{"id":6876,"date":"2015-05-25T11:02:18","date_gmt":"2015-05-25T09:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=6876"},"modified":"2015-05-26T13:42:37","modified_gmt":"2015-05-26T11:42:37","slug":"der-autor-im-zeitalter-seiner-technischen-reproduzierbarkeit-testcard-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=6876","title":{"rendered":"Der Autor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit \u2013 testcard #24"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u00bbWir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Fu\u0308r-einander, die Relativit\u00e4t, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen-Welt als \u00bban sich\u00ab in die Dinge hineindichten (\u2026) so treiben wir es (\u2026) wie wir es immer getrieben haben, n\u00e4mlich mythologisch.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Friedrich Nietzsche<\/p>\n<p>Im Herbst letzten Jahres hat der britische Science-Fiction-Autor Charles Stross in seinem Blog <a href=\"http:\/\/www.antipope.org\/charlie\/blog-static\/2013\/10\/polemic-how-readers-will-disco.html\">antipope.org<\/a> eine Dystopie \u00fcber die Zukunft der eBooks ver\u00f6ffentlicht. In der Zukunft, so prophezeit er, werden wilde Spambooks unsere eBook-Verzeichnisse durchforsten und aus den dort enthaltenen B\u00fcchern tausende von geistlosen und oberfl\u00e4chlichen Romanen destillieren, die eine vage \u00c4hnlichkeit mit unseren Lesepr\u00e4ferenzen haben. Getarnt als Gratisexemplare werden sie sich in unsere eBooks installieren und im Text versteckte Anzeigenfl\u00e4che an dubiose Offshore-Spamprovider verkaufen. <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbBooks are going to be like cockroaches, hiding and breeding in dark corners and keeping you awake at night with their chittering. There&#8217;s no need for you to go in search of them: rather, the problem will be how to keep them from overwhelming you.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser leicht \u00fcberdrehte, technologiepessimistische Text, der sich wie eine Mischung aus William Gibson und Douglas Adams liest, bekam eine neue Facette, als sich im Fr\u00fchling dieses Jahres die Berichterstattung \u00fcber den sogenannten Roboterjournalismus \u00fcberschlug. Pl\u00f6tzlich erzittert die Nachrichtenbranche vor einem Ph\u00e4nomen, dass vorher schon unz\u00e4hlige andere Arbeitsbereiche ersch\u00fcttert hat: die Automatisierung. Und so wie immer wurde eine kreative und \u00fcberlegene Elite konstruiert, die sich keine Sorgen zu machen brauche. Der neue Roboterjournalismus sei <a href=\"http:\/\/blog.zdf.de\/hyperland\/2014\/04\/roboterjournalismus-die-kuenstlichen-schreiber-kommen\">\u00bbrasend schnell, aber unkreativ\u00ab<\/a> und die redaktionelle Assistenz und die Materialbeschaffung werde zwar bald obsolet, aber \u00bbFeatures, Reportagen und Interviews k\u00f6nnen noch nicht von Maschinen produziert werden\u00ab. Und nat\u00fcrlich erst recht keine Literatur. <\/p>\n<p>Lorenz Matzat von <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2014\/was-ist-eigentlich-roboterjournalismus-teil-1-was-die-softwaremaschinen-koennen-werden\">netzpolitik.org<\/a> sieht allerdings schon eine zweite Phase des Roboterjournalismus am Horizont. Diese k\u00f6nne \u00bbdann eintreten, wenn die semantischen F\u00e4higkeiten der Algorithmen so weit gediehen sind, dass sie in brauchbarer Qualit\u00e4t Beitr\u00e4ge f\u00fcr eine Vielzahl von Themenbereichen erzeugen k\u00f6nnen.\u00ab Etwas hilflos f\u00fchrt er am Ende der <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2014\/was-ist-eigentlich-roboterjournalismus-teil-2-warum-die-zeit-reif-ist\/\">zweiteiligen Artikelserie \u00fcber Roboterjournalismus<\/a> hinzu, dass die kommende Revolution von Gewerkschaften und Politik \u00bbbeobachtet\u00ab und die Qualit\u00e4t von Roboterjournalismus durch den Pressekodex oder klare Regeln wie die drei Robotergesetze von Isaac Asimov gew\u00e4hrleistet werden m\u00fcsse. Die drei Robotergesetze von Asimov? Oh no he didn\u2019t!?