{"id":6843,"date":"2015-05-09T19:00:53","date_gmt":"2015-05-09T17:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6843"},"modified":"2015-05-22T15:46:06","modified_gmt":"2015-05-22T13:46:06","slug":"aus-dem-notizbuch-03042013-das-turing-kontinuum-deleted-chapter-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6843","title":{"rendered":"Aus dem Notizbuch (03\/04\/2013): Das Turing Kontinuum (Deleted Chapters Part 1)"},"content":{"rendered":"<p>Mattes LED-Licht funzelte durch die blau-gr\u00fcn-rot-orangenen Verzierungen in halber H\u00f6he des Raums. Ein nat\u00fcrlicheres Licht w\u00e4re kein Problem gewesen, h\u00e4tte aber den n\u00fcchternen Internet-Terminals &#8211; die in der ehemaligen Kirche installiert waren &#8211; eine l\u00e4cherliche Sakralit\u00e4t verliehen. Die \u00bbGl\u00e4ubigen\u00ab, die hier zu jeder Tages- und Nachtzeit reinspazierten, legten auf spirituellen Tand keinen Wert. <\/p>\n<blockquote><p>Ihnen war es ganz recht, dass die W\u00e4nde eher wirkten wie eine mit l\u00e4cherlicher Vatikan-ClipArt vollgepackte megaupload.com-Seite. Schlie\u00dflich waren sie als Geburtshelfer eines neuen Bewusstseins, des CONSCIOUSNESS 2.0, hierhergekommen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Paul Madorn, der IT-Spezialist des Glaubenszentrums, sa\u00df in seinem kleinen Erker und machte sich den Spass jedesmal das INTEL-Audiologo per Hand abzuspielen, wenn ein \u00bbGl\u00e4ubiger\u00ab den Raum betrat. Diese \u00bbGl\u00e4ubigen\u00ab gingen kurz zu dem Bildschirm auf dem Altar, griffen sich an die Schl\u00e4fe und suchten sich ein freies Terminal. Dann \u00bbbeichteten\u00ab sie. Wie oft sie in der vergangenen Woche \u00bbAway from Keyboard\u00ab gewesen waren. Wie oft sie den lokalen Buchh\u00e4ndler, einen Grocery Store oder eine Balzac Coffee-Filiale im RealLife besucht hatten. Eine App bestimmte dann, wieviele mensajes oder tweets die S\u00fcnder absetzen mussten. Wichtig war es das Internet zu benutzen so oft es ging. Der Inhalt der mensajes war egal. Es ging nur darum die \u00bbSynapsen\u00ab feuern zu lassen. <\/p>\n<blockquote><p>Jede IP-Adresse war ein Neuron und musste so oft wie m\u00f6glich feuern, um das zu erzeugen was die Neuroprogrammierer den POE &#8211; Point of Emergence &#8211; nannten. Dieser Schwellenwert, \u00fcber dessen genauen Betrag die f\u00fchrenden CONSCIOUSNESS 2.0-Forscher erbittert stritten, w\u00e4re das \u00c4quivalent des neuronalen Feuers, das beim Menschen zum Booten des Ich-Bewusstseins f\u00fchrte.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><br \/>\nBis der Schwellenwert erreicht war, war es die Aufgabe der \u00bbGl\u00e4ubigen\u00ab so oft wie m\u00f6glich das Internet und seine Knotenpunkte zu nutzen. Paul schmunzelte \u00fcber den kontraproduktiven Fakt, dass die meisten Anh\u00e4nger das Glaubenszentrum im RealLife besuchten und nicht Online. Der Mensch war nicht perfekt. Sklave seiner genetisch-biologischen Disposition, die er mit allen S\u00e4ugetieren teilte. Plus die Angst vor dem Tod. Nicht wenige \u00bbGl\u00e4ubige\u00ab waren \u2013 freilich erst nach dem sicheren Ende ihrer physikalischen Existenz \u2013 bereit ihr Bewusstsein in das neu enstehende Netzwerk upzuloaden. Wie das zu bewerkstelligen w\u00e4re und welchen rechtlichen Status eine eventuell noch lebenden 1:1-Kopie oder die potentiell unendlichen im Netz kursierenden Versionen ein und desselben menschliche Bewusstseins