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Diary of an Unpublished Author 9 (Kritische Ausgabe)

Gerade habe ich Pulsarnacht von Dietmar Dath fertiggelesen. Ein Dath-Roman, der – wie so oft – soviel will und soviel andeutet und dabei um ein Haar den Fokus der Erzählung, das »Eigentliche«, aus den Augen verliert. Ein atemloses Erzählen, das David Foster Wallace besser beherrscht, einfach deshalb, weil er restlos in seine Figuren eintaucht und nicht durch ein voraussetzungsreiches Vokabular, das im Glossar noch voraussetzungsreicher erklärt wird, die Geschichte verdeckt. Die Sprache von Wallace ist kompliziert, aber so redundant, dass durch jede Pore das durchsickert, was er sagen will. Die Geschichte schwitzt das Gemeinte, das Unsagbare aus. Soweit ist Dietmar Dath noch nicht. Aber einige Passagen sind wunderschön. Einige der Breven (kleine eingeschobene Gesänge) am Schluss treffen den Kern der Sache, wirken wie Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, wenn sie nicht sogar von dort entlehnt wurden.

Die Pulsarnacht als Metapher für einen asynchronen Rechner, der aufgrund der Ökonomisierung der Energie (= Rechenkapazität) auf Asynchronität umschaltet. Das Universum ist eine Rechenmaschine, die von einer anderen Turingmaschine gerechnet wird, die zeitlich gleichzeitig (oder jenseits der Zeit) existiert.

Der Mensch muss erkennen, dass die allgemeine Relativitätstheorie nur ein Wahrnehmungsfehler ist und die Koniken nichts bedeuten. Es ist eine Art Science-Fiction-Siddhartha, den Dath da geschrieben hat. Manchmal habe ich beim Lesen gedachte, dass in den Breven vom Autor selbst die Rede ist. Dass er am liebsten singen will, sich aber für einen so seltsamen Vogel hält, dass er lieber schreibt und sich mehr und mehr den Menschen und ihren Kommunikationsspähren – Wissenschaft, News, Politik, Ökonomie – anpasst. Weil er das Gefühl hat im Jetzt und Hier schweigen und die Bedingung der Möglichkeit etwas Poetisches zu sagen erst schaffen zu müssen. Dann erreicht das Wahre nur wenige, die sich vorher durch einen nicht gerade actionarmen Science-Fiction-Plot gekämpft haben.

Aber ist es am Ende nicht doch auch gut getarnte Erbauungsliteratur? Romantische Poesie für Hartgesottene? Autechre als Literatur? Den Weg den Autechre gegangen sind, können nur noch die Wenigsten mitvollziehen, ich schon lange nicht mehr.

Es ist mutig von Dietmar Dath diese Spähren auszuloten, in die nicht viele vor ihm eingedrungen sind. David Foster Wallace hat diese Reise vielleicht mit dem Leben bezahlt, Tom McCarthy ist vielleicht schon verrückt geworden.

»I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the negro streets at dawn looking for an angry fix«

Pathos eines Drogenabhängigen und gleichzeitig tiefe Wahrheit. Und trotzdem: Pulsarnacht wird niemanden zur Revolution anstacheln und keinen zum Linken machen, der es nicht schon vorher war. Aber vielleicht ist es auch eine Frechheit zu glauben, dass das Buch das will. Ich habe jedoch immer das Gefühl, dass eine politische Agenda hinter jedem Buch von Dath lauert. Und vielleicht ist das genau das Problem. Ich bleibe trotzdem Fan und werde weiterhin jedes Buch auf der Suche nach Bedeutung verschlingen, weil ich davon überzeugt bin, dass dieser Mann etwas zu sagen hat. Eine der besten deutschen Autoren ist er sowieso …

