{"id":6871,"date":"2015-05-24T09:32:35","date_gmt":"2015-05-24T07:32:35","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6871"},"modified":"2015-05-24T09:36:40","modified_gmt":"2015-05-24T07:36:40","slug":"aus-dem-notizbuch-15042013-das-turing-kontinuum-deleted-chapters-part-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6871","title":{"rendered":"Aus dem Notizbuch (15\/04\/2013): Das Turing Kontinuum (Deleted Chapters Part 3)"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>P\u0101l sa\u00df gelangweilt vor seiner Wellblechh\u00fctte und s\u00e4uberte sich mit seinem Armeemesser die Fingern\u00e4gel. In der Sonnenglut, die nur von dem wenige Zentimeter \u00fcberstehenden Dach gemildert wurde, konnte man nicht vielmehr machen, als rauchen, in der Nase bohren und vor sich hin gr\u00fcbeln. Vielleicht nicht mal gr\u00fcbeln. Die Gedanken krochen in dem Tempo durchs Gehirn in dem Ahornsirup in Griesbrei einsinkt und waren von \u00e4hnlicher Klarheit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Zeit zu Zeit schaltete P\u0101l den Fernseher an, der an eine illegal angeflanschten Antenne angeschlossen war, und sah sich bollywoodeske Soaps mit augenschmerzender Farbgestaltung an. In der H\u00fctte selber war es nur nachts auszuhalten, wenn die Steine in der W\u00fcste mit einem trockenen Knall zerbarsten. Zweimal die Woche besuchte ihn ein rot-gelb-gr\u00fcn-lackierter Mercedes-Laster, der Reis, Bohnen, Konservenfleisch, Orangen, Wasser und Zigaretten brachte. Au\u00dferdem gab es bei den s\u00e4kularen Partisanen in den Bergen den selbstgebranntem Schnaps der Kalashi im Tausch gegen Batterien oder Munition. Eigentlich war es Wahnsinn an einem milit\u00e4rischen Checkpoint zu trinken, aber P\u0101l wusste nicht wie er die langen N\u00e4chte sonst \u00fcberstehen sollte in denen seine Petroleumlampe lange schmale Schatten auf die W\u00e4nde der Baracke warf. Mit ein paar Gl\u00e4sern Aprikosenschnaps wurden sie zu einem erotischen Scherenschnitt-Theater. Erst z\u00fcchtige Turteleien zwischen ihm und seiner Angebeteten Yasira, sp\u00e4ter Varianten aller sexuellen Spielereien die seine unerfahrene Phantasie hergab.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAuch in dieser Nacht lag P\u0101l schlaflos auf seinem Feldbett, kalten Schwei\u00df auf der Stirn und hei\u00dfes verklebtes Sperma auf der rauhen Wollunterw\u00e4sche. Die Stille warf ein unheimliches Nicht-Echo in den nahen Bergen. Als er jedoch genau hinh\u00f6rte nahm er ein feines hochfrequentes Pfeifen war, dass die k\u00fchle Nachtluft in zwei H\u00e4lften schnitt. Er drehte sich um und versuchte das linke Ohr dicht auf das Feldbett zu pressen. Doch anstatt nachzulassen wurde das Ger\u00e4usch immer lauter. Ein scharfes, metallisches Etwas sauste durch die Luft. P\u0101l setzte sich auf und schob die schmutzige Jalousie beiseite. Alles was er sah waren die Reflektionen der Petroleumlampe und sein eigenes verschwitztes Gesicht. Er befeuchtete seine Finger mit Spucke, hob das Glas der Lampe und l\u00f6schte den schwelenden Docht. Stille. Es sah wieder aus dem Fenster, konnte aber nur die grau-schwarzen Konturen der B\u00e4ume vor den pech-schwarzen Silhouetten der Berge erkennen. Er schl\u00fcpfte in seine Uniformhose und trat vor die T\u00fcr der Wellblechh\u00fctte. Lange besah er sich die Sterne und fragte sich, ob er sich das Pfeifen wohl nur eingebildet habe. Gerade als er sich wieder umdrehen und ein letztes Glas Aprikosenschnaps genehmigen wollte, kehrte das