Foodora Fahrer in Gasse
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Plattform-Genossenschaften – Ein Arbeitsplatzmodell für das 21. Jahrhundert?

Die Welt der Fahrradkuriere ist ein seltsames Ökosystem, das aus vielen verschiedenen Spezies besteht. Als der Lieferdienst Deliveroo im August 2019 Berlin verließ, gründete eine Gruppe von Fahrradkurieren ihre eigene Kooperative: Kolyma2

Stefano Lombardo – der Gründer von Kolyma2 – arbeitete seit mehr als vier Jahren für den Lieferdienst Deliveroo. Bereits während seiner Zeit dort plante Stefano eine eigene Kooperative zu gründen. Nachdem Deliveroo Berlin verlassen hatte, sah er seine Zeit gekommen. Er gründete die das Lieferkollektiv Kolyma2– mit einer Oldschool-Webseite und einem Telegram-Kanal.

So liebenswert dieser Lo-Fi-Ansatz auch war, Technologie scheint eine entscheidende Rolle in der Welt der Online-Lieferdienste zu spielen. Der Umfang der Kommunikation zwischen Kunden und Fahrer um eine Lieferung abzuschliessen ist enorm. In der Folge musste Kolyma2 schon im November 2019 den Betrieb wieder einstellen. Abgesehen von der Technologie gab es allerdings noch andere Probleme. Es war einfach zu viel Arbeit auf den Schultern von zu wenigen Menschen.

Dies war aber nicht das Ende von Kolyma2. Im Januar 2020 kehrten sie zurück, ausgestattet mit einer besseren Infrastruktur. Geholfen hat ihnen dabei der französische Software-Entwickler Alexandre Segura, auch bekannt unter dem Namen Mex, und die Plattform Coopcycle. Zusammen mit dem Covid-19-Shutdown, der das Lieferdienst-Business ordentlich ankurbelt, boomte das Geschäft im Frühjahr 2020.

Die Coopcycle-App war sehr hilfreich bei der Verwaltung der Transaktionen. Nebenbei brachte sie auch solche Kunden, die darauf bestanden, eine echte App zu verwenden. Von 60 Bestellungen an einem Wochenende in 2019 stieg das Aufkommen auf 80 Bestellungen pro Tag. „Dies war wichtig für die Nachhaltigkeit von Kolyma2, sagt Stefano, „denn es ist notwendig ausreichend Einnahmen zu generieren. Engagement und Idealismus allein reichen nicht aus um eine Kooperative zu betreiben. 2019 sind wir einfach implodiert. Ausgebrannt.“

Auch Coopycycle selber – Entwicklerin der neuen App, die das Herzstück von Kolyma2 bildet – war die Folge des Bankrotts einer Lieferfirma. In diesem Fall war es das belgische Startup-Unternehmen Take Eat Easy. Mitte 2016 meldete Take Eat Easy Bankrott an und hinterließ viele unbezahlte Freiberufler. Mex dachte lange darüber nach, wie es sein konnte, dass ein Millionen-Dollar-Startup so drastisch scheitern und dabei sein ganzes Geld verlieren konnte. War es so schwierig eine Online-Bestell-App zu konstruieren und diese wirtschaftlich zu betreiben? Mex klonte die Take Eat Easy-App und spielte damit herum. Die ehemaligen Fahrer von Take Eat Easy hatten unter dessen angefangen sich zu organisieren und die Idee von Kooperativen mit Tarifverhandlungsmacht begann in Frankreich und Belgien Gestalt anzunehmen.

Eine Kooperative für das 21. Jahrhundert

Zu jener Zeit hielt Mex Genossenschaften noch für ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert. Dann wurde ihm klar, dass diese Idee auch in der moderne Welt funktionieren könnte. Er wollte eine App entwickeln, die den Fahrradkurieren gemeinsam gehört und die sie als Betriebskapital kollektiv nutzen können. Mit Coopcyle können Online-Lieferdienste auf lokaler Ebene betrieben werden, ohne dass Abhängigkeiten von globalen Strukturen bestehen.

