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Diggin‘ The Crates: Cymande

Wohl wenige Bands sind so prädestiniert für die Diggin‘-Rubrik wie Cymande. Das Londoner Kollektiv mit karibischen Wurzeln veröffentlichte zwischen 1971 und 1974 drei Alben und verschwand danach für viele Jahre in den hinteren Schubläden staubiger Plattenläden. Obwohl Cymande nach Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums gemeinsam mit der Soul- und Gospellegende Al Green durch die USA tourten und dabei sogar zu einem Gig im legendären New Yorker Apollo Theater gelangten, blieb ihnen der große Mainstream-Erfolg versagt. Ihr hybrider Entwurf von Funk, der Elemente des Calypso, Jazz, Motown-Soul, Afrobeat und sogar Psychedelic Rock vereinigte, war wohl für eine gerade von James Browns ‚Sexmachine‘-Phase in den Bann gezogene Öffentlichkeit einfach zu komplex.

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Meine erste Begegnung mit Cymande geschah eher untypisch über den Umweg zweier Compilations aus dem Umfeld des Berlin-Karlsruher Innervisions-Labels, nämlich Henrik Schwarz‘ DJ Kicks von 2006 und der letztjährigen, von Schwarz gemeinsam mit seinen Labelmates Dixon und Âme kompilierten Minimal-Musik-Zeitreise The Grandfather Paradox. Beide Compilations sind in ihrem etwas zu offensichtlichen und leicht prätentiösen Checkertum (Arthur Russell, Steve Reich) genau meine Tasse Tee und featuren in Form von ‚Anthracite‘ und des gesanglastigen ‚For Baby Oh‘ jeweils eine der unzähligen Nischen des schillernden Cymande-Universums.

In HipHop-Kreisen sind Cymande aber dank Rotation auf solch sakralen Plattentellern wie denen von Kool Herc und Grandmaster Flash schon länger keine Unbekannten. Spätestens seit De La Souls kongenialer Verwendung von Bra für Change In Speak auf ihrem 1989er-Debüt 3 Feet High And Rising ist ihnen der Platz im kollektiven Sample-Gedächtnis nicht mehr zu nehmen.

Ein Jahr später zog Masta Ace nach und bediente sich für Me And The Biz bei The Message und seinen ohrwurmtauglichen Bläsersätzen.
Die Fugees bescherten Cymande schließlich 1996 ganz warholesk einen so unverhofften wie kurzen Moment echten Mainstream-Fames, als sie den Titeltrack ihres Albums The Score auf dem bekifften Dove (‚Cymande‘ bedeutet im Calypso-Slang ‚Taube‘) aufbauten. Jedoch lohnt sich auch abseits nerdiger Sample-Genealogie eine Reise in den Cymande-Kosmos.

Ihr drittes und letztes Album Promised Heights hätte sich mit seinem visionären SlowMo-Funk auch gut in der mehr als 20 Jahre später grassierenden Downtempo-Welle um Kruder & Dorfmeister gemacht. Darauf findet sich mit Brothers on the Slide auch der nicht nur dank der Nightmares On Wax-Dubversion heute wohl bekannteste Cymande-Song.

Ein simpler Gitarrenlick und provozierend lässiger Groove sorgen weit vor Drexciya und Rhythm & Sound für den perfekten Soundtrack zum transatlantischen Rhizom-Wachstum. Das ‚Promised Heights‘ in den USA zuerst gar nicht veröffentlicht wurde, wundert angesichts der in Rassenfragen äußerst konservativen amerikanischen Musikindustrie kaum. Alle drei Cymande-LPs sind mehrfach re-released und u.a. bei hhv.de zu ziemlich günstigen Preisen zu ergattern.

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  1. Cooler u sehr informativer Artikel. „The Score“ war im Nachhinein auch mein Lieblingstrack vom Album, gerade wegen des Beats. Jetzt weiß ich, woher er stammt 🙂

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