{"id":7019,"date":"2015-07-07T17:52:35","date_gmt":"2015-07-07T15:52:35","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=7019"},"modified":"2015-07-15T19:46:56","modified_gmt":"2015-07-15T17:46:56","slug":"fiktive-buecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=7019","title":{"rendered":"Imagin\u00e4re B\u00fccher: Christhardt B. Etzenkirchen &#8211; Anzestralit\u00e4t in Welt 3"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u00bbEin m\u00fchseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke B\u00fccher zu verfassen; auf f\u00fcnfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende Darlegung wenige Minuten beansprucht. Besser ist es, so zu verfahren, da\u00df man so tut, als g\u00e4be es diese B\u00fccher bereits, und ein R\u00e9sum\u00e9, einen Kommentar vorlegt.\u00ab <\/p><\/blockquote>\n<p><em>Jorge Luis Borges<\/em><\/p>\n<p>In dem Buch \u00bbNotwendigkeit der Kontingenz in Welt 3\u00ab formuliert der promovierte Literaturwissenschaftler Christhardt B. Etzenkirchen eine Kritik am Standardwerk des spekulativen Materialismus (auch: <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?tag=spekulativer-realismus\">Spekulativer Realismus<\/a>), dem Buch <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/offer-listing\/303734847X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=303734847X&#038;linkCode=am2&#038;tag=realvinylz-21&#038;linkId=TJ7MILQNV4FBUTRN\">Nach der Endlichkeit<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=realvinylz-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=303734847X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> von Quentin Meillassoux.<\/p>\n<p>\nQuentin Meillassoux fragt sich in seinem Buch &#8211; angesichts der \u00dcbermacht der post-kantischen Philosophie die er mit dem Begriff <strong>Korrelationismus<\/strong> zusammenfasst &#8211; wie <strong>anzestrale Fakten<\/strong>, ja wie wissenschaftliche Erkenntnis \u00fcberhaupt interpretiert werden sollte. Der Korrelationismus &#8211; so fasst ihn Meillassoux zusammen &#8211; sei der Auffassung, dass Denken keinen Zugang zum <strong>Ding an sich<\/strong> finde und nur zu den <strong>Erscheinungsformen der Dinge<\/strong> vordringen kann.<br \/>\nAllerdings w\u00fcrden wir sp\u00e4testens seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit empirischen Daten konfrontiert, die auf eine Realit\u00e4t verweisen die dem Aufkommen der menschlichen Gattung vorausgeht. Diese Realit\u00e4t nennt Meillassoux <a href=\"https:\/\/essentialismus.wordpress.com\/tag\/anzestralitat\/\">\u00bbAnzestral\u00ab<\/a> und verweist auf Gegebenheiten wie den Big Bang, die Entstehung der Erde oder die Existenz schwarzer Materie.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nWie &#8211; so fragt Meillasoux &#8211; w\u00e4re es m\u00f6glich diese Dinge zu denken, wenn der Korrelationismus recht habe? In einer Zeit in der (per definitionem) weder der Mensch noch ein anderes Lebewesen existiert hat, gab es keine Entit\u00e4t, die diese Dinge mit seinem Denken korrelieren konnte. Die <strong>anzestralen Dinge<\/strong> m\u00fcssten also als <strong>Dinge an sich<\/strong> gesehen werden, zu denen die Mathematik uns Zugang verschafft. Diese These bildet die Pr\u00e4ambel f\u00fcr Meillassoux Beweisf\u00fchrung (die er allerdings unabh\u00e4ngig von diesem Gedanken f\u00fchrt). <\/p>\n<p>Etzenkirchen kritisiert den Realit\u00e4tsbegriff Meillassouxs, in dem er an die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Drei-Welten-Lehre\">Drei-Welten-Lehre<\/a> nach Sir Karl Popper erinnert. Popper postulierte die Existenz von drei miteinander wechselwirkenden Welten: Die Au\u00dfenwelt (= physikalische Welt materieller Objekte, z. B. Berge, Autos, H\u00e4user), die Welt des Bewusstseins (z. B. Gedanken, Gef\u00fchle, Empfindungen) und die Welt der objektiven Gedankeninhalte (z. B. mathematische S\u00e4tze). Die dritte Welt ist in h\u00f6chstem Ma\u00dfe unperfekt, kann sich grunds\u00e4tzlich nur der Wahrheit ann\u00e4hren, sie aber nie erreichen. Sie besteht &#8211; nach Popper &#8211; aus Theorien die aus der Interpretation empirischer Fakten gebildet werden.<\/p>\n<p>Etzenkirchen argumentiert nun, dass empirische Befunde (kosmische Hintergrundstrahlung, pr\u00e4-humane Fossilien, Relikte aus der Entstehungszeit der Erde) durchaus in der Jetzt-Zeit <strong>gegeben<\/strong> seien und somit der Grundgedanken des Korrelationismus in <strong>Welt 1<\/strong> nicht verletzt werde: Es gibt eine Erscheinungsform der Dinge, die dem Geist unmittelbar gegeben ist und von menschlichen Subjekten interpretiert wird.<br \/>\nDie Interpretation dieser Befunde hingegen &#8211; die auf die problematische <strong>anzestrale Welt<\/strong> verweist &#8211; ist eine falsifizierbare Theorie die in <strong>Welt 3<\/strong> aufgestellt wird. Somit verletzten rational denkbare, anzestrale Welten das Prinzip des Korrelationismus nur in <strong>Welt 3<\/strong>, aber nicht in <strong>Welt 1<\/strong>. <\/p>\n<p>Meillassoux, so Etzenkirchen, habe ein Problem formuliert, dass sich der Wissenschaftsphilosophie nach Popper gar nicht mehr stellen w\u00fcrde. Zwar ber\u00fchre die Denkbarkeit einer Welt der <strong>reinen Dinge an sich<\/strong> (ohne die Existenz des menschlichen Geistes) die <strong>Welt 3<\/strong>, aber in <strong>Welt 1<\/strong> bleibe der Korrelationismus unbesch\u00e4digt, da empirische Befunde per definitionem <strong>gegeben<\/strong> seien und somit dem Denken unmittelbar zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden.<\/p>\n<p>Eine klare Schw\u00e4che in Etzenkirchens Buch besteht darin, dass er nicht auf Meillassouxs eigentliche Beweisf\u00fchrung eingeht, sondern lediglich die Pr\u00e4ambel demontiert. Es bleibt jedoch sein Verdienst einen neuen Blickwinkel auf Meillassouxs Standardwerk er\u00f6ffnet zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbEin m\u00fchseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke B\u00fccher zu verfassen; auf f\u00fcnfhundert Seiten einen Gedanken auszuwalzen, dessen vollkommen ausreichende Darlegung wenige Minuten beansprucht. 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