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Tracklisting:
Cold Dead – Flying Lotus
Lightning – Nu:Tone
Rule – Actress
Ahead the Ship Sleeps – FaltyDL
2 Is 8 – Lone
Change – Nu:Tone
Never Catch Me Feat. Kendrick Lamar – Flying Lotus
10 Happy Birthday – Mac Miller
Soliloquy – Isaiah Rashad
Stuck – Lone
Holocomm – Nu:Tone
WHAT IT FEELS LIKE – Prince
Say That You’ll – Nu:Tone
Really Love – D’Angelo & The Vanguard
U KNOW – Prince
Another Love – Alice Smith
Brad Jordan (feat. Michael Da Vinci) – Isaiah Rashad
Heart & Soul – FaltyDL
Spacejazz feat. Swindle – B.P.D.R.
Fiesta Del Luna – B.P.D.R.
Frontin – FaltyDL
Some Jazz Shit – FaltyDL
Aurora Northern Quarter – Lone
Soda – Azealia Banks
Skyline – Actress
Restless City – Lone
Miss Camaraderie – Azealia Banks
Rap – Actress
Jfk (feat. Theophilus London) – Azealia Banks
08 Therapy – Mac Miller
The Charade – D’Angelo & The Vanguard
01 Inside Outside – Mac Miller
Contagious – Actress
18 Insomniak – Mac Miller
Banana – Isaiah Rashadt]
Immersed – B.P.D.R.
Dånger – FaltyDL
The Boys Who Died In Their Sleep Feat. Captain Murphy – Flying Lotus
STOPTHISTRAIN – Prince & 3RDEYEGIRL
One More Time – B.P.D.R.
Miss Amor – Azealia Banks
Siren Song Feat. Angel Deradoorian – Flying Lotus
R.I.P. Kevin Miller – Isaiah Rashad
ANOTHERLOVE – Prince & 3RDEYEGIRL
Another Life – D’Angelo & The Vanguard
Back to the Future (Part I) – D’Angelo & The Vanguard

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Diary of an Unpublished Author 8 (Kritische Ausgabe)

Immer noch erkältet. Mein Kopf dröhnt wie eine gute Drone-Platte. Trotzdem befreit mich das selbstverständlich nicht von der Verantwortung ein paar Zeilen zu schreiben. Ich möchte ein paar Notizen hier abspeichern, die ich mir aus dem Buch »Darwin im Reich der Maschinen« von George B. Dyson gemacht habe. Sie werden wichtig sein für die Binnenwelt von »Das Turning Continuum«.

»Es befindet sich gewissermaßen eine spiralförmig gewundene Kette von Ideen im Respositorium des Gehirns, deren Anfang am weitesten entfernt ist vom Zentrum, wo die Ideen neu enstehen, dem Sitz der Seele, der immer den gegenwärtigen Moment bildet, und je mehr (Schichten) dieser Idee zwischen der gegenwärtigen Empfindung, dem gegenwärtigen Gedanken im Zentrum und einem anderen liegt, desto stärker wird die Seele den zeitlichen Abstand zwischen ihnen wahrnehmen.«

Robert Hook (1635-1703)

»’Und die Elektrizität, die dämonische, die engelgleiche, gewaltige physische Kraft, die alles durchdringende Intelligenz!’, rief Clifford. ‘Ist das auch ein Schwindel? Ist es Tatsache – oder habe ich es geträumt -, daß die Welt der Materie vermittels der Elektrizität zu einem großen Nervensystem geworden ist, das auf Tausende von Meilen hin in einer atemberaubenden Sekunde alles in Schwingungen versetzt? Wahrlich, die Erdkugel ist ein einziger riesiger Kopf, ein Hirn, Instinkt gepaart mit Intelligenz. Oder sagen wir lieber, daß sie Gedanke ist, ganz Gedanke, nicht mehr Stoff, wofür wir sie hielten.’«