„Technologie ist natürlich nicht alles“, fügt er hinzu, „aber man braucht eine App und eine funktionale Website um konkurrenzfähig zu sein.“

Also warum nicht eine Open-Source-Lösung entwickeln und verbreiten? Für Kooperativen wie Kolyma2, bedeutet dies, auf eine gebrauchsfertige Softwarelösung zugreifen zu können, für eine monatliche Gebühr, die sich nach dem Umsatz auf der Plattform richtet. Kolyma2 schloss sich Coopcycle an und war zurück auf dem Markt.

Dass Fahrradkuriere eine Genossenschaft gründen ist vermutlich nicht ungewöhnlich. Sie sind oft eher dem politisch linken Lager zugeneigt, anarchistisch und ökologisch bewusst. UBER-Fahrer beispielsweise dürften einem anderen gesellschaftlichen Milieu angehören.

Mattia und Dana – beide Mitglieder des Kolyma2-Kollektivs – sind der Meinung, dass der Unterschied zwischen einer Kooperative wie Kolyma2 und einem Unternehmen wie Deliveroo im unterschiedlichen Engagement der Mitglieder liegt. Es ist anders, für ein Kollektiv zu arbeiten als für einen Geschäftsführer, dem man vielleicht nie begegnen wird.

Kolyma2 hat keine regelmäßigen Meetings, aber alle Kuriere kommunizieren ständig per Messenger-App. Das fühlt sich für sie einfach organischer an. Nicht jeder beteiligt sich gerne an den Organisationsprozessen in der Kooperative. Selbstorganisation kann eine Menge Arbeit sein. Manche wollen einfach nur mit dem Fahrradfahren ihren Lebensunterhalt verdienen.

„Es ist definitiv ein Vorteil, den Arbeitsprozess kennen zu lernen“, sagt Mattia, „weil man sich in einem Unternehmen wie Deliveroo immer auf Abstand gehalten fühlt und man nie weiß, wie lange der Job noch geht.“

Plattform-Ökonomie – wie das Geschäftsmodell von z.B. Deliveroo, Lieferando, UBER und Air B’nB genannt wird – ist ein relativ neues Phänomen. Als diese Unternehmen auftauchten, taten die traditionellen Gewerkschaften zunächst wenig um die Beschäftigten vor den neuen, damit einhergehenden Formen der Ausbeutung zu schützen. Die Arbeit in der Plattform-Ökonomie erscheint als unabhängige, freiberufliche Arbeit, aber in Wirklichkeit ist sie es nicht. Klassenkampf ist nach wie vor der Kern des Phänomens: Einige Plattformen wie z.B. UBER beschäftigen „Freiberufler“, weil sie keine Sozialleistungen wie Urlaub, Krankenversicherung, Krankentagegeld usw. zahlen wollen. In jedem Fall ist die Plattform-Ökonomie von einem starken Verdrängungskampf geprägt, aus dem in der Regel nur ein Unternehmen als Sieger hervorgeht. Dieses disruptive Geschäftsgebaren hat natürlich Auswirkungen auf die nationale und globale Wirtschaft. Man muss Marx nicht überbeanspruchen, um zu erkennen, was hier passiert.

Dieses als gig economy bezeichnete Arbeitsverhältnis ist jedoch keine Einbahnstraße. Zumindest in der Welt der Fahrradkuriere schätzen die meisten Menschen ihre Freiheit mehr als einen festen Arbeitsvertrag. Dies ermöglicht eine Flexibilität für alle, nicht nur für die oberen Ränge. Aber es scheint, dass diese Flexibilität ein Vorteil ist, den nicht die jede(r) schätzt. In Paris, so erzählt Mex, sind die meisten Lieferfahrer (illegalisierte) Migranten, die die Arbeit tun, weil sie keine andere finden.

(Dies ist aber sicher nicht allein die Schuld der Internet-Plattformen, sondern eher eine Ergebnis der allgemeinen Situation von Migranten in Europa, an deren Verbesserung die Politik bisher kläglich gescheitert ist. Die Küchen aller Restaurants aller Großstädte dieser Welt sind voll von illegalisierten Einwanderern).