<\/p>\n<p>Offenbar befinden wir uns mitten in einer Diskussion, f\u00fcr die es keine ad\u00e4quaten Begriffe mehr gibt. Ist Stross\u2019 kleine Dystopie angesichts des Ph\u00e4nomens Roboterjournalismus doch keine \u00fcberdrehte Science-Fiction, sondern ein realistisches Szenario f\u00fcr die Zukunft? Was ist passiert? Was wird passieren? Und was ist zu tun?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer Prozess der Automatisierung von Arbeitsprozessen ist wahrlich nichts Neues, aber bisher betraf er h\u00e4ufig niedrig qualifizierte oder stark repetitive T\u00e4tigkeiten, also abstrakte Arbeit die in unserer Gesellschaftsform nur einen geringen Tauschwert erzielt. Oder wie es Constanze Kurz und Frank Rieger im Epilog ihres Buches <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/B00QW42ZG0\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B00QW42ZG0&#038;linkCode=am2&#038;tag=realvinylz-21&#038;linkId=BDJMRE7YBWNYY5JX\">Arbeitsfrei<\/a> n\u00fcchtern schreiben:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbJe weniger spezielle Talente und F\u00e4higkeiten ein Arbeitsplatz erfordert, je besser sich Resultate messen, analysieren und quantifizieren lassen, desto direkter und unmittelbarer ist der Wettlauf mit den Maschinen\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Neue am Gerede vom Roboterjournalismus, der flankierenden Debatte \u00fcber <strong>Netflix<\/strong> wegen deren angeblichem Crowdsourcing f\u00fcr die Serie \u00bbHouse of Cards\u00ab und computergeneriertem Viral Content, ist die Angst vor den \u00bbkreativen\u00ab Algorithmen. Nat\u00fcrlich ist mir klar, dass es sich um durchaus unterschiedliche Ph\u00e4nomene handelt. Die Risikoabsch\u00e4tzung von Projektinvestitionen mit Hilfe von Big Data, die Verfeinerung von News-Headlines durch die Analyse von Social-Media-Verhalten und die automatisierte Verarbeitung von News Feeds sind drei verschiedene Dinge. Im Kern geht es jedoch immer um die Ver\u00e4nderungen der contentproduzierenden Branche durch neue digitale Techniken, die eine diffuse Technikparanoia sch\u00fcren. Pl\u00f6tzlich betrifft die Automatisierung nicht mehr eint\u00f6nige und gesellschaftlich gering gesch\u00e4tzte Arbeit sondern das Herz der menschlichen Kultur. Die F\u00e4higkeit zur kreativen Sch\u00f6pfung! <\/p>\n<p>Noch ist das alles Zukunftsmusik: Die unterschiedlichen Ans\u00e4tze von Netflix, <a href=\"https:\/\/www.narrativescience.com\/\">Narrative Science<\/a>, <a href=\"http:\/\/automatedinsights.com\/\">Automated Insights<\/a> und dem deutschen Experiment <a href=\"http:\/\/text-on.de\/\">text-on<\/a> rechtfertigen keine Hysterie \u00fcber die Abschaffung von Autor und Werk. Aber tun sie das nur quantitativ nicht oder gibt es auch qualitative Einschr\u00e4nkungen? Werden Roboter irgendwann ein Essay, ein Dossier, einen Roman schreiben k\u00f6nnen?<br \/>\n\u00bbHumans are unbelievably rich and complex, but they are machines\u00ab, sagt <a href=\"http:\/\/www.wired.com\/2012\/04\/can-an-algorithm-write-a-better-news-story-than-a-human-reporter\/all\">Chris Hammond von Narrative Science<\/a>. \u00bbIn 20 years, there will be no area in which Narrative Science doesn\u2019t write stories.\u00ab<br \/>\nIst das allzu optimistischer PR-Sprech oder steht die Behauptung auf wissenschaftlichem Boden? Um diese Frage zu beantworten, sollte man k\u00fcnstliche Intelligenzen (KIs), die ja mit dem Begriff Roboter eigentlich gemeint sind, in zwei Typen unterteilen: solche die einem vorher einprogrammierten Algorithmus gehorchen (Typ I) und solche die den damit verbundenen Einschr\u00e4nkungen nicht unterliegen (Typ II).