Nathaniel Hawthorne (1851) »Das Haus der sieben Giebel«

Gerade den letzte Satz finde ich sehr inspirierend. Zwar drückt er einen allgemein bekannten Gedanken aus, den unter anderem auch Frank Schätzing in seinem »Schwarm« beschreibt, aber eben weniger trivial als dieser Gedanke gemeinhin ausgesprochen wird. Die Erdkugel ist Gedanke, ganz Gedanke, nicht mehr Stoff. Ja, eine faszinierende Idee, die den ontologischen Realismus in Frage stellt (einen Begriff den ich gestern gelernt habe) und die Welt als Traum beschreibt, der sich selber träumt. Ist es das was Paul Madorn und Alisa Garret erzeugen?
Aber halt: Es gibt einen ontologischen Vorgänger des Gedankens: die Elektrizität und all die sie vermittelnden und emittierenden Apparate. Ok, das alles ist zu einem System geworden, dass auf einer höheren Beschreibungsebene existiert.

Von einem der Erde gleichwertigen Betrachter (hinsichtlich Größe und potentieller Intelligenz) erscheint das elektrische System als Neuronen, die chaotisch feuern, weil die Struktur zu klein ist um sie zu erkennen.

Doch wenn Hawthorne sagt, dass die Erde ein Gedanke ist, dann wechselt er gleich zweimal die Beschreibungsebene. Nicht nur sagt er, dass die Erde eine weitere Ebene höher (aus der Sicht einer Galaxis beispielweise) ein Neuron in einem größeren System sein könnte (was immerhin ontologischen Realismus impliziert) sondern er macht auch einen Kategoriensprung von der Struktur zur Sequenz: Der Gedanke ist das Ergebnis der Netzwerktätigkeit im Gehirn. Die Erde wäre dann das Ergebnis der Netzwerktätigkeit im Universum. Aber wo manifestiert sie sich dann physisch? Gedanken werden intra- und intersubjektiv vermittelt und stellen ein Kommunikationsprotokoll dar. Wenn die Erde ein Netzwerkknoten ist, kann sie nicht gleichzeitig ein Gedanke sein, genausowenig wie ein Neuron ein Gedanke sein kann. Was also will uns Hawthorne in dieser Passage sagen? Dass die Erde der Gedanke ist, den das Ökosystem des Planeten hervorgebracht hat? Aber dann sind der Planet und die Erde nicht identisch. Ich denke es handelt sich um ein bewusstes Paradoxon um auf das hinzuweisen was Dyson früher im Buch geschrieben hat:

Dass die beiden Kategorien: neuronales Netzwerk und Gedanken sich nicht trennen lassen, dass wir mithin unser Gehirn sind. Die elektrische Struktur in unserem Gehirn ist unsere Gedanken.

Schwierig vorzustellen, aber wiederrum auch irgendwie die Grundlage für mein Buch »Quantum Suicide« … Wo gehen die Gedanken hin, wenn die elektrische Struktur erlischt? Wozu ist ein so komplexes Wesen wie ICH erzeugt worden, wenn es am Ende wieder verschwindet? Sind wir wirklich nur die Vorstufe eine größeren und dauerhaften Intelligenz? Eines Bewusstseins, dass das Universum besser wahrnehmen kann als wir? Das ist doch auch die Frage von »Das Turing Continuum«, oder?

Dysons neues Buch heißt übrigens so ähnlich: »Turings Kathedrale« … »Darwin im Reich der Maschinen« gibt es derzeit nur gebraucht für ca. 50 Euro.

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»Turings Kathedrale: Die Ursprünge des digitalen Zeitalters«


