{"id":8031,"date":"2020-09-11T10:35:49","date_gmt":"2020-09-11T09:35:49","guid":{"rendered":"http:\/\/realvinylz.net\/?p=8031"},"modified":"2020-12-16T09:57:57","modified_gmt":"2020-12-16T08:57:57","slug":"plattform-genossenschaften-ein-arbeitsplatzmodell-fuer-das-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/realvinylz.net\/?p=8031","title":{"rendered":"Plattform-Genossenschaften &#8211; Ein Arbeitsplatzmodell f\u00fcr das 21. Jahrhundert?"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt der Fahrradkuriere ist ein seltsames \u00d6kosystem, das aus vielen verschiedenen Spezies besteht. Als der Lieferdienst Deliveroo im August 2019 Berlin verlie\u00df, gr\u00fcndete eine Gruppe von Fahrradkurieren ihre eigene Kooperative: <a href=\"https:\/\/kolyma2.coopcycle.org\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kolyma2<\/a><\/p>\n<p>Stefano Lombardo &#8211; der Gr\u00fcnder von Kolyma2 &#8211; arbeitete seit mehr als vier Jahren f\u00fcr den Lieferdienst <i>Deliveroo<\/i>. Bereits w\u00e4hrend seiner Zeit dort plante Stefano eine eigene Kooperative zu gr\u00fcnden. Nachdem <i>Deliveroo<\/i> Berlin verlassen hatte, sah er seine Zeit gekommen. Er gr\u00fcndete die das Lieferkollektiv <i>Kolyma2<\/i>&#8211; mit einer Oldschool-Webseite und einem Telegram-Kanal.<\/p>\n<p>So liebenswert dieser Lo-Fi-Ansatz auch war, Technologie scheint eine entscheidende Rolle in der Welt der Online-Lieferdienste zu spielen. Der Umfang der Kommunikation zwischen Kunden und Fahrer um eine Lieferung abzuschliessen ist enorm. In der Folge musste <i>Kolyma2<\/i> schon im November 2019 den Betrieb wieder einstellen. Abgesehen von der Technologie gab es allerdings noch andere Probleme. Es war einfach zu viel Arbeit auf den Schultern von zu wenigen Menschen.<\/p>\n<p>Dies war aber nicht das Ende von <i>Kolyma2<\/i>. Im Januar 2020 kehrten sie zur\u00fcck, ausgestattet mit einer besseren Infrastruktur. Geholfen hat ihnen dabei der franz\u00f6sische Software-Entwickler Alexandre Segura, auch bekannt unter dem Namen Mex, und die Plattform <i>Coopcycle<\/i>. Zusammen mit dem Covid-19-Shutdown, der das Lieferdienst-Business ordentlich ankurbelt, boomte das Gesch\u00e4ft im Fr\u00fchjahr 2020.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/coopcycle.org\/en\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Coopcycle-App<\/a> war sehr hilfreich bei der Verwaltung der Transaktionen. Nebenbei brachte sie auch solche Kunden, die darauf bestanden, eine echte App zu verwenden. Von 60 Bestellungen an einem Wochenende in 2019 stieg das Aufkommen auf 80 Bestellungen pro Tag. &#8222;Dies war wichtig f\u00fcr die Nachhaltigkeit von Kolyma2, sagt Stefano, &#8222;denn es ist notwendig ausreichend Einnahmen zu generieren. Engagement und Idealismus allein reichen nicht aus um eine Kooperative zu betreiben. 2019 sind wir einfach implodiert. Ausgebrannt.&#8220;<\/p>\n<p>Auch <i>Coopycycle<\/i> selber &#8211; Entwicklerin der neuen App, die das Herzst\u00fcck von <i>Kolyma2<\/i> bildet &#8211; war die Folge des Bankrotts einer Lieferfirma. In diesem Fall war es das belgische Startup-Unternehmen <i>Take Eat Easy<\/i>. Mitte 2016 meldete <i>Take Eat Easy<\/i> Bankrott an und hinterlie\u00df viele unbezahlte Freiberufler. Mex dachte lange dar\u00fcber nach, wie es sein konnte, dass ein Millionen-Dollar-Startup so drastisch scheitern und dabei sein ganzes Geld verlieren konnte. War es so schwierig eine Online-Bestell-App zu konstruieren und diese wirtschaftlich zu betreiben? Mex klonte die Take Eat Easy-App und spielte damit herum. Die ehemaligen Fahrer von <i>Take Eat Easy<\/i> hatten unter dessen angefangen sich zu organisieren und die Idee von Kooperativen mit Tarifverhandlungsmacht begann in Frankreich und Belgien Gestalt anzunehmen.