Pfeifen in h\u00f6herer Intensit\u00e4t wieder. Im Freien fiel es ihm leichter das Ger\u00e4usch zu orten und er erkannte, dass etwas projektilartiges mit abruptem Kurswechseln durch die Luft flog. Nach einiger Zeit konnte er im Geiste die ungef\u00e4hre Flugroute absch\u00e4tzen und als er zum dem Punkt sah, an dem er das unbekannte Objekt erwartete, konnte er zwischen den hellen Sternbilder ein kleine rot-gelbe Stichflamme in einer kobaltblauen Aureole erkennen. Der Ausstoss einen D\u00fcsentriebwerks. <\/p>\n<blockquote><p>Sp\u00e4testens jetzt war er wieder n\u00fcchtern. Er sprang in die Baracke, kramte nach dem CB-Funkger\u00e4t, ri\u00df die Antenne aus dem Fernsehger\u00e4t und steckte sie zur\u00fcck in die Funkanlage. Dann trat er, mit dem Mikrofon in der Hand, soweit vor die Baracke wie es die Kabell\u00e4nge erlaubt. \u00bbCheckpoint Khyber Pass an Hauptquartier &#8211; Checkpoint Khyber Pass an HQ, bitte kommen\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus dem Lautsprecher in der Baracke war nur wei\u00dfes Rauschen zu h\u00f6ren. Er duckte sich um mehr von Himmel sehen zu k\u00f6nnen.<br \/>\n\u00bbCheckpoint Khyber Pass an HQ &#8211; HQ bitte kommen.\u00ab<br \/>\nWieder keine Antwort, wahrscheinlich schlief der diensthabende Kollege, genau wie er es normalerwiese auch getan h\u00e4tte. Gerade als er den Funkspruch ein paar Nuancen lauter absetzen wollte, entdeckte er wieder die Stichflamme am Himmel und diesmal flog sie direkt auf ihn zu. Ensetzt lie\u00df er das Mikrofon los, das am \u00fcberdehnten Kabel zur\u00fcck in die Baracke flog und warf sich in Erwartung einer Explosion auf den Boden. Das Flugobjekt sauste in einer steilen Trajektorie direkt auf die Baracke zu und produzierte ein scharfes Heulen. P\u0101l krabbelte so gut es ging in Deckung, sch\u00fctzte seine Eingeweide mit den Beinen und zuckte heftig zusammen, als der Himmelsk\u00f6rper mit einem ohrenbet\u00e4ubendem Scheppern, aber ohne Explosion drei\u00dfig oder vierzig Meter entfernt auf den Steinboden aufschlug.<\/p>\n<p>Nachdem er den Schock einigerma\u00dfen \u00fcberwunden und sich den trockenen Staub aus dem Gesicht gewaschen hatte, den das abst\u00fcrzende Flugobjekt aufgewirbelt hatte, fasste sich P\u0101l ein Herz, schnallte sich sein Maschinengewehr auf den R\u00fccken und lief geduckt zur Absturzstelle. <\/p>\n<blockquote><p>In einem Umkreis von ein paar Meter um das Objekt wurde es unertr\u00e4glich hei\u00df. Das D\u00fcsentriebwerk war noch aktiv und verbrannte den \u00fcbrigen Treibstoff in einer orangenen Glut.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Rumpf des Miniflugzeugs, als das P\u0101l das Absturzobjekt jetzt erkannte, war war entzweigebrochen, die Tragfl\u00e4chen und R\u00e4der standen in komischen Winkeln ab, wie die Gliedma\u00dfen die bei einer Comicschl\u00e4gerei aus der Rauchwolke herausragten. Den Absturz konnte niemand \u00fcberlebt haben. P\u0101l ging um das Wrack herum zu der Stelle, an der er das Cockpit vermutete. Das verbeulte, aber dennoch halbwegs erkennbare Vorderteil des Wrack ging ihm h\u00f6chstens bis zu H\u00fcfte. Das war kein bemanntes Flugzeug, sondern eine von diesen Drohnen, mit denen das FSA-Milit\u00e4r die Region \u00fcberflog. Einen Moment lang war P\u0101l starr vor Schreck. Wie weit konnten diese Dinger von der Basis wegfliegen? Waren irgendwo Bodentruppen in der N\u00e4he? W\u00fcrden sie sich das Ding holen kommen? Er hatte weder Lust auf diplomatische Verwicklungen noch darauf von einem