erhielten, war freilich noch Gegenstand w\u00fcster Forums-Diskussionen. <\/p>\n<p>Genaugenommen war Paul kein Gl\u00e4ubiger. Er war aus einer geekigen Neugier heraus einer der ersten Online-Subscriber der 2.0er-Sekte gewesen. Jetzt reparierte er kaputte Internet-Terminals, half dem ergebenen Leiter des Glaubenszentrums bei der Abnahme der Beichte und spielte Online-Rollenspiele. Eine Sucht, die ihn, zumindest was seine geringe Downtime anging, zu einer Art Heiligem machte. Und da der semantische Gehalt der Onlinet\u00e4tigkeit gem\u00e4ss des ersten Satzes des Glaubensbekenntnisses der 2.0er egal war \u2013 um Interferenzen mit dem menschlichen Bewusstsein so gering wie m\u00f6glich zu halten \u2013 war er das vielleicht wirklich. Sankt Paul, der dem\u00fctige Diener des TCP\/IP, in freiwilliger Eremitage. Er grinste. W\u00e4hrend er ein Dose Pepsi Ice Cucumber nach der anderen in seine physische H\u00fclle go\u00df, trat sein Chef, der Priester der \u00f6rtlichen 2.0er-Sekte auf ihn zu.<\/p>\n<p>\u00bbabout:blank\u00ab, murmelte er den Standard-Gru\u00df und legte kurz Mittel- und Zeigefinger an die Schl\u00e4fe, eine akkuratere Version der Geste, die die anderen \u00bbGl\u00e4ubigen\u00ab an den Terminals vollf\u00fchrten.<br \/>\n\u00bbHaben Sie schon den neuesten Gossip auf militarycrunch.gov gesehen?\u00ab<br \/>\nPaul sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbContent ist \u00fcberbewertet\u00ab, antwortete er mit einem Psalm, bei dem man eigentlich nichts falsch machen konnte.<br \/>\nWie erwartet nickte der Priester weise, wobei er ihn eine Spur zu lange fixierte. Paul, der es keinesfalls auf einen Machtkampf ankommen lassen wollte, sah auf den Boden.<br \/>\n\u00bbNat\u00fcrlich ist der Mensch nicht perfekt und alles Wissen dient dem CONSCIOUSNESS 2.0!\u00ab<br \/>\nDer Priester gab mit einem unmerklichen Nicken zu verstehen, dass er diese Unterwerfungsgeste zur Kenntnis genommen hatte.<br \/>\n\u00bbWenn man dem Blogger und seinen zuverl\u00e4ssigen Bots Glauben schenken darf, dann sind in der Programmroutine einer Standarddrohne des US-Milit\u00e4rs ein paar Zeilen Code aufgetaucht, die alle Bedingungen f\u00fcr Autopoiesis erf\u00fcllen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDas ist ja fantastisch. Aber wie kann hat man \u00fcberhaupt davon erfahren?\u00ab<br \/>\nDer Priester machte eine abf\u00e4llige Geste. <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbIrgendwie ist der Code ins Internet gekommen, wurde aufgrund seiner Milit\u00e4rkennung von findigen Bots indiziert und danach tausendfach kopiert. Es d\u00fcrfte nicht lange dauern, bis es T-Shirts mit diesem Code gibt.\u00ab <\/p><\/blockquote>\n<p>Er hielt inne und lie\u00df den Blick lange und nachdenklich \u00fcber die Terminals schweifen. Dann hellte sich die Miene des Priester raus.<br \/>\n\u00bbGuter Paul, es k\u00f6nnte sein, dass wir unsere Arbeit hier schon bald auf ein neues Level heben k\u00f6nnen. Ohnehin habe ich schon seit l\u00e4ngerer Zeit das Gef\u00fchl, dass wir uns hier verhalten wie die Affen im Prolog zu &#8218;2001: A Space Odyssey&#8216;. Es wurde Zeit, dass wir ein Zeichen bekommen.