<\/p>\n<p>In seinem Standardwerk <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/382741332X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=382741332X&#038;linkCode=am2&#038;tag=realvinylz-21&#038;linkId=QSNEXVDRETP4QXB4\">Computerdenken<\/a> untersucht der mathematische Physiker <strong>Roger Penrose<\/strong> die grunds\u00e4tzliche M\u00f6glichkeit von k\u00fcnstlichem Bewusstsein. Von der durch Alan Turing beschriebenen universellen Turingmaschine (deren theoretische M\u00f6glichkeiten jeden denkbaren realen Digitalrechner einschliessen) und dem G\u00f6del-Theorem leitet Penrose ab, dass menschliches Bewusstsein prinzipiell nicht algorithmisch darstellbar sei. Er beruft sich dabei unter anderem auf den G\u00f6delschen Unvollst\u00e4ndigkeitssatz, nach dem es in jedem formalen System Aussagen gibt, die formal nicht als widerspruchsfrei bewiesen werden k\u00f6nnen. Menschliche Mathematiker sind aber sehr wohl in der Lage, diese Aussagen als widerspruchsfrei zu erkennen. <\/p>\n<blockquote><p>Damit unterscheiden Menschen sich durch KIs vom Typ I durch eine entscheidende Eigenschaft: Sie k\u00f6nnen formallogische Beweisf\u00fchrungen transzendieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>In der K\u00fcrze dieses Essays kann die so getroffene Unterscheidung zwischen algorithmischer Prozedur und menschlicher Erkenntnis nicht vollst\u00e4ndig wiedergegeben werden, aber das Gedankenexperiment <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chinesisches_Zimmer\">\u00bbDas Chinesische Zimmer\u00ab<\/a> des Philosophen John Searle mag veranschaulichen worum es dabei prinzipiell geht:<\/p>\n<p>Searle beschreibt einen geschlossenen Raum, in dem sich ein Mensch befindet. Er bekommt einen in Chinesisch verfassten Text durch einen Schlitz zugestellt. Er versteht kein einzelnes Zeichen Chinesisch, aber soll chinesische Fragen \u00fcber diesen Text anhand von Regeln beantworten, die ihm auf einem Handbuch in seiner Muttersprache mitgeteilt werden. Anhand von Zeichenerkennung und der Ausf\u00fchrung bestimmter mechanischer Anweisungen gelingt es ihm eine Antwort zu formulieren, obwohl er kein Wort des Textes verstanden hat. Searle argumentiert nun, dass ein Computer, der auf Algorithmen beruht, auf \u00e4hnliche Weise arbeitet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann ein Computer komplexe S\u00e4tze analysieren, aber er kann solche S\u00e4tze nicht im semantischen Sinne lesen und verstehen. Er kann ein Verst\u00e4ndnis nur simulieren. F\u00fcr ein echtes Verst\u00e4ndnis braucht es die M\u00f6glichkeit einer \u00bbZusammenschau\u00ab durch ein Bewusstsein \u2013 was auch immer das sein mag. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das Verfassen von komplexen Texten die mit Assoziationen, Konnotationen und verschiedenen Bedeutungsebenen operieren. <\/p>\n<blockquote><p>Man kann fragen inwieweit sich ein Roman von z.B. <strong>David Foster Wallace<\/strong> oder <strong>Roberto Bola\u00f1o<\/strong> von einem Roman unterscheidet, der nach dem Prinzip von Charles Stross\u2019 wilden Spambooks erstellt wurde. Die Antwort erscheint zun\u00e4chst einfach: Ein Mensch kann den Unterschied erkennen. Oder?<\/p><\/blockquote>\n<p>Software, die reihenweise Turingtests besteht, \u2013 und damit nach dieser Definition als menschlich gilt \u2013 schie\u00dft derzeit wie Pilze aus dem Boden. Ein Beispiel ist die KI-Webapplikation <a href=\"http:\/\/www.cleverbot.com\/\">Cleverbot<\/a>, die 2011 zu 59,3% als menschlich eingesch\u00e4tzt wurde. Offenbar lassen sich Menschen leicht t\u00e4uschen, wenn sie keine allzu hohen Ma\u00dfst\u00e4be anlegen \u2026 Bevor wir aber die zuk\u00fcnftigen M\u00f6glichkeiten einer k\u00fcnstlichen Intelligenz vom Typ II betrachten, m\u00f6chte ich einen kurzen Exkurs zu der Frage machen, wie es denn mit der kreativen Sch\u00f6pfung der menschlichen Intelligenz steht.