Nader in Deutschland
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Nur ein ganz normales Wochenende? R.I.P. Nader ❤️❤️❤️

Am vergangenen Samstag ist einem Freund meiner Schwester etwas Schreckliches passiert. Es wird nicht in den überregionalen Medien auftauchen, es wird keinen Social-Media-Shitstorm auslösen und keine Hasskommentare nach sich ziehen. Denn es ist ein individuelles Schicksal, das Schicksal eines einzelnen Menschen, der Eltern, Verwandte, Freund*innen und Kolleg*innen hatte, die ihn liebten, mochten und schätzen.
Es ist aber auch ein Schicksal, dass sich über zwei Kontinente erstreckte und von Flucht und Migration handelt.

Der 21jährige Nader ist am 8.2.2020 um 21:34 bei einer Messerstecherei tödlich verletzt worden. Er verstarb am folgenden Morgen gegen 8 Uhr im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Der mutmaßliche Täter befindet sich in Haft.

Was war das Besondere an Nader? Nader ist unter Lebensgefahr aus Afghanistan geflüchtet um in Deutschland Sicherheit zu finden. Er landete als UMF – unbegleiteter minderjähriger Flüchtling – in einer Wohngruppe in Bocholt in NRW, in der auch meine Schwester Sarah arbeitet. Meine Schwester hat sich zwei Jahre lang um die Jugendlichen in dieser Wohngruppe gekümmert, ihnen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und behördlichem Papierkram geholfen und ihnen ein wenig Schutz und Halt gegeben. Die Jungs waren pubertierend oder spätpubertierend, interessierten sich für Styles, Musik, Mädchen und gewiß auch für Dope und Alkohol. Aber auch harte Jungs brauchen manchmal die Hilfe von Erwachsenen. Ihre leiblichen Eltern leben zum Teil nicht mehr, sind aber in jedem Fall unendlich weit weg. In der Nacht in der Nader erstochen wurde, brauchten die noch in der Wohngruppe lebenden Jungs eine Bezugsperson, der sie vertrauten.

Meine Schwester – ihre deutsche „Mama“ – fuhr zu ihnen um mit ihnen zu weinen und zu beten. Ihre Hoffnungen waren vergeblich, Nader erlag seinen Verletzungen.

Ich bitte euch alle euch jetzt mal vorzustellen, wie es ist, wenn die Mutter von Nader erfährt, dass ihr Sohn, den sie in Sicherheit wähnte, in einer Kleinstadt in Westdeutschland bei einer Messerstecherei umgebracht worden ist. Das Motiv: Eifersucht.

Die meisten von uns können sich nicht mal ansatzweise vorstellen, welches unendliche Leid Nader, seine Freunde und seine Familie erleiden mussten und müssen. In mein geregeltes Leben, indem ich berufliche und politische Karriere verfolge, meine Träume und Zukunftspläne und meine Familie habe, ist der gewaltsame Tod eines mir unbekannten jungen Mannes wie ein Schock eingebrochen.

Aber der Schock wird keine große Schockwelle nach sich ziehen. Hier hat kein Afghane einen Deutschen umgebracht, sondern umgekehrt. Die Tat war, soweit bekannt ist, nicht rechtsextremistisch oder rassistisch motiviert und so fehlt hier jede ideologische Klammer, die es braucht, um die Menschen sonst in rasenden Empörung zu versetzen. Kein Frank Plasberg, keine Anne Will, keine Maybrit Illner. Nur eine unendlich grausame Tat, die einem sorgenreichen Leben ein jähes Ende versetzte.

Meine Trauer verwandelt sich in Wut, wenn ich mir vorstelle wieviele Menschen gleich in geiferende Wut, Islamophobie und Ausländerhaß ausgebrochen wären, wenn es sich nicht „nur“ um eine brutale Gewalttat eines normalen Deutschen an einer Straßenecke gehandelt hätte.

Menschen wie Nader und seine Freunde verdienen unseren Respekt, unser Annerkennung und unsere Hilfe. Was sie nicht verdienen ist der bodenlose, dreckige Hass, den die AfD und ihre Gesinnungsgenoss*innen tagtäglich unter dem Vorwand der Besorgnis in die Medien und die Öffentlichkeit spülen.