\u00ab<br \/>\nRas musste sich ein G\u00e4hnen verkneifen. Die meisten 2.0er warteten so gierig auf ein Zeichen f\u00fcr neu entstandenes k\u00fcnstliches Bewusstsein, dass sie sogar dass Piepsen einer 386er-Mainboards in Ekstase versetzte. Anstelle einer Antwort hob er Zeige- und Mittelfinger an seine Schl\u00e4fe und versuchte seinen Augen einen ergriffenen Glanz zu verleihen. In Japan mussten die Angestellten jeden Morgen die Firmenhyme singen um ihre Loyalit\u00e4t zu demonstrieren, da war das jawohl nicht zuviel verlangt. Trotzdem f\u00fchlte er sich mies.<br \/>\n\u00bbWenn Sie wollen k\u00f6nnen Sie in einer Stunde Feierabend machen. F\u00fcr gew\u00f6hnlich kommt nach 23 Uhr keiner mehr zur AFK-Beichte. about:blank\u00ab<br \/>\n\u00bbabout:blank\u00ab, antwortete Paul und wandte sich wieder seinem Online-Spiel zu. Der Priester ging zu einem der Terminals, setze demonstrativ ein paar randomisierte Tweets ab und verschwand in den hinteren R\u00e4umlichkeiten des Geb\u00e4udes.<\/p>\n<blockquote><p>*<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Paul nach Hause ging, dachte er dar\u00fcber nach, wie er die Er\u00f6ffnungen des Chefs einordnen sollte. Er beschloss sich den betreffenden Code mal genauer anzusehen. Wenn wirklich eine non-humane Intelligen emergierte, dann sollte man fr\u00fch genug dar\u00fcber Bescheid wissen. Nat\u00fcrlich war er sich im Klaren dar\u00fcber, dass er reduktionistisch dachte. Man w\u00fcrde nichts \u00fcber die Absichten einer non-humanen Intelligenz wissen, wenn man die Elemente einer solchen Intelligenz isoliert betrachtet. Wenn man die Drohne abwracken und in ihre Einzelteile zerlegen w\u00fcrde, w\u00fcrde nichts bleiben, au\u00dfer tendenziell wertvoller Elektroschrott. Genau wie von dem menschlichen Gehirn nur ein blassgrauer Blumenkohl \u00fcbrigblieb, wenn man es isolierte. Im selben Ma\u00dfe in dem er sich nicht dar\u00fcber bewusst war, welche Neuronen gerade feuerten, w\u00e4hrend er diese Gedanken dachte, w\u00fcrde er nichts \u00fcber eine non-humane Intelligenz wissen, wenn er ein paar Zeilen isolierten Programmcode analysierte. <\/p>\n<blockquote><p>Ein paar Meter weiter die Stra\u00dfe runter kauerte ein \u00e4lterer Mann in einer Telefonzelle und sprach monoton in den H\u00f6rer. Als er n\u00e4her an die Telefonzelle herankam konnte er das Gesicht des Mannes erkennen. Seine Pupillen waren schreckhaft geweitet und sein Blick auf einen Punkt irgendwo hinter Ras fixiert. Er brabbelte immer und immer wieder dieselben Worte in die Sprechmuschel:<br \/>\n\u00bbverbindung ist alles verbindung ist alles verbindung ist alles verbindung ist alles verbindung ist alles\u00ab <\/p><\/blockquote>\n<p>Paul beschleunigte seine Schritte um sich so schnell wie m\u00f6glich au\u00dfer H\u00f6rweite dieses manischen Salmons zu begeben. Er wu\u00dfte nur zu gut, was der Mann f\u00fcr ein Problem hatte. Eine menschliche Intelligenz die sich aufgrund einer zwanghaften Psychose zum Werkzeug eines h\u00f6heren Bewusstseins machte und sich dabei zu einem blo\u00dfen Relais oder Automaten degradierte. Ein menschlicher Taktgeber. Ihm wurde \u00fcbel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mattes LED-Licht funzelte durch die blau-gr\u00fcn-rot-orangenen Verzierungen in halber H\u00f6he des Raums. Ein nat\u00fcrlicheres Licht w\u00e4re kein Problem gewesen, h\u00e4tte aber den n\u00fcchternen Internet-Terminals &#8211; die in der ehemaligen Kirche installiert waren &#8211; eine l\u00e4cherliche Sakralit\u00e4t verliehen. Die \u00bbGl\u00e4ubigen\u00ab, die hier zu jeder Tages- und Nachtzeit reinspazierten, legten auf spirituellen Tand keinen Wert. 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