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Tracklist:
01. Ooze – Untitled
02. Tenniscoats – Aurora Curtains
03. Varg – Ohns Odegard
04. Function and Vatican Shadow – Things Known
05. Stressassassin – Raumwelt Signal
06. Bluetech – Untitled (ooze remix)
07. Fjader – Satori
08. Ooze – Restricted Flow (Porn Sword Tobacco remix)
09. Conforce – Abundance of selves
10. BLNDR – Isolate Frequencies 2
11. ESHU – Lansin
12. BLNDR – Metal Stretching (Incarnation 2)
13. Leo Anibaldi – Evocation (Wa Wu We Sneak mix)
14. Conforce – Temporary
15. Stephanie Syke – Hypno
16. ESHU – Cesium
17. A&S – Asteroid redirect images
18. Dino Sabatino – Vision Quest
19. Claro Intelecto – Night of maniac
20. Audrey – Dust Storm Salsa
21. Mathew Jonson – New Identity
22. Hakimonu – Cadence One Native
23. STL – One Day
24. Yagya – DeepChord Redesigns 5
25. J & L – Ramayana Chant
26. Tin Man – No New Violence
27. Donato Dozzy – K2
28. Son Sin – Upekah
29. Ooze – Trying Outwards (Ooze remake)
30. Wa Wu We – Untitled
31. Wa Wu We – Untitled
32. Higher Intelligence Agency – Orange
33. Lawrence – A Day in the life
34. Reiner – Lung
35. Bluetech – Untiled (ooze remix take 2)
36. Alucidnation – Prefer to Stay in

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deutschlandradiokultur.de, lousypennies.de (Journalismus), taz.de (Island & Krise), krautreporter.de (Tolles Interview mit Christopher Lauer)

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Diary of an Unpublished Author 7 (Kritische Ausgabe)

Habe dann trotzdem angefangen die Novelle vom »Dorfimbiß« (der Duden kennt die Schreibweise mit »ß« ignoranterweise nicht) zu schreiben:

Am Eingang des Dorfes machte die Bundesstrasse eine Kurve, die Absicht des Erbauers sein musste. Nicht nur war es unmöglich die Kurve mit mehr als 30 km/h zu nehmen ohne aus selbiger hinausgetragen zu werden. Nein, es säumten auch gleich zwei Dorfschenken den Weg, die eine großspurig als »Landgasthof Schmitz« ausgeschildert, die andere erratisch mit »Bei Knipping« betitelt.
Ob der mittelalte Mann im Hausmeisterkittel, der müde das Grün des Türgitters erneuerte, der Namensspender war? Andreas lenkte den Wagen vorsichtig in die Kurve um hinter dieser sogleich wieder den Ausgang des Dörfchens zu erblicken. Bevor er diesen erreichte, parkte er seinen Wagen auf eine kleinen Pflastersteininsel, die durch eine marode Umzäunung als Parkplatz ausgewiesen war.

Die Bäckerei, die wohl der allzu optimistische Anlass dieses Parkplatzes war, fand er verschlossen vor. Ein Schild verkündete die unsympathischen Öffnungszeiten: 7:00 – 11:30 Uhr.

Das erinnert sofort an ehrliche Arbeit und Menschen die mit den Hühnern zu Bett gehen, was Andreas – in der typischen Gehässigkeit eines ehemaligen Provinzlers – immer wortwörtlich verstanden hatte. Schon das Autobahnschild »Sachsen-Anhalt – Land der Frühaufsteher«, das potenzielle Investoren auf Sachsen-Anhalt neugierig machen sollte, hatte leichten Abscheu in ihm hervorgerufen. Hungrig und genervt setzte er sich wieder ans Steuer, trank den letzten Rest einer Halbliterdose Energy Drink und zündete sich eine Zigarette an. Dann also sofort ins Hotel. Später konnte er ja noch zu einem Lebensmittelmarkt fahren und sich für die nächsten paar Tage eindecken. Im Handschuhfach steckte der Auftrag, samt Hotelreservierung, und Andreas stellte amüsiert fest, dass er die nächsten vier Tage im »Landgasthof Schmitz« residieren würde. Mittlerweile hatte es angefangen zu regnen und so trottete er, die Papiere in eine Plastikfolie gezwängt, mit eingezogenen Schultern die Dorfstrasse hinab. Der Landgasthof hatte keine Klingel, weder eine elektrische noch irgendeine pseudo-authentische Kuhglocke oder einen Messingklopfer, den eh niemand hören würde. Genervt stiefelte er an den geschlossenen schmutziggrauen Jalousien vorbei, wobei ihn der Maler von gegenüber gleichmütig beobachtete. Die Genugtuung ihn nach Auskunft zu fragen, wollte Andreas ihm nicht geben.

