{"id":7868,"date":"2017-10-02T13:04:30","date_gmt":"2017-10-02T12:04:30","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=7868"},"modified":"2017-10-02T13:24:03","modified_gmt":"2017-10-02T12:24:03","slug":"wie-ich-mal-laenger-mit-einem-afd-waehler-geredet-habe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=7868","title":{"rendered":"Wie ich mal l\u00e4nger mit einem AfD-W\u00e4hler geredet habe &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>(Dieser Artikel ist ein Ged\u00e4chtnisprotokoll. Ich habe mich bem\u00fcht die Diskussion in ihren Grundlinien zu reproduzieren und glaube, dass das Wesentliche hier wiedergegeben wird. Ich entschuldige mich bei meinem unbekannten Gespr\u00e4chspartner, wenn ich etwas grob verzerrt wiedergegeben haben sollte.)<br \/>\n<strong><br \/>\nErster Akt<\/strong><br \/>\nAm vergangenen Samstag war ich auf einer Party in Berlin-Prenzlauer Berg. Die G\u00e4ste waren \u00fcberwiegend um die Vierzig und aus dem akademischen Milieu. Es gab keinen bestimmten Anlass f\u00fcr die Party, au\u00dfer ein wenig zu trinken und zu tanzen. Ich sa\u00df mit dem Gastgeber an der Theke und er erz\u00e4hlte mir von einem Bergwandertrip in Georgien. Ich kam \u00fcber gedankliche Umwege auf Turkmenistan und die Hauptstadt A\u015fgabat zu sprechen, in der der verstorbene Pr\u00e4sident Saparmurat Nijasow <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/weltspiegel\/sonntag\/hauptstadt-von-turkmenistan-aschgabat-eine-stadt-voller-bizarrer-architektur\/11815102.html\">einen bizarren Architekturtraum initiierte<\/a>, inklusive einer in rosa-gr\u00fcnem Tortengu\u00df gekleideten Riesenversion seiner Propagandaschrift \u00bbRuhnama\u00ab. Dann kam ich auf Skopje, \u00fcber das ich gerade einen Artikel von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jurica_Pavi%C4%8Di%C4%87\">Jurica Pavicic<\/a> mit dem Titel \u00bbSkopje im Delirium\u00ab gelesen hatte. Der Artikel beschreibt wie es es die nationalistische Regierung in Mazedonien \u00bbin nur wenigen Jahren (\u2026) geschafft (hat), die Innenstadt von Skopje zu verunstalten\u00ab. Pavicic spricht von einem architektonischen Geschichtsrevisionismus mit dem Ziel die Geschichte umzuschreiben. <\/p>\n<blockquote><p>Und dann sagte ich leichtfertig: \u00bbAlso so ein bi\u00dfchen das, was die AfD hier auch vorhat.\u00ab Ein Bekannter des Gastgebers, der ein Teil des Gespr\u00e4ch mitgeh\u00f6rt hatte, fragte mich d\u00fcnn l\u00e4chelnd: \u00bbWas? Die AfD m\u00f6chte klassizistische Geb\u00e4ude in Berlin errichten?\u00ab <\/p><\/blockquote>\n<p>Ich sagte, nat\u00fcrlich nicht, und dass es mir eher um die Parallele zwischen dem mazedonischen Geschichtsrevisionismus und dem der AfD ginge. Alle schwiegen f\u00fcr einen Moment. Dann wechselte der Gastgeber das Thema. Sein Bekannter ging zu seiner Begleiterin und mir den Rest des Abends aus dem Weg.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong><br \/>\nZweiter Akt<\/strong><br \/>\nViele Biere, einige Schn\u00e4pse und ein verlorenes Kickerspiel sp\u00e4ter, sprach mich der Mann auf Spanisch an, da er wohl mitbekommen hatte, das meine Familie in Andalusien lebt. Wir quatschten ein wenig auf Spanisch und er fragte mich, was ich denn vom katalanischen Referendum hielte. Ich sagte, dass ich pers\u00f6nlich Sympathien f\u00fcr die Katalanen und Antipathien f\u00fcr die PP-gef\u00fchrte Regierung habe, dass ich aber eher eine Europ\u00e4ische Demokratie begr\u00fcssen w\u00fcrde, als noch mehr Nationalstaaten in Europa. Mein Gespr\u00e4chspartner, der vermutlich aus S\u00fcddeutschland, vielleicht Bayern, stammte, aber wohl schon l\u00e4nger in Berlin wohnte, fragte mich, ob ich denn kein Demokrat sei. Ich sagte, nat\u00fcrlich sei ich Demokrat, aber gleichzeitig auch kein Freund nationalstaatlicher Partikularinteressen. Wir wechselten ins Deutsche. Er sagte, dass dort in Katalonien und \u00fcberall in Europa ein technokratisches, undemokratisches Regime am Werk sei und es nie ein demokratisches Europa geben w\u00fcrde. Der