzwerk keine Menschen zu uns sprechen, sondern Waren auf dem langen Aufstiegsweg zur Star-Ware.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ello.co\/144000\">@144000<\/a> hat ja die Hoffnung wir Netzteilnehmer k\u00f6nnten unsere Netzsozialisation in die eigenen H\u00e4nde nehmen, da wir zumindest \u00fcber diese Ph\u00e4nomene reden und sie erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber wie s\u00e4he ein Ausweg aus? Oder sehe ich die Situation falsch und wir brauchen gar keinen Ausweg? Wie sieht deine \u00bbernsthafte Wissensvermittlung\/Legendenbildung\u00ab aus? <\/p>\n<p>Ich bin gespannt!<\/p>\n<p>Sub_Kid<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>@rumpusQ &#8211; 18.03.15 &#8211; 14:56 Uhr Hi! Ich habe versucht deine Gedanken 38 Stunden lang gut abg\u00e4ren zu lassen und ein paar Kernfragen aus deiner Mail herauszudestillieren \u2026 Warum sind wir alle Narzissten? Warum gieren wir alle nach Aufmerksamkeit? 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