Snipergewehr als l\u00e4stiger Zeuge erledigt zu werden. <\/p>\n<p>Hinter ein paar Felsbrocken fand er provisorische Deckung und z\u00fcndete sich erstmal eine Gold Flake an, ohne dar\u00fcber nachzudenken, dass er f\u00fcr etwaige Sniper nun ein ideales Ziel war. Er dachte nach. Die Technik in der Drohne musste f\u00fcr das Hauptquartier unglaublich wertvoll sein. Als legitimem Entdecker sprangen f\u00fcr ihn ein kumpelhafes Schulterklopfen vom zust\u00e4ndigen Sergeant und eventuell ein paar Tage Sonderurlaub heraus. Bei den Partisanen, die den Absturz zweifelsohne auch beobachtet hatten, erwarteten ihn entweder ein paar Sch\u00fcsse in den R\u00fccken oder ein paar wertvolle Versorgungskontakte. W\u00e4hrend er so \u00fcber seine Optionen sinnierte brannte das Triebwerk der Drohne langsam aus. Irgendwo musste ein Treibstoffleck sein und P\u0101l konnte von Gl\u00fcck sprechen, dass ihm das Ding nicht pl\u00f6tzlich um die Ohren geflogen war und er den Rest seines Lebens mit einem Schrapnell im Bein als Lagerfeuerheld verbringen musste. Geduckt hastete er zur Baracke und kramte in seinem provisorischen Werkzeugkoffer. Eine lange Rohrzange, ein kleiner Hammer und ein angerosteter Mei\u00dfel, genug um dem himmlischen Fundst\u00fcck etwas zu Leibe zu r\u00fccken. Nach einigem H\u00e4mmern, biegen und ziehen war er sich sicher, dass im Rumpf der Drohne nichts wichtiges zu finden war, also machte er sich als n\u00e4chstes an das Cockpit. Hier war einiges zerst\u00f6rt worden. <\/p>\n<blockquote><p>Ein paar verkohlte Leiterplatten, noch leicht warme Antennen und dicke dreifach isolierte Kabelstrecken machten wenig Mut in diesem High-Tech-Schrott etwas Wichtiges zu finden. Dennoch werkelte P\u0101l, dessen Neugier mittlerweile gr\u00f6\u00dfer war als die Angst attackiert zu werden, munter weiter, bis er auf einen irreduziblen Teil des Cockpits stie\u00df.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit vier daumendicken Nieten war eine rote Box aus einem glatten Material an die Au\u00dfenwand der Drohen befestigt worden, die keinen Kratzer abbekommen zu haben schien. Auf der Seite waren wei\u00dfe Querstreifen und f\u00fcnf W\u00f6rter in gro\u00dfen lateinischen Buchstaben aufgemalt, die P\u0101l nicht lesen konnte, aber f\u00fcr Englisch hielt. Da dies das einzige Teil war, dass einen erkennbaren Sinn zu haben schien, h\u00e4mmerte er mit dem Mei\u00dfel solange auf die Bodenplatte der Box ein, bis sich eine Niete nach der anderen von der Au\u00dfenwand l\u00f6sten. Dann zog er den einige Kilo schweren Beh\u00e4lter aus dem verbeulten Wrack, lie\u00df es noch einen Moment abk\u00fchlen und schleppte ihn zur Baracke. Dort angekommen hiefte er die Box auf das Dach und versteckte sie zwischen einem Karton mit Stacheldraht, ein paar Treibstoffkanistern und zwei zerbeulten Fahrzeugsperren, die dort verstaut waren. Als er sicher war, dass sie bei oberfl\u00e4chlicher Betrachtung nicht zu entdecken war, kroch er in sein Feldbett, schloss die Augen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Inschallah!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u0101l sa\u00df gelangweilt vor seiner Wellblechh\u00fctte und s\u00e4uberte sich mit seinem Armeemesser die Fingern\u00e4gel. In der Sonnenglut, die nur von dem wenige Zentimeter \u00fcberstehenden Dach gemildert wurde, konnte man nicht vielmehr machen, als rauchen, in der Nase bohren und vor sich hin gr\u00fcbeln. Vielleicht nicht mal gr\u00fcbeln. 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