Für Dana, zum Beispiel, ist Sicherheit ist nicht wirklich ein Thema, wenn es um ihre Arbeit geht. Sie bevorzugt es, in der Gegenwart zu leben und nicht in einer möglichen Zukunft. Mattia hatte einen festen Vertrag bei Deliveroo, aber in Wirklichkeit war sein Arbeitsverhältnis alles andere als sicher, erzählt er. Es war ein Sechsmonatsvertrag mit automatischer Verlängerung, aber als Mattia am Ende eines Vertrages länger krank wurde, stellte sich heraus, dass es einen solchen „Automatismus“ gab. Jetzt arbeitet er lieber für eine Kooperative, in die er Vertrauen hat. Ein Vertrag mit einem festen Gehalt würde sich für ihn im Moment nicht richtig anfühlen.

„Vielleicht hat der Neoliberalismus schon mein Gehirn gewaschen“, sagt er mit einem Lächeln. Er genießt es, etwas aus seiner Hände Arbeit wachsen zu sehen. „Fahrradkurier sein ist keine gute Arbeit, wenn man sie nicht freiwillig macht. Aber wenn es einem Spaß macht, kann es die beste Arbeit der Welt sein.“

Bis jetzt ist Kolyma2 nur ein Netzwerk von Freiberuflern, aber das wird sich bald ändern, da das Unternehmen „Smart“ beitreten wird. „Smart“ ist eine rechtliche Struktur, die es Freiberuflern ermöglicht, Teil einer Genossenschaft zu werden. Sie schließen einen Vertrag auf der Grundlage ihres projektierten Einkommens und die Genossenschaft zahlt ihnen einen Monatslohn. Kolyma2 wird bei Smart unter einem rechtlichen Schirm stehen, bis sie bereit sind sich selbst zu finanzieren. Bis heute gibt es keine geeignete rechtliche Struktur für eine Kooperative in Deutschland. Es gibt das Modell einer Genossenschaft, aber das ist kompliziert und nicht geeignet für ein kleines Unternehmen wie Kolyma2. Es ist eher etwas, das für EDEKA funktioniert oder Baugenossenschaften.

Reputation und Quellcode

Ein wichtiges Thema in der gig economy ist die Reputation, bzw. das „Rating“. Auch Wirtschaftsliberale werden zustimmen, dass jemand, der eine gute Erwerbsbiographie hat, in der Lage sein sollte, diese bei der Arbeitssuche zu nutzen. Plattformen wie UBER oder Deliveroo hingegen speichern das „Rating“ der Freelancer auf ihren Servern und die Daten gehören dem Unternehmen. So verschwindet ein Teil der Erwerbsbiografie, wenn man aufhört für das betreffende Unternehmen zu arbeiten. Es wäre also wichtig, einen Weg zu finden, wie Freelancer ihre Erfahrungen und ihre Bewertungen dokumentieren können.

Außerdem ist – wie oben bereits erwähnt – die Software selbst ein entscheidendes Werkzeug für Plattform-Kooperativen wie Kolyma2. Die App von Coopcycle läuft auf einer von Dmytri Kleiner inspirierten Lizenz – Coopyleft. Um zu verhindern, dass ein Riese wie Lieferando einfach kommt und die Software für sich beansprucht, enthält die Coopyleft-Lizenz bestimmte Nutzungsbedingungen. So kann der Quellcode nur von soclhen Unternehmen kommerziell verwendet werden, die ein Genossenschaftsmodell nutzen, bei dem die Arbeitnehmer*innen ein Mitbestimmungsrecht haben.

Sind Plattform-Kooperativen wie Kolyma2 die magische Zutat für den Übergang der kapitalistischen Wirtschaft zu einer postkapitalistischen Wirtschaft? Sicherlich nicht, aber sie können eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, neue Modelle der betrieblichen Demokratie und Arbeitnehmer*innen-Organisation auszuprobieren.

In seinem Buch „Plattform-Kapitalismus“ argumentiert Nick Srnicek, dass der Staat bei alternativen Plattform-Modellen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit als eine Art Risikokapitalgeber auftreten sollte. Stefano Lombardo ist damit nicht einverstanden. Er ist der Meinung, dass sich der Staat aus diesen Fragen heraushalten sollte. Die Arbeitnehmer*innen sollten auf die harte Tour lernen, ein Unternehmen zu führen, anstatt Finanzierungsanträge auszufüllen, anders würden sie nicht genug über ihre Kunden und deren Bedürfnisse erfahren. Hier klingt der Kooperativist fast wie ein(e) moderne(r) Manager*in.