<\/p>\n<h3>Eine Kooperative f\u00fcr das 21. Jahrhundert<\/h3>\n<p>Zu jener Zeit hielt Mex Genossenschaften noch f\u00fcr ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert. Dann wurde ihm klar, dass diese Idee auch in der moderne Welt funktionieren k\u00f6nnte. Er wollte eine App entwickeln, die den Fahrradkurieren gemeinsam geh\u00f6rt und die sie als Betriebskapital kollektiv nutzen k\u00f6nnen. Mit <i>Coopcyle<\/i> k\u00f6nnen Online-Lieferdienste auf lokaler Ebene betrieben werden, ohne dass Abh\u00e4ngigkeiten von globalen Strukturen bestehen.<\/p>\n<p>&#8222;Technologie ist nat\u00fcrlich nicht alles&#8220;, f\u00fcgt er hinzu, &#8222;aber man braucht eine App und eine funktionale Website um konkurrenzf\u00e4hig zu sein.&#8220;<\/p>\n<p>Also warum nicht eine Open-Source-L\u00f6sung entwickeln und verbreiten? F\u00fcr Kooperativen wie <i>Kolyma2<\/i>, bedeutet dies, auf eine gebrauchsfertige Softwarel\u00f6sung zugreifen zu k\u00f6nnen, f\u00fcr eine monatliche Geb\u00fchr, die sich nach dem Umsatz auf der Plattform richtet. <i>Kolyma2<\/i> schloss sich <i>Coopcycle<\/i> an und war zur\u00fcck auf dem Markt.<\/p>\n<p>Dass Fahrradkuriere eine Genossenschaft gr\u00fcnden ist vermutlich nicht ungew\u00f6hnlich. Sie sind oft eher dem politisch linken Lager zugeneigt, anarchistisch und \u00f6kologisch bewusst. UBER-Fahrer beispielsweise d\u00fcrften einem anderen gesellschaftlichen Milieu angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mattia und Dana &#8211; beide Mitglieder des Kolyma2-Kollektivs &#8211; sind der Meinung, dass der Unterschied zwischen einer Kooperative wie <i>Kolyma2<\/i> und einem Unternehmen wie <i>Deliveroo<\/i> im unterschiedlichen Engagement der Mitglieder liegt. Es ist anders, f\u00fcr ein Kollektiv zu arbeiten als f\u00fcr einen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, dem man vielleicht nie begegnen wird.<\/p>\n<p><i>Kolyma2<\/i> hat keine regelm\u00e4\u00dfigen Meetings, aber alle Kuriere kommunizieren st\u00e4ndig per Messenger-App. Das f\u00fchlt sich f\u00fcr sie einfach organischer an. Nicht jeder beteiligt sich gerne an den Organisationsprozessen in der Kooperative. Selbstorganisation kann eine Menge Arbeit sein. Manche wollen einfach nur mit dem Fahrradfahren ihren Lebensunterhalt verdienen.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist definitiv ein Vorteil, den Arbeitsprozess kennen zu lernen&#8220;, sagt Mattia, &#8222;weil man sich in einem Unternehmen wie Deliveroo immer auf Abstand gehalten f\u00fchlt und man nie wei\u00df, wie lange der Job noch geht.