Nationalstaat k\u00f6nne die Demokratie effektiver sch\u00fctzen. <\/p>\n<blockquote><p>Ich war jetzt neugierig geworden, weil mir unser Wortwechsel von fr\u00fcher wieder einfiel. Ich fragte ihn wo er denn politisch stehe. Er sagte, er habe AfD gew\u00e4hlt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es war ihm nicht ganz angenehm, er wirkte er trotzig und wahrscheinlich rechnete er damit jetzt mit Allgemeinpl\u00e4tzen und Nazivergleichen \u00fcbersch\u00fcttet zu werden. Ich fragte ihn einfach, ob die AfD denn demokratisch sei. Nat\u00fcrlich, sagte er, die sei ja von 13% der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hlt worden. Was keine Demokratie sei, dass sei der &#8222;There is no alternative&#8220;-Kurs der Kanzlerin in der Euro- und Fl\u00fcchtlingskrise. Ich fragte, was die Kanzlerin denn seiner Meinung nach falsch gemacht habe. Er sagte, &#8211; und das hatte ich schon in Reden von AfD-Funktion\u00e4ren geh\u00f6rt &#8211; dass 200.000 neue Fl\u00fcchtlinge in Italien unmittelbar auf die Einreise nach Deutschland warteten und mit 3-5 Personen Familiennachzug demn\u00e4chst 3-4 Millionen Fl\u00fcchtlinge in Deutschland leben w\u00fcrden, obwohl viele Menschen hier davor Angst haben. Da ich bei statistischen Zahlenspielen immer ins Schwanken gerate, fragte ich ihn, was denn so schlimm an den Fl\u00fcchtlingen sei. Er sagte, es gebe doch offensichtlich ein im Koran verankertes Gebot, das Territorium des Islams auszuweiten und das k\u00f6nne man nicht unwidersprochen stehen lassen. Ich wies ihn daraufhin was so alles in der Bibel steht und das selbst hartgesottene Christen das ja nicht w\u00f6rtlich nehmen w\u00fcrden. Er sagte, das sei im Islam aber anders. Ich sagte, dass ich in der T\u00fcrkei, Syrien, Jordanien und im Libanon gewesen sei und es dort \u00fcberall selbstverst\u00e4ndlich sei, dass Christen in eine christliche Kirche gehen k\u00f6nnen. Er entgegnete, dass dies aber zum Beispiel im Iran nicht so sei. Ich fragte ihn, ob er etwas \u00fcber die maurische Besatzung von Spanien wisse und dass sie eine sehr belebende und fruchtbare Zeit f\u00fcr Kultur, Kunst und Philosophie gewesen sei, die mit dazu beigetragen habe, das moderne Europa zu begr\u00fcnden. Er sagte, dass k\u00f6nne sein, aber er wolle so etwas in Deutschland nicht. Es g\u00e4be genug Arme in Deutschland, um die sich niemand k\u00fcmmere und es sei merkw\u00fcrdig, dass das Land jetzt mit billigen Arbeitskr\u00e4ften \u00fcberschwemmt werde. Das sei kein Zufall, sondern von der EU gesteuert. <\/p>\n<blockquote><p>Die EU-Regierung in Br\u00fcssel sei von Organisationen wie der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trilaterale_Kommission\">Trilateralen Kommission<\/a> und den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bilderberg-Konferenz\">Bilderbergern<\/a> gesteuert, um Kapitalinteressen durchzusetzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich fragte ihn, wie das mit den Positionen der AfD zur Erbschaftssteuer und ihrem Steuerprogramm zusammen ginge, von der vor allem Menschen mit sehr hohen Einkommen profitieren w\u00fcrden. Warum er nicht die Linke w\u00e4hle? Er sagte, er habe viele Jahre lang links gew\u00e4hlt, aber er habe auch deren dogmatischen und b\u00fcrokratischen Spielereien satt, die er in seinem Wahlkreis mitbekommen habe, besonders als die Linke in den 00er-Jahren in der Regierung war. Das sei f\u00fcr ihn keine Alternative mehr.<br \/>\nIch fragte nochmal, was denn die Fl\u00fcchtlinge mit der europ\u00e4ischen Zentralregierung zu tun haben. Er sagte, erstmal nichts, aber sie w\u00fcrden die deutschen Arbeiter schw\u00e4chen, die L\u00f6hne dr\u00fccken und ihre Religion sei mit unserem Kulturraum unvereinbar. Ich sagte, dass ich das nicht so sehe und verwies nochmal auf das maurische Spanien. Dann sagte ich, dass wir politisch offenbar auf v\u00f6llig entgegengesetzten Seiten st\u00fcnden, aber ich es gut f\u00e4nde, dass wir uns unterhalten. Immerhin teilten wir ja gewisse Grundannahmen. Ich sei allerdings eher der Meinung, dass die CDU der 1980er-Jahre und die SPD der 1990er-Jahre die Schw\u00e4chung der Arbeiterklassen und der Demokratie zu verantworten haben. Er sagte, das sei wohl so, aber nun sei die Situation ja so, wie sie eben sei. <\/p>\n<blockquote><p>Ich sagte, ich w\u00fcrde mich doch eher bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Democracy_in_Europe_Movement_2025\">DiEM25<\/a> engagieren und f\u00fcr eine echte europ\u00e4ische Demokratie k\u00e4mpfen. Er sagte, eine solche werde es niemals geben, das sei eine reine idealistische Wunschvorstellung.