<\/p>\n<p>Schaut man sich die Top 100 der Kindle Verkaufscharts zu einem beliebigen Zeitpunkt (hier der 26.6.2014) an, findet man folgende Titel: \u00bbLiebe hei\u00dfkalt\u00ab, \u00bbLiebe auf Reisen\u00ab, \u00bbLiebe auf den letzten Blick\u00ab, \u00bbTrotzdem irgendwie verliebt\u00ab, \u00bbZeilen unserer Liebe\u00ab, \u00bbAuszeit f\u00fcr die Liebe\u00ab, \u00bbEine (un)m\u00f6gliche Liebe\u00ab, \u00bbHerren der Liebe\u00ab und \u00bbVerliebt in der Nachspielzeit\u00ab. Um die Titel eines beliebten anderen Genres zu erg\u00e4nzen: \u00bbZersetzt\u00ab, \u00bbBenutzt\u00ab, \u00bbAusradiert\u00ab, \u00bbVerstummt\u00ab, \u00bbKalter Zwilling\u00ab, \u00bbAlle m\u00fcssen sterben\u00ab, \u00bbNachtkalt\u00ab und \u00bbTote Seelen reden nicht\u00ab. Der Inhalt dieser B\u00fccher ist schnell interpoliert und darin liegt auch der Sinn solcher Titel. Die UserInnen sollen das, was sie schon kennen, in endloser Permutation wiederfinden. Es braucht also offenbar keine Roboter, um Stross\u2019 Dystopie zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich steht auch ein Technologiewandel hinter den Kindle Charts: Die M\u00f6glichkeit des Self Publishing und die Vermarktungslogik, die sich wie ein Spinnennetz durch diese Neuver\u00f6ffentlichungen zieht. Die Autor_innen w\u00e4hlen bewusst standardisierte Cover, Titel und selbst Pseudonyme, um sich dem Publikumsgeschmack anzupassen. Emily Bold, u.a. Autorin von Vergessene K\u00fcsse, Verborgene Tr\u00e4nen und Verlorene Tr\u00e4ume sagte z.B. in einem Interview mit der Website <a href=\"http:\/\/www.lesensiegut.de\/modules\/news\/article.php?storyid=527\">lesensiegut.de<\/a>:<br \/>\n\u00bbEmily Bold ist nat\u00fcrlich ein Pseudonym. Englische Namen klingen bei historicals einfach besser (\u2026)\u00ab<\/p>\n<p>Es ist die liberalisierte Kulturindustrie die hier die Feder schwingt. Oder um es mit Adorno zu sagen: \u00bbEs hat die Tautologie von Identit\u00e4t zum Inhalt: sein soll, was ohnehin schon ist.\u00ab<br \/>\nDass ein solches Prinzip auch ohne technophobe Bedrohungsszenarien katastrophal sein kann, leuchtet hoffentlich auch Menschen ein die keine eingeschworenen Kulturpessimisten sind. Schuld ist aber kein gnadenloser Algorithmus und kein diabolischer Grossrechner. Die Computertechnologie bietet heute zwar ungeahnte M\u00f6glichkeiten und letztlich ist auch das Self Publishing eine Folge des kybernetischen Umbruchs, aber wie es in \u00bbArbeitsfrei\u00ab heisst:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bb[d]ie herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse und Konventionen in einer Gesellschaft bestimmen, was aus (\u2026) technologiegetriebenen Marktexplosionen folgt\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>und eben nicht umgekehrt. Die Algorithmen des HFT (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hochfrequenzhandel\">high-frequency trading<\/a>) zum Beispiel, handeln nach einem menschlichen Prinzip, dem der der Kapitalvermehrung, weil eben dieses Prinzip in ihren Code Eingang gefunden hat. Hier sind keine entseelten Entit\u00e4ten am Werk, sondern Roboter (oder Bots), die konsequent umsetzen, was die Menschen ihnen vorgegeben haben. Die Tatsache, dass sie dies schneller und konsequenter tun, beschleunigt zwar Entwicklungen wie den sogenannten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Flash_Crash\">Flash Crash<\/a> am 6. Mai 2010, macht aber keinen prinzipiellen Unterschied. Es ist beinahe so, als vertraue die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Menschen der Logik des endlosen Wachstums nur dann, wenn fehlbare und inkonsequente Kohlenstoffgehirne dahinterstecken. Business as usual. Die verk\u00fcrzte Kapitalismuskritik hat den entfesselten Algorithmus als neuen Feind entdeckt. Benedict Seymour vom Mute Magazine hat das hysterische Herumdoktern an den Symptomen der Digitalisierung in seiner Fantasyparodie <a href=\"http:\/\/www.metamute.org\/editorial\/articles\/fellowship-wrong\">\u00bbFellowship of the Wrong\u00ab<\/a> sch\u00f6n zusammengefasst.