Nader in Deutschland
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Nur ein ganz normales Wochenende? R.I.P. Nader ❤️❤️❤️

Am vergangenen Samstag ist einem Freund meiner Schwester etwas Schreckliches passiert. Es wird nicht in den überregionalen Medien auftauchen, es wird keinen Social-Media-Shitstorm auslösen und keine Hasskommentare nach sich ziehen. Denn es ist ein individuelles Schicksal, das Schicksal eines einzelnen Menschen, der Eltern, Verwandte, Freund*innen und Kolleg*innen hatte, die ihn liebten, mochten und schätzen.
Es ist aber auch ein Schicksal, dass sich über zwei Kontinente erstreckte und von Flucht und Migration handelt.

Der 21jährige Nader ist am 8.2.2020 um 21:34 bei einer Messerstecherei tödlich verletzt worden. Er verstarb am folgenden Morgen gegen 8 Uhr im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Der mutmaßliche Täter befindet sich in Haft.

Was war das Besondere an Nader? Nader ist unter Lebensgefahr aus Afghanistan geflüchtet um in Deutschland Sicherheit zu finden. Er landete als UMF – unbegleiteter minderjähriger Flüchtling – in einer Wohngruppe in Bocholt in NRW, in der auch meine Schwester Sarah arbeitet. Meine Schwester hat sich zwei Jahre lang um die Jugendlichen in dieser Wohngruppe gekümmert, ihnen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz und behördlichem Papierkram geholfen und ihnen ein wenig Schutz und Halt gegeben. Die Jungs waren pubertierend oder spätpubertierend, interessierten sich für Styles, Musik, Mädchen und gewiß auch für Dope und Alkohol. Aber auch harte Jungs brauchen manchmal die Hilfe von Erwachsenen. Ihre leiblichen Eltern leben zum Teil nicht mehr, sind aber in jedem Fall unendlich weit weg. In der Nacht in der Nader erstochen wurde, brauchten die noch in der Wohngruppe lebenden Jungs eine Bezugsperson, der sie vertrauten.

Meine Schwester – ihre deutsche „Mama“ – fuhr zu ihnen um mit ihnen zu weinen und zu beten. Ihre Hoffnungen waren vergeblich, Nader erlag seinen Verletzungen.

Ich bitte euch alle euch jetzt mal vorzustellen, wie es ist, wenn die Mutter von Nader erfährt, dass ihr Sohn, den sie in Sicherheit wähnte, in einer Kleinstadt in Westdeutschland bei einer Messerstecherei umgebracht worden ist. Das Motiv: Eifersucht.

Die meisten von uns können sich nicht mal ansatzweise vorstellen, welches unendliche Leid Nader, seine Freunde und seine Familie erleiden mussten und müssen. In mein geregeltes Leben, indem ich berufliche und politische Karriere verfolge, meine Träume und Zukunftspläne und meine Familie habe, ist der gewaltsame Tod eines mir unbekannten jungen Mannes wie ein Schock eingebrochen.

Aber der Schock wird keine große Schockwelle nach sich ziehen. Hier hat kein Afghane einen Deutschen umgebracht, sondern umgekehrt. Die Tat war, soweit bekannt ist, nicht rechtsextremistisch oder rassistisch motiviert und so fehlt hier jede ideologische Klammer, die es braucht, um die Menschen sonst in rasenden Empörung zu versetzen. Kein Frank Plasberg, keine Anne Will, keine Maybrit Illner. Nur eine unendlich grausame Tat, die einem sorgenreichen Leben ein jähes Ende versetzte.

Meine Trauer verwandelt sich in Wut, wenn ich mir vorstelle wieviele Menschen gleich in geiferende Wut, Islamophobie und Ausländerhaß ausgebrochen wären, wenn es sich nicht „nur“ um eine brutale Gewalttat eines normalen Deutschen an einer Straßenecke gehandelt hätte.

Menschen wie Nader und seine Freunde verdienen unseren Respekt, unser Annerkennung und unsere Hilfe. Was sie nicht verdienen ist der bodenlose, dreckige Hass, den die AfD und ihre Gesinnungsgenoss*innen tagtäglich unter dem Vorwand der Besorgnis in die Medien und die Öffentlichkeit spülen.