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich sagte, dass Idealismus kein schlechter Kompass f\u00fcr Politik sei. Er sagte, er bleibe lieber realistisch. Ich holte noch ein neues Argument raus:<br \/>\n\u00bbWarum hat die AfD denn so absch\u00e4tzig \u00fcber die G20-Demonstrationen in Hamburg geurteilt, die waren doch wohl auch gegen eine technokratische, elit\u00e4re und undemokratische Politikform gerichtet?\u00ab<br \/>\nEr sagte, man k\u00f6nne in Deutschland nicht einfach Autos anz\u00fcnden. Ich sagte, geschenkt, aber wie sei es denn mit den inhaltlichen Positionen der G20-Gegner? <\/p>\n<p>\nIch glaube, hier merkten wir, dass wir zu betrunken waren, um noch sinnvoll weiter zu diskutieren. Ich betonte nochmal, dass ich viele seiner Positionen f\u00fcr schwierig oder sogar gef\u00e4hrlich halte, dass ich es aber nach wie vor gut f\u00e4nde, dass wir uns so offen ausgetauscht haben. Dann gab ich ihm einen Tequila aus. Er wollte nochmal \u00fcber G20 sprechen, aber ich sagte, es sei jetzt gut gewesen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nDritter Akt und Katharsis<\/strong><\/p>\n<p>Am Sonntag bin ich mit einem fetten Kater und dem festen Vorhaben aufgewacht, das Gespr\u00e4ch zu protokollieren. Ich habe in dem Gespr\u00e4ch festgestellt, das es keine einfachen Antworten gibt. Mein vertr\u00e4umter und selbstgef\u00e4lliger Idealismus eines grenzenlos-demokratischen Europas ist vielleicht realpolitisch nicht haltbar und auf viele Fragen zur wirtschaftlichen Verfasstheit der EU habe ich keine Antwort. Aber auch mein Gespr\u00e4chspartner verstrickte sich h\u00e4ufig in Widerspr\u00fcche und gedankliche Inkonsistenz. <\/p>\n<blockquote><p>Wir beide wollen eine Entwicklung stoppen, die wir f\u00fcr undemokratisch und gef\u00e4hrlich halten und wir beide sprechen in der Summe \u00fcber Menschen, die nicht aus unserem Milieu stammen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir sind also beide ideologische Menschen, die strategisch w\u00e4hlen. Und wir sind beide aus dem akademischen Milieu, sprechen mehrere Sprachen und verdienen \u00fcberdurchschnittlich. Ich denke, dass das Gespr\u00e4ch mich zwar Kraft gekostet hat, aber dass ich in Zukunft vermehrt solche Gespr\u00e4che f\u00fchren m\u00f6chte. Allerdings n\u00fcchtern und sachlicher. Und ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass die gedankliche Tiefe, die wir bei 1,5 Promille hinbekommen haben, auch professionelle JournalistInnen in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Talkshows hinkriegen. Die Debattenkultur k\u00f6nnte davon profitieren!<\/p>\n<p><strong>P.S.:<\/strong> In diesem Zusammmenhang m\u00f6chte ich au\u00dferdem auf den Podcast <a href=\"http:\/\/www.dylanmarron.com\/podcast\/\">Conversations with People Who Hate Me <\/a> von Dylan Marron hinweisen. Er hat mich dazu inspiriert nachzufragen und starke politische Differenzen auszuhalten und trotzdem im Gespr\u00e4ch zu bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dieser Artikel ist ein Ged\u00e4chtnisprotokoll. Ich habe mich bem\u00fcht die Diskussion in ihren Grundlinien zu reproduzieren und glaube, dass das Wesentliche hier wiedergegeben wird. Ich entschuldige mich bei meinem unbekannten Gespr\u00e4chspartner, wenn ich etwas grob verzerrt wiedergegeben haben sollte.) Erster Akt Am vergangenen Samstag war ich auf einer Party in Berlin-Prenzlauer Berg. 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