<\/p>\n<p>Die Mittelklasse von Wall Shire wird von einer Orkplage heimgesucht. Hart arbeitende Finanzhobbits verlieren ihre Jobs, da sie durch <strong>High Frequency Trading<\/strong> Orks ersetzt werden. Sie k\u00f6nnen selbst dort Profite finden wo kein menschlicher Trader sie sehen kann. Sie existieren in einer anderen Raum- und Zeitdimension und produzieren in Millisekunden finanzielle Bedingungen die sie dann f\u00fcr sich ausschlachten k\u00f6nnen. Da sehen die rechtschaffenden Finanzhobbits nat\u00fcrlich alt aus. Deshalb tun sich ehrenhafte Hobbits zum \u00bbFellowship of the Wonks\u00ab zusammen, um das Land von den Ork-Algorithmen zu befreien. Sie schustern eine halbgare L\u00f6sung zusammen, mit der sie die High Frequency Orks ein wenig ausbremsen. Am n\u00e4chsten Tag kollabiert das gesamte Finanzsystem. Neue L\u00f6sungen werden gesucht, aber weder die Tolkien Steuer noch \u00bbthe precise interpretation of one of the equations of Marx\u2019s Mathematical Notebooks\u00ab reichen aus. Die aufrechten Finanzhobbits glauben zu sehr an \u00bbpersonal exploitation and capitalism with a hobbit face.\u00ab<\/p>\n<p>Der Hobbit Froideur scheint der einzige zu sein, der den politisch-historischen Kontext von \u00bbneutralen\u00ab Technologien durchschauen kann. Er ersetzt den alten Handelscode mit einem neuen Code, der die Wertform in ihrer Totalit\u00e4t angreift und s\u00e4mtliches Trading auf der ganzen Welt zum Erliegen bringt. Nun arbeiten die Ork-Algorithmen nach einem Prinzip, das Wohlstand f\u00fcr alle Menschen bringt.<\/p>\n<p>Um die Moral der Geschichte f\u00fcr unsere Zwecke zusammenzufassen: <\/p>\n<blockquote><p>Solange Verlage, Publisher, Labels und Handelsketten versuchen, den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Tauschwert mit dem geringsten Aufkommen an abstrakter Arbeit (und dem geringst m\u00f6glichen Risiko) zu erzielen, ist nicht der ausf\u00fchrende Algorithmus das Problem, sondern das zugrundeliegende Prinzip selber.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Technologien helfen uns lediglich dieses Prinzip klarer (und schneller) zu sehen. Und ein Barney Rosset-, Siegfried Unseld- oder Gaston Gallimard-Algorithmus der die Zukunft der Literatur im Blick hat und Geld in Projekte mit unklarem Ausgang investiert, weil er sich h\u00f6heren Werten verpflichtet f\u00fchlt, ist leider noch nicht in Sicht.<br \/>\nWas uns zu der Frage f\u00fchrt, ob es so eine k\u00fcnstliche \u00bbVerleger-Intelligenz\u00ab geben und was eine solche f\u00fcr die Zukunft der Literaturproduktion bedeuten k\u00f6nnte. Es w\u00e4re eine KI vom Typ II, die ein eigenes Bewusstsein hat und ihre Entscheidung aufgrund der Daten trifft, die sie in der Welt vorfindet.<\/p>\n<p>Glaubt man dem Physiker <strong>Bernd Vowinkel<\/strong>, Autor des Buches <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/3527406301\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3527406301&#038;linkCode=am2&#038;tag=realvinylz-21&#038;linkId=6525ZAT5DC5WU6OQ\">Maschinen mit Bewusstsein<\/a>, so ist es grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich eine Maschine mit einem umfangreichen leistungsf\u00e4higen neuronalen Netz und eigenen \u00bbSinnesorganen\u00ab zu bauen, die aktiv die Umwelt erkunden und damit ein mehr oder weniger ausgepr\u00e4gtes Bewusstsein entwickeln kann. Da w\u00e4re dann kein Algorithmus im Sinne von Penrose mehr am Werk, sondern ein autopoietisches physikalisches System, das mit einem