Jede(r) der/die ein Herz hat, schließt Nader und seine Freunde in sein Gebet ein, oder – wenn nicht religiös – geht mal in sich, um den inneren Kompass zu eichen. Das haben wir meines Erachtens alle dringend nötig.

Update 11.02.2020:

Für die Überführung der Leiche und das Begräbnis von Nader wird gesammelt:
schwatten-shop.de/spenden-fuer-nader

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Der Autor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – testcard #24

»Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander, das Für-einander, die Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese Zeichen-Welt als »an sich« in die Dinge hineindichten (…) so treiben wir es (…) wie wir es immer getrieben haben, nämlich mythologisch.«

Friedrich Nietzsche

Im Herbst letzten Jahres hat der britische Science-Fiction-Autor Charles Stross in seinem Blog antipope.org eine Dystopie über die Zukunft der eBooks veröffentlicht. In der Zukunft, so prophezeit er, werden wilde Spambooks unsere eBook-Verzeichnisse durchforsten und aus den dort enthaltenen Büchern tausende von geistlosen und oberflächlichen Romanen destillieren, die eine vage Ähnlichkeit mit unseren Lesepräferenzen haben. Getarnt als Gratisexemplare werden sie sich in unsere eBooks installieren und im Text versteckte Anzeigenfläche an dubiose Offshore-Spamprovider verkaufen.

»Books are going to be like cockroaches, hiding and breeding in dark corners and keeping you awake at night with their chittering. There’s no need for you to go in search of them: rather, the problem will be how to keep them from overwhelming you.«

Dieser leicht überdrehte, technologiepessimistische Text, der sich wie eine Mischung aus William Gibson und Douglas Adams liest, bekam eine neue Facette, als sich im Frühling dieses Jahres die Berichterstattung über den sogenannten Roboterjournalismus überschlug. Plötzlich erzittert die Nachrichtenbranche vor einem Phänomen, dass vorher schon unzählige andere Arbeitsbereiche erschüttert hat: die Automatisierung. Und so wie immer wurde eine kreative und überlegene Elite konstruiert, die sich keine Sorgen zu machen brauche. Der neue Roboterjournalismus sei »rasend schnell, aber unkreativ« und die redaktionelle Assistenz und die Materialbeschaffung werde zwar bald obsolet, aber »Features, Reportagen und Interviews können noch nicht von Maschinen produziert werden«. Und natürlich erst recht keine Literatur.

Lorenz Matzat von netzpolitik.org sieht allerdings schon eine zweite Phase des Roboterjournalismus am Horizont. Diese könne »dann eintreten, wenn die semantischen Fähigkeiten der Algorithmen so weit gediehen sind, dass sie in brauchbarer Qualität Beiträge für eine Vielzahl von Themenbereichen erzeugen können.« Etwas hilflos führt er am Ende der zweiteiligen Artikelserie über Roboterjournalismus hinzu, dass die kommende Revolution von Gewerkschaften und Politik »beobachtet« und die Qualität von Roboterjournalismus durch den Pressekodex oder klare Regeln wie die drei Robotergesetze von Isaac Asimov gewährleistet werden müsse. Die drei Robotergesetze von Asimov? Oh no he didn’t!?

Offenbar befinden wir uns mitten in einer Diskussion, für die es keine adäquaten Begriffe mehr gibt. Ist Stross’ kleine Dystopie angesichts des Phänomens Roboterjournalismus doch keine überdrehte Science-Fiction, sondern ein realistisches Szenario für die Zukunft? Was ist passiert? Was wird passieren? Und was ist zu tun?
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Vaporwave Essay – testcard #23

Was soll denn eigentlich verschwunden sein? – Vaporwave und die Leere hinter der Oberfläche

Vor vielen Jahren sprach Diedrich Diederichsen mal in einer Videolecture über ein Ereignis, das seine Wahrnehmung von Musik fundamental verändert habe. Er habe gerade eine CD gehört – ich meine es war das Album L@N der gleichnamigen Düsseldorfer Band – als ihn ein Freund anrief. Der Freund, der via Telefon Zeuge der Musikaufnahme wurde, habe ihn gefragt, ob er gerade Musik aus dem Internet streame. Diederichsen erklärte sich diese merkwürdige Frage damit, dass der Freund den abstrakten, von allen Realwelt-Signifikanten bereinigten, Sound von L@N offenbar mit dem Internet und der spezifischen Internettechnik »streamen« assoziiert habe.

