{"id":6730,"date":"2015-04-30T20:23:59","date_gmt":"2015-04-30T18:23:59","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6730"},"modified":"2015-04-30T22:26:53","modified_gmt":"2015-04-30T20:26:53","slug":"aus-dem-notizbuch-27122012-die-bestatter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6730","title":{"rendered":"Aus dem Notizbuch (27\/12\/2012): Die Bestatter von W."},"content":{"rendered":"<p>Weihnachtlicher Besuch in der Heimat. Kaum war ich heute morgen wach, da rief mein Vater an und sagte er brauche Hilfe auf der Baustelle. Mein Onkel habe ein Stechen in der Brust und in letzte Minute abgesagt. Ich war total abgefuckt. Mir blieb ja nichts anderes \u00fcbrig als \u00bbJa\u00ab zu sagen und mit dem Zug nach W. zu fahren. M. hat mir netterweise seinen Blaumann ausgeliehen und ich bin wie ein Bauarbeiter (mit dem passenden Gesichtsausdruck vermute ich) aus dem Haus gestiefelt. Die Arbeit war dann nat\u00fcrlich nicht so schlimm. Ein paar Fliesen schlagen, ein bi\u00dfchen Schutt schaufeln und einen D\u00f6ner holen fahren. Das alles fand in einem B\u00fcro f\u00fcr Grabpflege statt, was ein wenig absurd war: <\/p>\n<blockquote><p>Die Bestatter standen rauchend vor der T\u00fcr, alle drei\u00dfig Minuten versammelte sich eine Trauergemeinschaft auf dem Hof und einige Individuen kauften panisch Blumengestecke beim Floristen.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Notiz an mich: Eine absolute Pole Position habe jawohl Floristen in Friedhofsn\u00e4he!)<br \/>\nMein Vater schickte mich dann einen Schl\u00fcssel suchen und als ich ihn nicht fand, sagte er: \u00bbDas kann doch wohl nicht sein. Ich dachte immer Bestatter h\u00e4tten sogar den Schl\u00fcssel f\u00fcr das Himmelsreich\u00ab. Der H\u00f6hepunkt war dann, als der Sarglieferant kam. W\u00e4hrend ich Schutt schaufelte, stapelte er S\u00e4rge neben mir auf.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nIch habe immer geglaubt den R\u00e4umlichkeiten von Bestattern wohne eine Art magischer Geist inne, da sie so ein heikles Gesch\u00e4ft beherbergen. Letzten Endes: Nur verottete Fliesen, altes Mauerwerk, ausgediente B\u00fcrom\u00f6bel und ein zugiger Unterstand, in dem ein paar Kiefernholzs\u00e4rge rumstehen. Au\u00dferdem eine gro\u00dfe Menge an S\u00e4cken mit Papierschnipsel, von denen ich keine Ahnung habe wozu sie gedacht sind. Kurz kam mir der schreckliche Gedanke sie k\u00f6nnten zum Ausstopfen der S\u00e4rge gedacht sein. Wenn man es prosaisch betrachtet, sind die S\u00e4rge ja auch nur M\u00f6belst\u00fccke, nur dass sie ausnahmslos f\u00fcr einen traurigen Zweck benutzt werden.<\/p>\n<p>\nWobei: Wenn ich mir die Stadt W. und ihre grauen Unterf\u00fchrungen, den tristen Friedhof, den sch\u00e4bigen Kiosk und den erb\u00e4rmlichen Fernsehturm so ansehe, frage ich mich sowieso, wer denn hier gl\u00fccklich leben kann. Einst hatte W. f\u00fcr mich schon eine Art Magie: Der Titus-Skateshop, der Musikladen in den Passagen, der Plattenladen am Ende der Einkaufsstrasse. Dort habe ich meine erste Techno-Compilation gekauft. Der Kornmarkt und seine Kneipen, der See und der Bahnhof als Dreh- und Angelpunkt meiner Welt. Ich besuchte meinen Freund D. und wir begossen unseren Schwermut in den Kneipen der Stadt, sa\u00dfen fr\u00f6hlich auf dem Balkon rum oder redeten n\u00e4chtelang Bl\u00f6dsinn. All das ist vorbei und l\u00e4sst sich nicht mehr aufw\u00e4rmen.<\/p>\n<p>Ich glaube W. hat sich bei mir \u00bbvertrostlost\u00ab, weil ich keine Verbindungen mehr zu dieser Stadt habe. Wenn ich durch ihre Stra\u00dfen laufe, werde ich niemanden treffen, den ich kenne und kein M\u00e4dchen wird mir mit Blicken Hoffnung machen.<\/p>\n<blockquote><p>Wo ist \u00fcberhaupt diese ganze Hoffnung hin, dieses Feuer, das uns immer auf die Stra\u00dfen getrieben hat? So sehr sind wir doch alle nicht entt\u00e4uscht worden?<\/p><\/blockquote>\n<p>Damals haben wir doch auch nie ein M\u00e4dchen aufgerissen und trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben. Hinter jeder Kneipent\u00fcr, hinter jeder Auffahrt lauerte ein Abenteuer &#8230;<\/p>\n<p>(Unvollendet)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachtlicher Besuch in der Heimat. Kaum war ich heute morgen wach, da rief mein Vater an und sagte er brauche Hilfe auf der Baustelle. 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