Wahrscheinlich würde das nur in irgendwelchen katastrophalen Animositäten enden, an deren Ende er sich gezwungen sehen würde jeden Abend im »Bei Knipping« zu speisen und damit den Wirt des »Landgasthof Schmitz« zu vergrätzen.

Überhaupt hatte er nicht vor irgendwo zu speisen oder sich mehr als irgendwie nötig mit irgendeinem sächsischen Hinterwälder gemein zu machen.
»We go in. We get what we want. We come out.«
Um nicht den Argwohn des Malers zu erregen, zog sich Andreas eine Schachtel Zigaretten an der Seitenwand des Landgasthofs und zündete sich eine an. Der Regen hatte etwas nachgelassen. Während er da nun so stand und überlegte was als nächstes zu tun sei, kam ein uringelber Mercedes auf den kleinen Parkplatz gefahren, dessen Nummernschild mit dem übereinstimmte das schon am Kopfende des Parkplatzes montiert worden war. Der Fahrer trug einen grünen Filzhut und griff umständlich mit der linken Hand in seine Strickjacke, während er mit der anderen Hand den Wagen auf den Parkplatz lenkte. Er wirkte wie ein als sächsischer Landgasthofwirt verkleideter Russe, der gleich einen unliebsamen Zuhälter erledigen würde. Und tatsächlich zog er ein kleines schwarzes Ding aus seiner Strickjacke, das in etwa die Größe eines Sturmfeuerzeugs hatte. Er zielte auf einen Punkt neben Andreas und die Jalousien begannen sich, begleitet von einem elektrischen Summen, träge zu heben.

»Sie sind geschäftlich hier?«, fragte ihn Herr Schmitz, während er sich offenbar nicht zwischen drei verschiedenen Lesebrillen entscheiden konnte die neben ihm auf der rauhen Stofftischdecke lagen.
»Jawohl!«
Mit Dorfbewohnern, so hatte Andreas lernen müssen, musste man immer knapp, direkt und ohne Umschweife reden, damit sie einen ernst nahmen.
»Es ist wegen der Kurtaxe«, beeilte sich Herr Schmitz – inzwischen bebrillt und mit deutlich größeren Augen als vorher – hinzuzufügen.
Andreas fragte sich mit leichtem Unbehagen wer wohl hier Urlaub machen würde. Automatisch fiel ihm das Cover eine alten Porno-VHS-Kassette ein, auf dem ein Mann mit Schnurrbart einer Frau mit lauter Hautlappen seinen errigierten Penis entgegenstreckt.

Hier endet der fulminante Auftakt der Novelle …

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Diary of an Unpublished Author 6 (Kritische Ausgabe)

Heute im Halbschlaf kam mir eine Romanidee in den Kopf, die sich aus drei zufälligen Beobachtungen/Erinnerungen/Geschehnissen zusammensetzte:

    1. Frank Bölter, ein Protagonist der arte-Serie Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst, hat sich in einer Szene gegenüber seiner Frau darüber amüsiert, dass der Dorfgrill in Sachsenberg – dem Kaff in dem er seine Residenz hatte – nie aufhabe. Das erinnerte mich daran, dass es mir immer Spaß gemacht hat irgendwelche Theorien und Privatmythen aufzustellen, über Orte an denen ich temporär oder längerfristig gewohnt habe. Ob es der kaum frequentierte Chinese in der Gladbacher Straße war oder die komische Kneipe in der es »Eitergeschwür« oder »Goldschnaps« gab.

    2. Die Geschichten die meine Schwester und ich uns immer als Kinder ausgedacht haben, als wir im Haus meiner Großmutter in Avignon waren. Dort gab es viele unheimliche Ecken. Am gruseligsten war wohl meine Geschichte vom Wassermann, der Kinder in der Erde vergrub, aus denen dann Kohlköpfe wurden. Gehaust hat er unserer Meinung nach in einem völlig zugewachsenen Geräteschuppen gegenüber dem Schlafzimmer in dem wir immer übernachtet haben.


