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monochrom’s ISS – In space no one can hear you complain about your job

Oft haben wir sie am Rande erwähnt, doch nie in voller Gänze vorgestellt: Die Künstlergruppe monochrom aus Österreich und Deutschland, die sich mit den folgenden Worten gut selbst einführt:

monochrom ist durchaus eine international agierende, in wien, graz und bamberg situierte kunstneigungsgruppe, seit etlichen jahren umtriebig, mit diversen volontariaten in zahlreichen realitäten

Momentan sind Teile der Gruppe (Johannes Grenzfurthner, Franz Ablinger, Roland Gratzer) in Berlin um die letzte drei Teile der Improv Reality Sitcom ISS aufzuführen.

Die Improvisation beruht auf der Annahme, dass das Arbeiten und Leben auf der International Space Station die Teilnehmer nicht nur vor schwierige wissenschaftliche Herausforderungen stellt, sondern auch private Katastrophen und haarsträubende Psychodynamiken provoziert. Die vier Schauspieler müssen auf Überraschungssituationen reagieren die lose auf geleakten Daten der tatsächlichen ISS basieren. Ein Fakt, der allerdings auch gerne bezweifelt werden darf.

Es braucht ein paar Folgen bis man die Crew um den Redneck Captain Ulysses Van Hundsbak (Jeff Ricketts) aus Amarillo, Texas ins Herz geschlossen hat, aber dann gerät die Sitcom zu einem furiosen Vergnügen, das seine Vorbilder durchaus bei alternativen SF-Serien wie LEXX, Torchwood oder Firefly findet. Bei letzterer hat Darsteller Jeff Ricketts auch tatsächlich mitgespielt.

In jeder Folge stellt der deutsche Dipl.-Ing. Bodo Holzmann (Johannes Grenzfurthner) von ESOC Ground Control in Darmstadt die Crew vor schwierige Aufgaben, die diese in der Regel nicht lösen kann. Um das Versagen zu verarbeiten steht den Austronaut_innen der jüdische Psychologe Dr. Mordecai Finkelstein (Roland Gratzer) zur Verfügung, dem in Episode 4 eine kühne Mission gelingt.

monochrom’s ISS / Episode 4 / „Rendezvous with Ramov“ from monochrom on Vimeo.

Spätestens nachdem Dr. Finkelstein den russischen Mafiosi Ramov mit einer AK-47 überwältigt, als er vom Mittagessen in einem palästinensischen Restaurant in Darmstadt zurückkehrt (da die ESOC-Kantine kein koscheres Essen serviert), zeigt die Sitcom ihr volles Potential: Science Fiction als Genre-Blaupause um einen aufgeklärten Kommentar zur Jetztzeit abzugeben, der von den thematischen Sachzwängen der sogenannten Realität befreit ist. Dr. Finkelstein gewinnt in Ramov einen wichtigen Verbündeten der Israel Defense Forces und verrät am Schluß seine persönliche Philosophie: Shalom Motherfucker

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Die schon abgedrehten Folgen von monochrom’s ISS gibt es hier.

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Premiere: Waffenwetter am Nationaltheater Mannheim am 17.04.09

Wenn es stimmt, dass einer der entscheidenden Eckpunkte einer Schriftstellerkarriere die beginnenden Cross-Medialität ist – eine Theorie die ich gerade frisch aufgestellt habe – dann ist der Autor, Journalist und Übersetzer Dietmar Dath jetzt dort angekommen, wo ich ihn schon immer hingewünscht habe: Im Olymp der Hochkultur.

Bereits die ersten Romane wie z.B. Cordula killt Dich! oder Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini oder spätestens Phonon, haben mich schwer begeistert und oft zu der Bemerkung hingerissen, Dietmar Dath sei das wahre Fräuleinwunder der deutschen Literatur. Der wilde Genrecrossover zwischen Wissenschaft, Pop-Essayismus, Science Fiction und Jugenderinnerung, die anfangs noch einigermaßen konstruiert wirkenden Plots (vgl. Der Minkowksi-Baumfrosch in De:Bug) und die dezidierte linksradikale Haltung brauchten jedoch einige Jahre um zu reifen und von einer Insider-Fangemeinde zu Suhrkamp zu kommen.

Am Freitag zeigte das Nationaltheater Mannheim in einer Weltpremiere die Bühnenbearbeitung von Daths Roman Waffenwetter. André Bücker (Regie) und Ingoh Brux (Dramaturgie) kochten Daths Prosa auf eine wortgewaltige ca. zweistündige Bühnenfassung runter, die dann von Isabelle Barth, Ines Schiller und Dascha Trautwein (alle in der Rolle von Claudia Starik) auf der Bühne zelebriert wurde, wozu man allen nur gratulieren kann.

Über alle erwartbaren Maße hinaus haben die Schauspielerinnen der Dathschen Dialektik mühelos großartiges Spiel entlocken können, wenn man sich auch bei Frau Schiller manchmal mehr Zurückhaltung im Spiel wünschen würde – im Sinne des großen Ganzen. Ego-Theater hätte die kommunistische Partei (deren Geist in Form von Claudias Opa Konstantin über dem Stück schwebt) nämlich gar nicht gut geheißen.

Die große Überraschung und ein wesentlicher Teil der Inszenierung war vor allem das Bühnenbild von Jan Steigert und dort vor allem die Arbeit des meines Wissen debütierenden Videokünstlers Christian Schrills. Dessen auf die Leinwände projizierten Assoziationsblaster aus HAARP-Erklärfilmchen, Jugendzimmer 360°-Turns, Winterlandschaften und digitalem Rauschen gaben den Schauspielerinnen die nötige Haftung an einem nachvollziehbaren Handlungsgerüst und spannten gleichzeitig eine mythische Metaebene auf, die im Videoinstallations-Overkill des herkömmlichen Regietheaters ihresgleichen sucht.

Wer nun neugierig auf die Romanvorage Dietmar Daths geworden ist, kann sich zwar nicht Waffenwetter aber doch Für immer in Honig auf der Seite litradio.net runterladen, wo eine ‚geschwinde Komplettlesung‘ des Romans von Andreas Platthaus und dem Autor höchstselbst angeboten wird.