Diese Lecture, längst in den Weiten des Internet verloren, kam mir wieder ins Bewusstsein, als ich in einer Bestenliste des Blogs tinymixtapes.com das Album Vanishing Vision von INTERNET CLUB entdeckte.

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Artifical Scarcity In A World Of Overproduction: An Escape That Isn’t

Die Produktion von Innovation kann die Produktion von Wert nicht ersetzen.

Schon vor längerer Zeit las ich ein Text des New Yorker Publizisten Sander mit dem Titel „Artificial Scarcity In An World of Overproduction“. Dort beschäftigt sich Sander mit den Gründen für die künstliche Verknappung von immateriellen Gütern wie Patenten, Software und Musik, die u.a. durch das Copyright und Marken- bzw. Patentschutzrechte betrieben wird. Da ich mit den von Cory Doctorow in diesem Interview geäußerten Thesen übereinstimme, was die Relevanz der Copyright-Problematik im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang angeht, möchte ich die Grundzüge von Sanders Text hier wiedergeben. Der Originaltext findet sich hier.

Sander erklärt uns warum die künstliche Verknappung von – vor allem immateriellen – Gütern keine Lösung für den krisengeschüttelten Kapitalismus sei: Die Produktion von Innovation könne die Produktion von Wert nicht ersetzen.

Es sei, beginnt Sander seine Analyse, prinzipiell nicht einfach in einer Welt der Überproduktion einen Profit zu generieren. Kapitalismus sei unter den Bedingungen der Knappheit geboren worden und somit nicht in der Lage außerhalb dieser Knappheit der Güter zu funktionieren. So erscheine es nur logisch die Knappheit künstlich (wieder-)herzustellen. Aber hilft das der globalen Ökonomie aus der gegenwärtigen Zwickmühle?
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Ars Gratia Artis? – Part IV

Für einen kreativen Umgang mit Original, Imitation, Copyright und Starsystem

(Fortsetzung von Part III)

Erhängt den letzten Star an den Eingeweiden des letzten Originals

Wer plant als Kulturproduzent_in ein anständiges Leben zu führen, sollte es von Anfang an ablehnen seine Arbeit umsonst anzubieten, auch wenn es eine stetig nachwachsende Armee von willigen Praktikant_innen gibt, die diese Lektion noch schmerzhaft lernen muss. Jede(r), der einem kommerziellen Provider ein Kulturprodukt umsonst überlässt, verschlechtert die eigene ökonomische Situation, die Verhandlungsposition anderer Kulturproduzent_innen und den Tauschwert der Ware Kultur. Solange die Konzepte zur alternativen Kompensation von Künstler_innen noch in den Kinderschuhen stecken, ist die Kulturindustrie und ihr Copyright-System ein unvermeidbarer Verhandlungspartner. Trotzdem müssen die Kulturproduzent_innen das Ideal einer sich frei und ungehindert entwickelnden Kultur nicht aufgeben. Es ist möglich die Arbeit anderer als Grundlage für die eigene Produktion zu nutzen und trotzdem das Recht dieser auf ihr geistiges Eigentum zu respektieren.
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Ars Gratia Artis? – Part III

Für einen kreativen Umgang mit Original, Imitation, Copyright und Starsystem

(Fortsetzung von Part II)

Der Kult um den Star

Aber diese Punkte beantworten nicht die Frage, warum sich so viele Kulturproduzent_innen überhaupt mit dem Status der un(ter)bezahlten Contentproduzent_innen abgeben, wenn sie doch eigentlich davon leben wollen?
Der Sektor der Kulturproduktion ist, wie viele Branchen die von der Selbstausbeutung und Prekarisierung ihrer Produzent_innen leben, ein Starsystem. Dieses Starsystem entwickelte das warenproduzierende System laut Guy Debord aus dem historischen Umstand, dass „die Unzufriedenheit selbst zu einer Ware geworden ist“ (1), der arbeitende Mensch somit nach seiner „Selbstverwirklichung“ strebt, die gleichsam als Lebensziel an sich erscheint:

Die Stars sind da, um unterschiedliche Typen von Lebensstilen und Gesellschaftsauffassungen darzustellen, denen es global zu wirken freisteht. Sie verkörpern das unzugängliche Resultat der gesellschaftlichen Arbeit, indem sie Nebenprodukte dieser Arbeit mimen, die als deren Zweck magisch über sie erhoben werden: die Macht und die Ferien, die Entscheidung und der Konsum, (…)

Nur mit der Aussicht auf größere Macht, mehr Aufmerksamkeit und einem lebenswerteren Leben mit den Privilegien eines Stars (2), bzw. der erfolgreicheren und einflussreicheren Kulturarbeiter_innen im gleichen Arbeitsfeld, lässt sich die Bereitschaft erklären, temporär unter dem Lohnniveau (oder für kostenlosen Kaffee) zu arbeiten. Gewerkschaften und Tarifverträge erscheinen unter der Hypnose des Starsystems natürlich als restriktive Relikte einer vergangenen Zeit.
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Ars Gratia Artis? – Part II

Für einen kreativen Umgang mit Original, Imitation, Copyright und Starsystem

(Fortsetzung von Part I)

Die Gesellschaft des Zugangs

In Access beschreibt Rifkin den Umbau der klassischen Eigentumsökonomie in eine Ökonomie des Zugangs:

Netzwerke treten an die Stelle der Märkte, Verkäufer und Käufer werden zu Anbietern und Nutzern, und was bislang käuflich war, wird ‚zugänglich‘. (1)

Die von Rifkin seinerzeit nur erahnte Flut von sozialen Netzwerken, Content-Plattformen und Apps, die zumeist durch Werbung finanziert werden, und die zunehmende Trennung des Online-Datenstroms in funktionale Teilbereiche wie Video, Audio, VoIP und Gaming ist ein deutliches Merkmal dieser Entwicklung.

Geistiges Kapital (…) wird allerdings kaum ausgetauscht. Stattdessen steht es unter der Verfügung von Anbietern, die es potentiellen Nutzern zur begrenzten Verfügung verleihen oder in Lizenz vergeben. (…) Überall auf der Erde bauen transnationale Medienkonzerne weltumspannende Kommunikationsnetze auf und beuten lokale Ressourcen aus: neu verpackt als Unterhaltungsprodukte und Kulturware.

Und das Ernüchternde: Wir, die Kulturproduzent_innen, sind auf das Funktionieren dieses Systems angewiesen, wenn wir mit dem Ergebnis unserer immateriellen Arbeit einen Gewinn erzielen, also überleben, wollen. Trotzdem sollten wir uns nicht in die Debatte um den immanenten Wert von Original und Imitation verwickeln lassen, sondern möglichst nüchtern die Funktion immaterieller Rohmaterialien analysieren.
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Ars Gratia Artis? – Part I

Für einen kreativen Umgang mit Original, Imitation, Copyright und Starsystem

Originaltext erschienen in testcard #21

Selber als Autor und Regisseur tätig, beobachte ich eine zunehmende Bereitschaft von Kulturproduzent_innen (1) ihre Arbeit für geringe oder gar keine Entlohnung an die Kulturindustrie abzugeben, in der diffusen Hoffnung auf bezahlte Folgeaufträge oder mit dem abstrakten Wunsch „sich einen Namen“ zu machen. Dabei konkurrieren sie, anstatt sich als Klasse von immateriellen Produzent_innen zu begreifen, um die vermeintlich knappen finanziellen Mittel. Kein Sektor produziert mehr prekäre Arbeitsplätze als der kulturelle. Die Mehrheit der Kulturproduzent_innen erhält nicht einmal, wie im klassischen Erwerbsleben üblich, die Lebenshaltungskosten. (2) Laut den Statistiken der Künstlersozialkasse liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Bildenden Künstler_innen unter 40 bei 11.160 Euro, das von Musiker_innen bei 9.965 Euro. Autor_innen verdienen mit ca. 14.580 Euro im Jahr noch vergleichsweise gut.