    Imbiss

    3. Ein Bild das Daniel auf facebook gepostet hat und das einen »Imbiß« in Frankfurt am Main zeigt. Einen »Imbiß« der sich ideal eignet als der Dreh- und Angelpunkt einer mythisch-realen Erzählung, nämlich eine …

… Kurzgeschichte über einen Menschen der (aus Gründen) auf ein Dorf zieht und dort eine halluzinatorisch-mystische Epiphanie rund um den Dorfgrill hat. Erst wird er von den Dorfbewohnern nach und nach in die Geheimnisse des Dorfes eingeweiht, aber über den Grill erzählt keiner etwas, obwohl unser Protagonist von Zeit zu Zeit jemanden mit einer Schale Pommes Frites oder einem halben Hendl in der Plastiktüte durch das Dorf laufen sieht. Nach einem Besäufnis in der Dorfschenke glaubt er eines Nachts Licht zu sehen und klettert übermütig auf das Dach der Imbißbude. Er fällt auf die Fresse und kann sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern was in der letzten Nacht passiert ist und ob es sich um einen Traum oder die Wirklichkeit gehandelt hat. Diese vermischen sich ohnehin.

Er träumt von einem grotesk großem »ß«, das er als Chaiselongue benutzt und das ihn fortan verfolgt. Als er einen polnischen Malzkaffee trinkt verliert er sich in der taigaartigen Landschaft der Kaffeeoberfläche, geht dort spazieren und trifft auf ein Haus in dem einer der Dorfbewohner wohnt. Sie habe ein merkwürdiges Gespräch.

Dann endet das Kapitel und unser Protagonist wacht im nächsten Kapitel auf. Wir wissen wieder nicht ob er die Begegnung halluziniert hat oder ob sie wirklich stattgefunden hat. Nach und nach scheint es, als sei die Imbißbude das Zentrum des Universums. Der Platz an dem alle Belange des Dorfes (und hat es je etwas anderes gegeben als das Dorf?) zusammenlaufen. Unser Protagonist wird selber Pächter des Grills und verkauft Aviko-Frittierware an die Dorfbewohner, die ihm jetzt weniger argwöhnisch gegenüberstehen. Dafür muss er sich jetzt den Avancen einer jungen Dorfschönheit erwehren, die er zwar attraktiv, aber dafür umso merkwürdiger findet.
(Die Geschehnisse um die Pacht sind optional, es ist auch denkbar, dass das Geheimnis des Imbiß nie gelöst wird)
Eventuell ist auch die fettige Nahrung, die der Imbiß im Geheimen verteilt, das eigentlich Krebsgeschwür des Dorfes. In dieser Erzählung kann ich besser mit Bolañoesken Elementen experimentieren, die eine permanente Atmosphäre der Desorientierung und Beklemmung erzeugen. Aber irgendwie ist das alles auch ziemlicher Quatsch …

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arte, je vous en prie! – Weg mit dem Vollprogramm!

Dieser Beitrag ist eine Polemik gegen das Vollprogramm von arte, die eigentlich den oder die Falschen trifft. arte ist ein kulturelles Highlight in der deutsch-französischen Fernsehlandschaft, ein vorbildlicher Sendeplatz für das Grand Format im Dokumentarfilm, Vorreiter im Bereich interaktive Medien (arte Future, Creative und Info), Sendeplatz für anspruchsvollere Serien, Spielfilme und sogar Kurzfilme und vieles mehr.

Der Grund warum ich trotzdem deutliche Worte finde, ist der, das ich bei arte noch Hoffnung habe. Hoffnung das es in zehn Jahren noch ein Leuchtturm und Vorbild in Europa geben wird für ein finanzstarkes, demokratisches, kulturell vielfältiges und intellektuell anspruchsvolles audiovisuelles Programmforum.