Zufallsinput operiert. Der Zufall ist in diesem Falle das, was unsere Sinnesorgane uns jeden Tag liefern. <\/p>\n<blockquote><p>Eine solche Maschine ist nicht automatisch ein Genie, sondern in hohem Ma\u00dfe von der sie umgebenden Sozialstruktur abh\u00e4ngig. Sie simuliert eben nicht ein bestimmtes Bewusstsein, sondern IRGENDEIN Bewusstsein und w\u00fcrde damit eigene Ansichten und Wertvorstellungen entwickeln und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Pers\u00f6nlichkeitsrechte beanspruchen. <\/p><\/blockquote>\n<p>Ob es soweit kommt, ist heute nicht abzusehen, aber die prinzipielle M\u00f6glichkeit besteht. Und dann wird es darauf ankommen in welcher Welt diese k\u00fcnstlichen Bewusstseine zu sich kommen. Sind sie automatisch Konkurrenten des Menschen, weil sie u.U. schneller denken und handeln k\u00f6nnen? Und wenn ja, ist dann nicht jeder neugeborene Mensch genauso ein Konkurrent und potentieller Feind? Und ist dies nicht das eigentliche Problem?<\/p>\n<p>In meinen Augen ist die Computer-, Algorithmen- und Technikphobie, mit der regelm\u00e4\u00dfig jede neue digitale Applikation gegei\u00dfelt wird, zwar nicht unbegr\u00fcndet, aber eben auch Reflex einer Verdeckung von Symptomen, deren Ursache deutlich tiefer liegt. Es ist, als seien wir in zweifacher Hinsicht dem Warenfetisch erlegen: Auf der Ebene des Konsum verlangen wir von den Objekten, dass sie st\u00e4ndig immer nur das einl\u00f6sen, was wir vorher in sie hineingelegt haben: Emily Bold und Dan Brown \u2026 Neue Erkenntnis ist so nicht m\u00f6glich. Auf der Ebene der Produktion begreifen wir die Objekte als unsere Feinde, obwohl wir diese doch nach unseren Regeln erschaffen haben. Und so bek\u00e4mpfen wir die Fetische Roboter und Algorithmen. <\/p>\n<blockquote><p>Wenn menschliche Autoren aber dazu erzogen werden, mit ihren B\u00fcchern die ewige Wiederkehr des Immergleichen zu befeuern, dann sind die Roboterjournalisten wohl ihr geringstes Problem.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Zuerst erschienen in <a href=\"http:\/\/www.ventil-verlag.de\/titel\/1613\/testcard-24-bug-report-digital-war-besser\">testcard #24 \u2013 Bug Report. Digital war besser<\/a>)<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/fullview.php_-202x300.jpeg\" alt=\"fullview.php\" width=\"202\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5192\" srcset=\"https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/fullview.php_-202x300.jpeg 202w, https:\/\/realvinylz.net\/wp-content\/uploads\/fullview.php_.jpeg 472w\" sizes=\"auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbWir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Fu\u0308r-einander, die Relativit\u00e4t, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen-Welt als \u00bban sich\u00ab in die Dinge hineindichten (\u2026) so treiben wir es (\u2026) wie wir es immer getrieben haben, n\u00e4mlich mythologisch.\u00ab Friedrich Nietzsche [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1940,1975,1888],"tags":[1978,2018,1780],"class_list":["post-6876","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essay","category-journalismus","category-kybernetik","tag-roboterjournalismus","tag-roger-penrose","tag-testcard"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6876","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6876"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6876\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6913,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6876\/revisions\/6913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6876"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6876"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/realvinylz.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6876"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}