„Leider arbeiten viele der 5 Millionen, die von der Kreativindustrie leben, in prekären Verhältnissen. Zweit- und Drittjobs sind keine Seltenheit, da ein Job zum Leben oft nicht ausreicht. Fehlende Kranken- und Rentenversicherung sind an der Tagesordnung. Arbeitsverträge sind meist unsicher und viele Kreativschaffende können kaum mehr als ein paar Monate im Voraus planen”, sagt die SPD-Beschäftigungsexpertin Jutta Steinruck auf ihrer Homepage.

Andererseits gibt es eine sehr kleine Gruppe von Kulturproduzent_innen, die extrem hohe Einnahmen erzielt. Dies hat eine ganze Reihe von Gründen, von denen der nicht unwichtigste das in der Kulturindustrie gängige Starsystem und der weitverbreitete Irrglaube ist, dass es darauf ankäme erst einmal in den eigenen Markennamen zu investieren, bis es sich für die Kulturindustrie lohnt, diesen zu verwerten. Diese beobachtet das natürlich mit wachsendem Vergnügen, spart man sich doch so das Marketingbudget und schöpft trotzdem den Mehrwert ab. (3)
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monochrom #26-34 – Not included

Due to certain whereabouts this text about Culture Jamming and Semiotic Hacking got lost on its way to vienna… So ‚monochrom #26-34 – Ye Olde Self-Referentiality‘ is missing it… For your pleasure it is blogged below, probably in poor english 😉

The Lentos Kunstmuseum in Linz, Austria, is located on the right side of the river Donau, vis-à-vis the Ars Electronica Center. Due to this geographical axis the idyllic small town is supercharged with digital chique, postmodernism and global communication. The perfect place for the exhibition ‘Just Do It! – The subversion of signs from Marcel Duchamp to Prada Meinhof’, which took place in spring 2005. Here the history of Culture Jamming, the deconstruction, appropriation and détournement of signs, was compiled for the first time. But what is the properly meaning of that twisted and often used term Culture Jamming?

The term Culture Jamming has been coined by the US-American avantgarde-band Negativland.

To jam – which means techniques to limit the effectiveness of an opponent’s communication or detection equipment in a military context – was to Negativland to take existing communication codes and reload them with new meaning. However, this cultural technique is not new, the first known example is Marcel Duchamps „Mona Lisa“, the picture of the Gioconda on which Duchamp has painted a moustache and wrote ‘Elle a chaud au cul – She has a hot ass’ on the lower side of the picture. This is an early jam, let’s say a political jam, because Duchamp changes the semantic perception of the Mona Lisa and was bringing out a deeper truth, like Naomi Klein demands in her book No Logo. The truth that Leonardo da Vinci was gay.

A more current example of Culture Jamming in the Lentos Kunstmuseum was given by the project vote-auction of ubermorgen.com, aka Hans Bernhard and lizvlx, from Austria. To whom – like me – the didactical tension between the exhibits and the exhibition catalog is only a bit of a yawn, it was difficult to decode the ubermorgen.com-installation: Two big black and white prints of symbols containing e.g. the words „The Agency“ and „Vote-Auction“, two giant heaps of paper and a tv-screen playing the CNN-Show „Burden Of Proof“. However, a closer look on the installation turns out, that ubermorgen.com did a spectacular prank, using the American election system:

vote-auction was an internet platform on which American electors were able to sell their votes online during the election George W. Bush vs. Al Gore in the year 2000.

In a web mask the citizens were able to fill in their personal data and offer their vote for sale. Due to the fact that it is highly illegal for American citizens to offer their vote in any way, those people had to be protected. So the data that was filled in the form was erased immediately. It moved into digital nirvana. The whole action was at least a ridiculous game with some pixel ubermorgen.com arranged on the screen, claiming to buy and sell votes online. The highlight of vote-auction was a half-hour CNN-Feature ‘Burden Of Proof’ with seven attorneys, two technicians via video-stream, Hans Bernhard on the telephone and some politicians and journalists in the studio. But ubermorgen.com are insisting on the fact that they don’t have any ideological aim in their actions but doing ‘Researches in the living organism of global communication’.
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