Natürlich bin ich biased. Ich bin um die Vierzig. Ich bin ein intellektueller Snob, ein Medien-Heini, zeitweise ein sogenannter Kreativer, zweitweise Ingenieur. Ich kenne die Strukturen der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender und bin seit ein paar Jahren im Feld Dokumentarfilm und Transmedia unterwegs. Aber ich gehöre somit auch irgendwie zur idealen Zielgruppe von arte oder werde bald dort hineinwachsen.

Zwei arte-Programmverantwortliche selbst haben mich überhaupt zum Nachdenken gebracht: Sie haben auf verschiedenen Foren des öfteren gesagt, dass arte vermutlich mehr facebook-Fans als Zuschauer habe, weil es schick und angesagt – wenn nicht gar hip – sei, arte gut zu finden. In my humble opinion (imho) haben sie völlig recht und im Folgenden will ich ein paar Gründe nennen, warum das (auch imho) so ist.

Das Vollprogramm:
arte hat definitive Programmhighlights. Sendeplätze und Formate die es so anderswo so nicht (oder nur verwässert) gibt: phi, Tracks, Mit offenen Karten, Karambolage, Durch die Nacht mit …, die Dokumentarfilmreihe Grand Format und die diversen Sendeplätze für court métrage, klassische Musik und Theaterinszenierungen (eher selten). Selbst bei pseudogehaltvollen TV-Dramen wie z.B. »Der Turm« möchte ich mal ein Auge zudrücken, obwohl so etwas bei ARD und ZDF besser aufgehoben wäre.

Dann gibt es aber auch maximal willkürliches, leicht an-kulturalisiertes Durchschnittsfutter. Eine zufällig ausgewählte Programmwoche: Am Reißbrett produzierte Doku-Serien unterschiedlicher Couleur (Europas hoher Norden, Royal Dinner, Die kulinarischen Abenteuer der Sarah Wiener, Brasiliens Küsten, Die neuen Paradiese, Im Bann der Pferde, Reisen für Genießer, Xenius, Flüsse der Welt), billig angekaufte »Kultserien« und »Kultfilme« (French Cancan, Laurel & Hardy, Ein Mann wird gejagt, Charles Dickens Little Dorrit, El Cid, Eselshaut, Lawrence von Arabien).

Unnötig zu sagen, dass die genannten Filme und Serien für sich genommen durchaus gut, wenn nicht brilliant sind. Aber warum müssen diese im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen um damit das Vollprogramm zu stopfen? Solche Filme gibt es überall zu sehen, sie werden auf den Rummeltischen der Elektro-Großhändler verschleudert und ohnehin bei irgendeinem Privatsender rauf- und runtergespielt.

So ein Programm verschafft einem Kultursender weder Profil noch dauerhafte Akzeptanz in der nachrückenden Zielgruppe. Es verstärkt eher den Eindruck, den die oben zitierten Aussagen erwecken: artes Image ist wesentlich besser als sein Programm.

Mir leuchtet es nicht ein, wieso man als Sender mit dem Anspruch von arte auch nur einen Gebühreneuro für das Stopfen von Vollprogrammlöchern verwenden sollte, nur um die 24 Stunden irgendwie zu füllen.

Auf der letztjährigen IDFA habe ich im Forum und bei einer Pitching-Veranstaltung mit Kate Townsend (BBC), Cynthia Kane (Al Jazeera America) and Daniel Cross (EyeSteelFilm) erlebt, welche hohen Ansprüche an junge Doku-RegisseurInnen gestellt werden und wie schnell ein Filmprojekt jede Hoffnung auf Finanzierung verliert, weil es nicht den zu Recht hohen dramaturgischen und ästhetischen Ansprüchen der commissioning editors genügt.

Die Frage ist nur: Woher kommt dann das maue Fließbandfutter mit dem arte seine Vollprogramm-Zuschauer konstant im Halbschlaf hält um die fragwürdige Quote auf Vollprogramm-Mindestniveau zu halten???