Jede(r) der/die ein Herz hat, schließt Nader und seine Freunde in sein Gebet ein, oder – wenn nicht religiös – geht mal in sich, um den inneren Kompass zu eichen. Das haben wir meines Erachtens alle dringend nötig.

Update 11.02.2020:

Für die Überführung der Leiche und das Begräbnis von Nader wird gesammelt:
schwatten-shop.de/spenden-fuer-nader

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Desintegriert euch! – Max Czollek

Desintegriert euch!Desintegriert euch! von Max Czollek
Meine Wertung: 4 von 5 Sternen

Ein Buch, das mir bezüglich des „Integrationstheaters“ die Augen geöffnet hat. Max Czollek ist da einer Sache auf der Spur, die mir bisher nicht in dieser Deutlichkeit klar war. Und das Schöne ist, dass sich alle angesprochen fühlen können: Antideutsche, Antimperalisten, Zentristen, Deutsche „die viele jüdische Freund*Innen“ haben und selbsternannte Opfer von Tugendterror. Die Juden sind keine Agenten unserer kollektiven Vergangenheitsbewältigung, sie sind nicht diejenigen die den Deutschen Erlösung oder Verdammung geben können, auch wenn sie permanent zu dieser Funktion aufgerufen werden. Wer verstehen will, warum die Deutschen so besessen davon sind, was die Juden von ihnen denken, ihnen abverlangen oder in Israel machen, der muss „Desintegriert euch!“ lesen.

Manchmal verliert sich Herr Czollek in etwas abwegigen und mühsam hergeleiteten Fallstudien, aber das mag auch an meiner mangelnden Bildung in Sachen Poesie liegen. Trotzdem glaube ich, dass das Buch mit etwas weniger Spitzfindigkeit an Effektivität und Schlagkraft gewonnen hätte. Ich hoffe Herr Czollek schärft weiter an seinen sprachlichen Waffen. Wir brauchen sie.

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Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work by Nick Srnicek & Alex Williams

Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without WorkInventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work by Nick Srnicek
My rating: 4 of 5 stars

This book is an eye-opener on what Srnicek calls „folk politics“. I’m thinking different know on grass-roots organising and horizontal structures. I think he really discovered something there and if you are engaged in a progressive or left movement you ought to read this book.

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Wie ich mal länger mit einem AfD-Wähler geredet habe …

(Dieser Artikel ist ein Gedächtnisprotokoll. Ich habe mich bemüht die Diskussion in ihren Grundlinien zu reproduzieren und glaube, dass das Wesentliche hier wiedergegeben wird. Ich entschuldige mich bei meinem unbekannten Gesprächspartner, wenn ich etwas grob verzerrt wiedergegeben haben sollte.)

Erster Akt

Am vergangenen Samstag war ich auf einer Party in Berlin-Prenzlauer Berg. Die Gäste waren überwiegend um die Vierzig und aus dem akademischen Milieu. Es gab keinen bestimmten Anlass für die Party, außer ein wenig zu trinken und zu tanzen. Ich saß mit dem Gastgeber an der Theke und er erzählte mir von einem Bergwandertrip in Georgien. Ich kam über gedankliche Umwege auf Turkmenistan und die Hauptstadt Aşgabat zu sprechen, in der der verstorbene Präsident Saparmurat Nijasow einen bizarren Architekturtraum initiierte, inklusive einer in rosa-grünem Tortenguß gekleideten Riesenversion seiner Propagandaschrift »Ruhnama«. Dann kam ich auf Skopje, über das ich gerade einen Artikel von Jurica Pavicic mit dem Titel »Skopje im Delirium« gelesen hatte. Der Artikel beschreibt wie es es die nationalistische Regierung in Mazedonien »in nur wenigen Jahren (…) geschafft (hat), die Innenstadt von Skopje zu verunstalten«. Pavicic spricht von einem architektonischen Geschichtsrevisionismus mit dem Ziel die Geschichte umzuschreiben.

