»Zu den auffallendsten Zügen im Leben der Masse gehört etwas, was man als ein Gefühl von Verfolgtheit bezeichnen kann, eine besondere zornige Empfindlichkeit und Reizbarkeit gegen für allemal als solche designierte Feinde. Diese können unternehmen, was immer sie wollen … – alles wird ihnen so ausgelegt, als ob es einer unerschütterlichen Böswilligkeit entspringe, einer schlechten Gesinnung gegen die Masse, einer vorgefassten Absicht, sie offen oder heimtückisch zu zerstören.«

Elias Canetti

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Curro González – Como un monumento al artista

Schon ein paar Mal bin ich an der Skulptur »Como un monumento al artista« von Curro González vorbeigegangen. Sie steht im Hof des CAAC – Centro Andaluz de Arte Contemporáneo in Sevilla. Beim ersten und zweiten Mal habe ich sie als aufdringlich und etwas plump empfunden – zu sehr Hyperrealismus. Aber gestern – thematisch vorbelastet durch unsere Blogdebatte »Intrinsisches Entertainment« habe ich ihre Bedeutung und Komplexität voll erfasst.

Artist 3

Zu sehen ist ein Künstler, der ausgerüstet ist wie ein Ein-Mann-Orchester: Posaune und Bassdrum auf dem Rücken, Tröte und vorgeschnallte Mundharmonika. Dabei trägt er ein um 180°-verdrehtes Basekapp und eine seltsame Sehvorrichtung – halb futuristisch, halb Steampunk. Auf einem vor den Bauch geschnallten Brett ein Laptop, eine Staffelei und eine Farbpalette und über ihm schwebend eine semiprofessionelle Kamera. So sieht Curro González den contemporary artist.
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Das Turing Kontinuum – Kapitel 42 (Auszug)

Part 2 – 16

»Du bist zu spät«, bemerkte Zara spröde und blies affektiert Zigarettenrauch aus ihrem Mundwinkel. Sie trug ein enges, weißes T-Shirt mit der Aufschrift »MIDI Junkies gonna fuck you up!« unter dem sich die dunkelbraunen Nippel ihrer flachen Brust abzeichneten. Vor ihr auf dem Tisch lag ein vollgekritzeltes Notizbuch neben einer Tasse Milchkaffee.
»Sorry«, entschuldigte sich Alisa, »Ich musste lange auf den Shuttle-Bus warten. In der Knaackstraße haben ein paar Kiezbewohner die Billboards umgekippt und in Brand gesetzt.«
»Geil!«
»Was soll daran geil sein? Das ist doch total destruktiv.«
Zara rollte die Augen.
»Du bist so bourgeois.«
»Und du? Hockst hier in einem schicken Wohnblock und spielst Neo-Beatpoetin?«

»Eine aufrichtige Intellektuelle muss Klassenverrat begehen. Und außerdem: Nicht die Kiezbewohner sind destruktiv, sondern die Umstände in denen sie leben. Durch ihren Adern fließt Schweröl und in ihren Pupillen spiegelt sich der mediale Overkill der Ultra-HDTV-Screens. Die Interzone muss brennen, ihre Kaputtheit muss sich materalisieren …«

»Woran schreibst du gerade?«, versuchte Alisa das Thema zu wechseln.
»Ach«, Zara machte eine wegwerfende Handbewegung. »Einen Artikel für Grassroots Revolution, so ein wwoofer-Magazin. Nichts Weltbewegendes.«
»Zeigst du ihn mir, wenn er fertig ist?«
»Mal sehen«, nuschelte Zara gelangweilt.
Es war genau dieses zur Schau getragenen „Ma vie m’ennuie«, das Alisa so unwiderstehlich anzog. In den letzten Wochen war es zum Zentrum ihres Lebens geworden ein Lachen auf das blass-graue Gesicht ihrer Geliebten zu zaubern. Etwas von dem Eis zu zerbrechen, das sie beide umgab. Wenn nur Zara auch versuchen würde sich ihr zu nähern. Aber es schien ihr eigentlich egal zu sein. Alisa bestellte sich einen Moscow Mule. Herr Bresch, der sie erst jetzt bemerkte, nickte ihr knapp zu. Für ihn kam das einem Kotau gleich. Zara hatte sich schon eine neue Zigarette angezündet und ließ sie im Aschenbecher verglimmen, während sie ihr Notizbuch vollkrakelte.

Lust auf mehr? – Der komplette erste Entwurf von »Das Turing Kontinuum« zum Testlesen findet sich hier.

»Ich glaube nicht an Konsumentenaktivismus. Das ist für mich eine bourgeoise Antwort für ein zutiefst ökonomisches, kapitalistisches Problem. Unsere Probleme müssen kollektiv politisch angegangen werden, nicht dadurch, dass ich ein besserer Konsument werde.«

Evgeny Morozov