\u201c<\/p>\n<p>Plattform-\u00d6konomie &#8211; wie das Gesch\u00e4ftsmodell von z.B. <i>Deliveroo<\/i>, <i>Lieferando<\/i>, <i>UBER<\/i> und <i>Air B&#8217;nB<\/i> genannt wird &#8211; ist ein relativ neues Ph\u00e4nomen. Als diese Unternehmen auftauchten, taten die traditionellen Gewerkschaften zun\u00e4chst wenig um die Besch\u00e4ftigten vor den neuen, damit einhergehenden Formen der Ausbeutung zu sch\u00fctzen. Die Arbeit in der Plattform-\u00d6konomie erscheint als unabh\u00e4ngige, freiberufliche Arbeit, aber in Wirklichkeit ist sie es nicht. Klassenkampf ist nach wie vor der Kern des Ph\u00e4nomens: Einige Plattformen wie z.B. <i>UBER<\/i> besch\u00e4ftigen &#8222;Freiberufler&#8220;, weil sie keine Sozialleistungen wie Urlaub, Krankenversicherung, Krankentagegeld usw. zahlen wollen. In jedem Fall ist die <b>Plattform-\u00d6konomie<\/b> von einem starken Verdr\u00e4ngungskampf gepr\u00e4gt, aus dem in der Regel nur ein Unternehmen als Sieger hervorgeht. Dieses disruptive Gesch\u00e4ftsgebaren hat nat\u00fcrlich Auswirkungen auf die nationale und globale Wirtschaft. Man muss Marx nicht \u00fcberbeanspruchen, um zu erkennen, was hier passiert.<\/p>\n<p>Dieses als <b>gig economy<\/b> bezeichnete Arbeitsverh\u00e4ltnis ist jedoch keine Einbahnstra\u00dfe. Zumindest in der Welt der Fahrradkuriere sch\u00e4tzen die meisten Menschen ihre Freiheit mehr als einen festen Arbeitsvertrag. Dies erm\u00f6glicht eine Flexibilit\u00e4t f\u00fcr alle, nicht nur f\u00fcr die oberen R\u00e4nge. Aber es scheint, dass diese Flexibilit\u00e4t ein Vorteil ist, den nicht die jede(r) sch\u00e4tzt. In Paris, so erz\u00e4hlt Mex, sind die meisten Lieferfahrer (illegalisierte) Migranten, die die Arbeit tun, weil sie keine andere finden.<\/p>\n<p>(Dies ist aber sicher nicht allein die Schuld der Internet-Plattformen, sondern eher eine Ergebnis der allgemeinen Situation von Migranten in Europa, an deren Verbesserung die Politik bisher kl\u00e4glich gescheitert ist. Die K\u00fcchen aller Restaurants aller Gro\u00dfst\u00e4dte dieser Welt sind voll von illegalisierten Einwanderern).<\/p>\n<p>F\u00fcr Dana, zum Beispiel, ist Sicherheit ist nicht wirklich ein Thema, wenn es um ihre Arbeit geht. Sie bevorzugt es, in der Gegenwart zu leben und nicht in einer m\u00f6glichen Zukunft. Mattia hatte einen festen Vertrag bei <i>Deliveroo<\/i>, aber in Wirklichkeit war sein Arbeitsverh\u00e4ltnis alles andere als sicher, erz\u00e4hlt er. Es war ein Sechsmonatsvertrag mit automatischer Verl\u00e4ngerung, aber als Mattia am Ende eines Vertrages l\u00e4nger krank wurde, stellte sich heraus, dass es einen solchen &#8222;Automatismus&#8220; gab. Jetzt arbeitet er lieber f\u00fcr eine Kooperative, in die er Vertrauen hat. Ein Vertrag mit einem festen Gehalt w\u00fcrde sich f\u00fcr ihn im Moment nicht richtig anf\u00fchlen.<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht hat der Neoliberalismus schon mein Gehirn gewaschen&#8220;, sagt er mit einem L\u00e4cheln. Er genie\u00dft es, etwas aus seiner H\u00e4nde Arbeit wachsen zu sehen. &#8222;Fahrradkurier sein ist keine gute Arbeit, wenn man sie nicht freiwillig macht. Aber wenn es einem Spa\u00df macht, kann es die beste Arbeit der Welt sein.&#8220;<\/p>\n<p>Bis jetzt ist <i>Kolyma2<\/i> nur ein Netzwerk von Freiberuflern, aber das wird sich bald \u00e4ndern, da das Unternehmen &#8222;Smart&#8220; beitreten wird. &#8222;Smart&#8220; ist eine rechtliche Struktur, die es Freiberuflern erm\u00f6glicht, Teil einer Genossenschaft zu werden. Sie schlie\u00dfen einen Vertrag auf der Grundlage ihres projektierten Einkommens und die Genossenschaft zahlt ihnen einen Monatslohn. Kolyma2 wird bei Smart unter einem rechtlichen Schirm stehen, bis sie bereit sind sich selbst zu finanzieren. Bis heute gibt es keine geeignete rechtliche Struktur f\u00fcr eine Kooperative in Deutschland. Es gibt das Modell einer Genossenschaft, aber das ist kompliziert und nicht geeignet f\u00fcr ein kleines Unternehmen wie Kolyma2. Es ist eher etwas, das f\u00fcr EDEKA funktioniert oder Baugenossenschaften.