Und dann sagte ich leichtfertig: »Also so ein bißchen das, was die AfD hier auch vorhat.« Ein Bekannter des Gastgebers, der ein Teil des Gespräch mitgehört hatte, fragte mich dünn lächelnd: »Was? Die AfD möchte klassizistische Gebäude in Berlin errichten?«

Ich sagte, natürlich nicht, und dass es mir eher um die Parallele zwischen dem mazedonischen Geschichtsrevisionismus und dem der AfD ginge. Alle schwiegen für einen Moment. Dann wechselte der Gastgeber das Thema. Sein Bekannter ging zu seiner Begleiterin und mir den Rest des Abends aus dem Weg.
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Meine fünf Podcastempfehlungen Non-fictional

Nach 26 Episoden (und einer Bonus-Episode) meines Sci-Fi-Podcasts Welt 3 zähle ich mich als Teil der immer weiter wachsenden deutsche Podcast-Szene und bin ein großer Fan und Hörer von sowohl deutschen als auch amerikanischen Podcast-Formaten geworden, von denen ich heute meine nicht-fiktionalen Lieblingspodcasts vorstellen möchte:

Unverzichtbar für meinen wöchentlichen Überblick über Trump, Netzpolitik, neue Gesetzesvorhaben und alles andere, was so dringend auf der Tagesordnung steht. Genial aufbereitet und ausgewogen vorgetragen und kommentiert von Philip Banse und Ulf Buermeyer – Die Lage der Nation

Als sich gegenseitig unschädlich machende Polit-Podcasts höre ich immer öfter den Aussenpolitik-Podcast Foreign Times von Marco Herack und Alexander Clarkson, den ich eher als transatlantisch, wirtschaftsliberal, aber auch bürgerrechtlich wahrnehme und den diskordianisch, dezidiert linken und weitschweifigen Podcast Alternativlos von Felix von Leitner und CCC-Sprecher Frank Rieger.

Meine wöchentliche Dosis Trump hole ich mir bei Intercepted, dem Podcast des us-amerikanischen Journalisten Jeremy Scahill, zusammen mit Laura Poitras und Glenn Greenwald zentrale Figur von The Intercept.

Und last but not least ein Spin-Off vom Deutschlandfunk, der viele gute Podcasts programmbegleitend anbietet: Der Deutschlandfunk Hintergrund bei dem in knapp unter 20 Minuten ein aktuelles politisches Thema beleuchtet wird. Wohl der neutralste aller fünf.

Und hier nochmal die Liste:

Lage Der Nation
Foreign Times
Alternativlos
Intercepted
Deutschlandfunk Hintergrund

Beitragsbild:
Serial Podcast by Casey Fiesler (CC BY 2.0)

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»Magnetismus des Bösen« in Lettre International 116

Ein tolles Interview von Frank M. Raddatz mit dem Autor und Regisseur Oskar Roehler findet sich in Lettre 116. Dabei attestiert Oskar Roehler der Meinungselite von TV und unseriösen Zeitungen eine Selbstgefälligkeit und Langeweile, die daher komme, dass ihre Vertreter »(…) aus Lehrer-, Pfarrers- und Beamtenfamilien oder aus vergleichbar realitätsfernen Veranstaltungen kommen (…)«

In einer schönen Passage sagt Roehler:

»Die Nachrichtensprecher im Fernsehen produzieren zum Beispiel häufig Versprecher und Wortverdreher, weil sie nicht bei der Sache sind, während sie ihre Sätze und Fragen vom Teleprompter ablesen. Sie denken an etwa anderes, haben vielleicht Medikamente genommen. Diese öffentlich agierenden Figuren haben zwar keinerlei Interessenkonflikt, aber sie stehen da wie Pappkameraden vor einer Kulisse und sind vor allem damit beschäftigt ihre Karriere voranzutreiben oder ihrem Hedonismus frönen zu könne.«

Alles sehr deutlich, sehr streitbar und auf jeden Fall höchst lesenswert. Bei mir hat Oskar Roehler auf jeden Fall Punkte gewonnen, auch wenn er an mancher Stelle noch recht unscharf oder simplifizierend argumentiert.

»Ist das Wort „Abendland“, das ausgegraben wurde, um es synonym für die christliche Gesellschaft in Abgrenzung zu ihren nichtchristlichen Mitbürgern zu verwenden, im politischen Diskurs tatsächlich derart unverzichtbar, dass er neuerdings auch außerhalb der Neuen Rechten auftaucht?«

Mely Kiyak

»Bitte heucheln Sie woanders. Nie war es einfacher seine Hand zu heben und gegen das Sterben zu votieren als letzten Freitag im Bundestag. Sie aber haben gewollt, dass Frauen, Männer und Kinder ertrinken, statt ihnen zu erlauben Flugzeuge zu besteigen.«

Mely Kiyak