Der erfolgreiche Transmedia-Producer Nuno Bernardo meinte anlässlich des DOK Leipzig 2014 die fehlenden Programmverbreitungswege seinen nicht das Problem von arte – man müsse also die Zuschauer nicht in bestimmten Medien abholen – sondern die ungenügende Relevanz der Inhalte. Wenn du relevante Inhalte produzierst, so sagte er sinngemäß, dann findet dich dein Publikum auch. Der Erfolg von youTube-Stars, VICE und seiner eigenen Firma beActive, geben ihm Recht – auch wenn ich mit Bernardo sicher nicht in der Frage übereinstimme was relevante Inhalte sind …

Was tun?
Oft wird lamentiert, dass die deutsche Film- und Serienlandschaft für den internationalen Markt so uninteressant sei. Bis auf »Lola rennt«, »Goodbye Lenin« und »Das Leben der Anderen« kennt man im Ausland ja kaum deutsche Filme (und zwei davon leben u.a. von der historischen Sondersituation Deutschlands). Ich sage: Das liegt auch daran, dass interessante, junge und schwierige Autoren keine Möglichkeiten haben sich zu entwickeln. Gegen die 2.500 Freelancer von VICE steht die Redaktion Das kleine Fernsehspiel und eine RBB-Insel für Kurzfilme der HFF Potsdam (jetzt mal polemisch gesprochen).

Das muss sich dringend ändern. Ich halte es für die Pflicht eines Senders der den deutsch-französischen Kulturaustausch fördern soll (und den Namen arte trägt) die Produktion von kantigen, politischen, ästhetisch-anspruchsvollen, dramaturgisch-experimentellen und unformatierten Stoffen als oberste Priorität anzusehen.

Dies geschieht bisher nur in Ansätzen. Die Serie About:Kate (die im samstäglichen Nachtprogramm versteckt war) ist ein schönes Beispiel. Auch die (leider chronisch unterfinanzierten) Webprojekte von arte (Creative, Future) gehen in die richtige Richtung. In punkto interaktive Projekte ist arte international gut aufgestellt (auch wenn die Finanzierung nur für französische Projekte gut funktioniert).

Aber: Da geht mehr. Wenn sich arte zu dem revolutionären Schritt entschliessen könnte sich vom trägen Vollprogramm-Ballast zu trennen, wären mehrere Millionen Euro für die Förderung der deutsch-französischen Film- und Kulturszene frei, die jetzt in den Ankauf und die Produktion von Fließbandfernsehen gesteckt werden, das ein reibungsarmes Durchglotzen (im Sinne von Audience Flow) garantieren soll.

Eine gut aufgestellte Webplattform mit wirkliche spannenden Inhalten, die das Ziel hat an die internationale Spitze des anspruchsvollen Film-, Format- und Serienmarktes zu kommen, hätte die Chance die Krise des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – die uns in den nächsten zehn Jahre erbarmungslos überrollen wird – zu überleben. Und außerdem die Chance als strahlender, visionärer und mutiger Sieger aus diesem Umbruch hervorzugehen. Das erreicht man nämlich nicht indem man nur Serienerfolge wie Breaking Bad und Borgen ankauft, die die Zielgruppe schon längst beim Binge Watching verschlungen hat.

»Wenn es um mein eigenes Fortkommen durch Unterhaltung geht statt um die auf mich übergreifende, mich kapernde Ausweitung unternehmerischer Anteile an einem Aufmerksamkeitsmarkt, wird das Verhältnis von Unterhaltung und Ästhetik die zentral wichtige Rolle spielen. (…) Ein Kunstwerk ist gar nicht dazu da, mich zu unterhalten, vielmehr ‘sieht es mich an’ (…) stellt mich in einen Kontext, der mich staunen macht, und fordert mich heraus.«

Michael Jäger

Und um Kunst geht es doch, arte, oder!?