<\/p>\n<h3>Reputation und Quellcode<\/h3>\n<p>Ein wichtiges Thema in der <b>gig economy<\/b> ist die Reputation, bzw. das &#8222;Rating&#8220;. Auch Wirtschaftsliberale werden zustimmen, dass jemand, der eine gute Erwerbsbiographie hat, in der Lage sein sollte, diese bei der Arbeitssuche zu nutzen. Plattformen wie <i>UBER<\/i> oder <i>Deliveroo<\/i> hingegen speichern das &#8222;Rating&#8220; der Freelancer auf ihren Servern und die Daten geh\u00f6ren dem Unternehmen. So verschwindet ein Teil der Erwerbsbiografie, wenn man aufh\u00f6rt f\u00fcr das betreffende Unternehmen zu arbeiten. Es w\u00e4re also wichtig, einen Weg zu finden, wie Freelancer ihre Erfahrungen und ihre Bewertungen dokumentieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist &#8211; wie oben bereits erw\u00e4hnt &#8211; die Software selbst ein entscheidendes Werkzeug f\u00fcr Plattform-Kooperativen wie <i>Kolyma2<\/i>. Die App von <i>Coopcycle<\/i> l\u00e4uft auf einer von Dmytri Kleiner inspirierten Lizenz &#8211; <b>Coopyleft<\/b>. Um zu verhindern, dass ein Riese wie Lieferando einfach kommt und die Software f\u00fcr sich beansprucht, enth\u00e4lt die Coopyleft-Lizenz bestimmte Nutzungsbedingungen. So kann der Quellcode nur von soclhen Unternehmen kommerziell verwendet werden, die ein Genossenschaftsmodell nutzen, bei dem die Arbeitnehmer*innen ein Mitbestimmungsrecht haben.<\/p>\n<p>Sind Plattform-Kooperativen wie <i>Kolyma2<\/i> die magische Zutat f\u00fcr den \u00dcbergang der kapitalistischen Wirtschaft zu einer postkapitalistischen Wirtschaft? Sicherlich nicht, aber sie k\u00f6nnen eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, neue Modelle der betrieblichen Demokratie und Arbeitnehmer*innen-Organisation auszuprobieren.<\/p>\n<p>In seinem Buch &#8222;Plattform-Kapitalismus&#8220; argumentiert Nick Srnicek, dass der Staat bei alternativen Plattform-Modellen zur Sicherung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit als eine Art Risikokapitalgeber auftreten sollte. Stefano Lombardo ist damit nicht einverstanden. Er ist der Meinung, dass sich der Staat aus diesen Fragen heraushalten sollte. Die Arbeitnehmer*innen sollten auf die harte Tour lernen, ein Unternehmen zu f\u00fchren, anstatt Finanzierungsantr\u00e4ge auszuf\u00fcllen, anders w\u00fcrden sie nicht genug \u00fcber ihre Kunden und deren Bed\u00fcrfnisse erfahren. Hier klingt der Kooperativist fast wie ein(e) moderne(r) Manager*in.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt der Fahrradkuriere ist ein seltsames \u00d6kosystem, das aus vielen verschiedenen Spezies besteht. Als der Lieferdienst Deliveroo im August 2019 Berlin verlie\u00df, gr\u00fcndete eine Gruppe von Fahrradkurieren ihre eigene Kooperative: Kolyma2 Stefano Lombardo &#8211; der Gr\u00fcnder von Kolyma2 &#8211; arbeitete seit mehr als vier Jahren f\u00fcr den Lieferdienst Deliveroo. 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